Nackt und bloß nicht!

Fleisch 60, Sommer 2021 
Text: Robert Treichler
Fotos: Rudi Strobl                            

Wer die absolute Freiheit sucht, wird sie im FKK-Bereich des Strandbads Gänsehäufel finden, oder er wird sie gar nicht finden. Ich war dort.

Nude 52

Der Weg zur völligen Freiheit ist verschlungen und voller Rätsel. Kommen Sie mal mit! Am Eingang zum Strandbad Gänsehäufel stehen zwei Arten von Menschen Schlange vor den Kassen: Solche, die baden wollen, und solche, die frei sein wollen. Letztere haben keine Badehose und keinen Bikini dabei. Ich gehöre zu Letzteren. Ich werde meinem Körper heute zum ersten Mal in seinem Leben in aller Öffentlichkeit die unendliche Freiheit schenken. Mein Körper ist übrigens 52 Jahre alt, und ich bin mir nicht sicher, ob er sich so richtig darüber freuen kann. Vielleicht denkt er sich, dass ihm das mit 25 mehr Spaß gemacht hätte, aber es ist mir peinlich, ihn das zu fragen.

Freiheit dank Strenge

Der FKK-Bereich liegt unweit des Wellenbeckens vorne an der Donau und ist gut abgeschirmt durch blickdichte Zäune und Hecken. Aber wieso eigentlich? Wenn die Freiheit darin besteht, alles abzulegen, Badehose und Scham, dann wäre es doch nur konsequent, dass es einem völlig egal ist, ob einen jemand dabei sieht. Stattdessen muss man in einem Durchgang zweimal um die Ecke biegen, um den Ort der angeblich völligen Freiheit zu erreichen. Zudem ist es hier Vorschrift, keine Kleider zu tragen. Vorschrift? Tja, uneingeschränkte Freiheit entfaltet sich offenbar nur dank strenger Regularien.

Alle Theorie ist nackt

Pierre Bourdieu, einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, sagte, dass der Körper durch seine Befreiung zum symbolischen Kapital werde. Weil er nunmehr sichtbar sei, müsse er gepflegt, schön, schlank, durchtrainiert und gebräunt sein. Diese Theorie mag überzeugend klingen, hakt aber daran, dass Bourdieu nachweislich nie im FKK-Bereich des Gänsehäufels war.

Body Positivity

Nein, wir alle hier auf der Nackedei-Wiese sind keineswegs übermäßig gepflegt, schön, schlank, durchtrainiert und gebräunt. Ohne mir selbst oder sonst jemandem nahetreten zu wollen: Drüben, wo man Shorts, Tanga und Badeanzug trägt, ist der Body-Mass-Index signifikant niedriger und die Attraktivität im Schnitt höher. Allerdings hat die Zivilisation unlängst ein wichtiges Gimmick hervorgebracht, das uns von jeglichem Druck, schön, schlank etc. sein zu müssen, erlöst: die Body Positivity. Diese besagt, dass jeder und jede schön sei, auch die Hässlichen. Der Begriff „hässlich“ ist im vorangegangenen Satz als historische Rückblende zu verstehen, ein Flashback aus einer Ära, als es noch hässliche Leute gab. Die sind mit einem Schlag ausgestorben wie die Äthiopische Wassermaus. Jetzt sind wir alle genau gleich schön wie die Schönen. Allerdings beschleicht mich eben beim Panoramablick über meinen befreiten Körper und dessen Kollegen das Gefühl, dass die Body Positivity manchmal schlappmacht wie ein Schwimmtier, das ein Loch hat.

Die unvermeidliche FKK-Frage

Ehe Sie sie stellen können: Nein.

Mein Kleiner vs. Philippe Starck

So, ich gehe jetzt ins Wasser. Der Weg vom Handtuch bis ins Tiefe bietet ausreichend Gelegenheit, an sich selbst runterzublicken. Ich habe mal an einem Workshop des Designers Philippe Starck teilgenommen, der dort gefragt wurde, wie er den menschlichen Körper redesignen würde. Er antwortete, dass er am weiblichen Körper gar nichts ändern würde, der sei perfekt. Der männliche hingegen stinke ziemlich ab. Da würden „allerlei Dinger rumbaumeln, die die meiste Zeit über keine Funktion“ hätten, und das sei doch eine ziemliche Fehlplanung. Gott, wie recht er hatte! Ich bin froh, als die Alte Donau mich gnädig verschluckt.

Was soll die Scham?

Vielleicht ist hier, wo man am Buffet nackt Frankfurter mit Pommes abholt, der falsche Ort, um diese Frage zu stellen, aber trotzdem: Warum empfinden wir überhaupt Scham? Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt vermutete, dass es ein Problem für unsere Spezies wäre, ständig entblößte Geschlechtsorgane vor Augen zu haben. Wir würden ständig an Sex denken, was uns von sinnvolleren Betätigungen abhalten würde. Ich muss jetzt meinen kleinen Freund mit Sonnencreme einschmieren. Alle in meiner Nähe dösen und scheinen sich top im Griff zu haben.

Liberté, Nudité!

Ich gammle jetzt seit einer guten Stunde nackt herum. Fühle ich mich frei? Eins mit der Natur? Auch nicht wirklich. Wir befinden uns auf einer künstlich angelegten Insel, ich esse gezüchtete Erdbeeren aus einer Plastikschale, mein iPhone spielt einen Podcast und ich schütze meine Augen mittels einer Ray Ban vor der Sonne – und bloß weil ich auf eine kurze Hose verzichte, soll ich mich eins mit der Natur fühlen??? Welche Natur? Die Ameise, die ich eben erschlagen habe? Der Fisch, der in der Donau unter mir durchschwimmt und in mir kurz Panik auslöst? Nö, wir sind nicht eins, Fisch, und ich rate dir, mein baumelndes Dings nicht mit einem Köder zu verwechseln!

Rechts nackt, links nackt

Hinter der Freikörperkultur, dem Naturismus, oder wie immer man das nennt, steckt immer eine Ideologie. Mal war sie links-progressiv, und man traf sich nackt im „Bund für sozialistische Lebensgestaltung und Freikörperkultur“, mal rechts, im Sinne der völkischen Ideologie der Ertüchtigung des „volksdeutschen Körpers“. Ich frage mich, woran man das erkennt, ob man sozialistisch oder völkisch nackig rumläuft, und ob es auch einen gemäßigten, liberalen Flügel gibt, oder vielleicht eine Art rot-grün-pinke FKK-Koalition? Es ist verdammt heiß, und Politik unten ohne strengt an.

Freedom is just another word for nothing left to lose

Plötzlich entdecke ich beim Kramen in meiner Badetasche eine Badehose. Willensfreiheit! Ich ziehe sie an und gehe.

 

Erschienen im Sommer 2021. Fleisch 60 – On the Road – ist bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

 

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