Kalt & Warm

Fleisch 54, Winter 2019 
Text: Christoph Wagner
Fotos: Mark Glassner                              

Es gibt Paarungen, die entstehen nicht aus Liebe, sondern aus purer Notwendigkeit. Weil der eine den anderen braucht, um etwas zu erreichen, und umgekehrt. Clemens Doppler und Alexander Horst sind Österreichs bestes Beachvolleyball-Team. Manchmal wirkt es aber so, als würden sie gar nicht zusammengehören. Sie selbst sehen das nicht so eng.  

 

Donnerstag, 2. August 2012, es ist kurz vor zehn Uhr abends und in Horse Guard Parade, der weitläufigen Beachvolleyball-Anlage bei den Olympischen Sommerspielen in London, hat sich ein Typ so weit zurückgezogen, dass man glauben könnte, er möchte nie wieder auftauchen: Alexander Horst sitzt irgendwo hinter einem Zelt, und er starrt einfach nur geradeaus. Er will niemanden sehen. Gar niemanden. Und ganz sicher nicht seinen Partner Clemens Doppler.

20 zu 22. 12 zu 21. Horst und Doppler hatten gerade ihr letztes Vorrundenspiel bei den Olympischen Spielen verloren, und eigentlich wäre das sogar egal gewesen, denn mit einer normalen Niederlage wären die beiden trotzdem noch ins Achtelfinale des Turniers aufgestiegen und wer weiß, was dann passiert wäre. Drei Siege hätten dann noch zu einer Olympiamedaille gefehlt, vier zu Gold.

Aber die beiden haben eben nicht normal verloren, der zweite Satz war so ziemlich das Mieseste, was die beiden jemals gemeinsam auf einem Beachvolleyball-Platz geboten haben. Sie haben Bälle verschlagen, die man normalerweise nicht verschlagen kann, haben Blocks falsch gesetzt, idiotisch aufgespielt, so dass der andere nichts damit anfangen konnte. Es war einfach wirklich scheiße. Und das Beschissenste war,  dass am Ende nur ein Punkt gefehlt hat. Ein Punkt mehr und sie wären trotz Niederlage weitergekommen. Ein lächerlicher Punkt. Den letzten, bei 12 zu 20, hatte Horsts Partner Clemens Doppler verschlagen. Draufgedroschen, der Ball flog daneben, ein letztes Mal für diesen Tag. Damit waren sie raus. Aus. Vorbei. 12 zu 21.

Und jetzt? 

Jetzt sitzt Alexander Horst irgendwo und Clemens Doppler irgendwo anders. Die Gegner, zwei Schweizer, jubelten, aber das war egal. Horst hatte einfach die Schnauze voll. Man muss so etwas erst einmal verarbeiten, sagte er später. Als am nächsten Tag das österreichische Beachvolleyball-Team aus London Richtung Wien flog, war einer der beiden Spieler nicht in der Maschine. Sie brauchten mal ein bisschen Abstand.

Beachvolleyball ist ein perverser Sport. Das sagen vor allem die, die mal versucht haben, vom Beachvolleyball zu leben. Es gibt kaum einen anderen Sport, in dem man so abhängig von einer anderen Person ist, vielleicht noch beim Tischtennisdoppel, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Im Grunde stehen zwei Einzelsportler nebeneinander auf dem Platz, die im Wettbewerb aber im Team funktionieren müssen. Wenn einer schwächelt, kann der andere wenig tun, um ihn aufzufangen. Es ist nicht wie beim Tennis, wo man im Doppel vielleicht mal ein bisschen mehr macht, um den Partner mit der mentalen Blockade mitzuziehen oder wachzurütteln, es ist nicht wie beim Segeln, wo man Aufgaben des anderen übernehmen kann, und es ist auch kein verkappter Einzelsport, wo die Teamleistung von einer bestimmten Person abhängt und der zweite Partner nur der Helfer ist so wie beim Zweierbob-Fahren oder Rodeln. Beim Beachvolleyball kann man sich nicht helfen, wenn einer der beiden einen schlechten Tag hat, dann kann der andere machen, was er will – er sitzt auf dem Beifahrersitz in die Niederlage.

Ein Team ist immer nur so stark wie sein schwächstes Glied, heißt es: Klar, aber beim Fußball oder Handball oder Eishockey wechselt man das schwächste Glied einfach aus und es geht weiter, als wäre nichts gewesen. Beim Beachvolleyball geht das nicht. Da ist mitgehangen tatsächlich mitgefangen. 

Und am Ende hat das natürlich auch alles ökonomische Auswirkungen: Man kann vom Beachvolleyball leben, wenn man wirklich gut ist, wirklich reich wird man damit aber so gut wie nie. Auf dem Beachvolleyball-Platz stehen also nicht etwa zwei Millionäre nebeneinander, die sich ganz entspannt die Kugel zupritschen und eine Durststrecke problemlos wegstecken. Wenn bei einem der beiden über mehrere Monate der Wurm drinnen ist, dann kann sich auch der andere gleich mitüberlegen, ob er nicht vielleicht Turnlehrer werden soll oder das Trainee-Programm bei der Versicherung antritt, um die Miete weiter bezahlen zu können. Da hilft es ihm auch nicht, wenn er selbst gerade in der Form seines Lebens ist.

Man muss sich schon sehr gern haben, um sich darauf einzulassen. Oder gerade nicht?

London war ein Wahnsinn, sagt Alexander Horst. Sieben Jahre sind seit damals vergangen. Und nicht nur, dass er immer noch Beachvolleyball spielt – er spielt immer noch mit Clemens Doppler. Er lehnt sehr lässig an einer Bar im Clublokal des Maxx Sportcenters in Wien-Floridsdorf und trinkt einen Cappuccino, heute geht sich das gut aus, auf der Tangente war wenig Verkehr. Lange hätte er gebraucht, um London wegzustecken, sagt er, und währenddessen schmiert er auf seine linke Armbeuge Voltaren, dieses milchig-weiße Schmerzgel, das jeder kennt, der Sport macht – und das jeder schon mal gerochen hat, der in einer Sportgarderobe war. Horst spricht und schmiert, er schmiert, schmiert weiter, mit dem Daumen drückt er so fest hinein, als würde er die Creme unter seine Haut pressen wollen. Er habe genau gewusst, wie viele Punkte sie gebraucht hätten, sagt er dann, aber der Clemens wollte es nicht wissen. Es hätte ihn nur rausgebracht. 

„Rausgebracht.“ Wenn er das heute sagt, kann er schon fast ein bisschen lachen, denn noch mehr draußen sein als die beiden damals im zweiten Satz kann man eigentlich nicht sein. Horst wollte von der Partie jedenfalls lange nichts mehr wissen, er wollte mit niemandem darüber reden, am liebsten einfach nur weg aus London, so schnell es geht. Den Abstand hätte er gebraucht. Auch zu seinem Partner. Nicht wegen ihm, sagt er, vor allem wegen sich selbst. 

Es dauert nicht lange, da kommt auch Doppler in das Trainingscenter. Er schmeißt seine Sporttasche in die Ecke unter der Garderobe – so wie an jedem Wochentag in diesen Vorbereitungsmonaten. „Zu spät“, ruft Horst ihm zu, Doppler verdreht die Augen, bestellt Kaffee. Er ist immer zu spät, sagt Horst und schüttelt dabei den Kopf. Er meint es nicht ganz ernst, aber schon ein bisschen, so wie ein Typ, der sich mit den Macken seines Partners abgefunden hat, weil er sie schon so lange kennt, es aber einfach immer noch nicht ganz versteht, warum der Kollege auch nach zehn Jahren die Kaffeetasse nicht in den Geschirrspüler räumen kann, obwohl man ihn wirklich täglich darum bittet. Alex Horst ist jedenfalls immer pünktlich, immer der Erste: vor der Pizzeria, beim Einchecken in den Flieger, am Aufwärmcourt und auch sonst überall, wo es eine Reihenfolge gibt. 

Doppler/Horst, sieben Jahre nach dem Wahnsinn von London sind sie immer noch ein Team und nach wie vor Österreichs beste Beachvolleyballer: Seit Herbst 2011 spielen sie zusammen, und als das damals angefangen hat, da war das für die meisten in der Szene eine absolut logische Vernunftpartnerschaft. Sie waren die beiden besten Einzelspieler des Landes, gleichzeitig war aber nicht ganz klar, ob die beiden überhaupt zusammenpassen. In seinen alten Paarungen war Doppler nämlich eher der defensivere Spieler im Rückraum, sein Partner kümmerte sich um die Blocks. Alex Horst ist kleiner als die, mit denen Doppler bis jetzt gespielt hat, und obendrein einer der besten Verteidigungsspieler der Welt. Doppler musste also umlernen und sich auf den Block, eine ganz andere Position, spezialisieren. 

Und mal abgesehen von allem Sportlichen galten die beiden für die anderen in der Szene als menschlich vielleicht nicht ganz kompatibel. Zwei Alphas. Zwei, die immer recht haben müssen. Zwei, denen man vorwerfen könnte, mit ihren Partnern nicht immer so umgegangen zu sein, wie man es in einem Team vielleicht tun hätte müssen. 

Egal. Doppler/Horst wurden zu einem der besten Beachvolleyball-Teams der Welt, holten Top-Plätze auf der World Tour, gewannen 2014 in Italien EM-Bronze und wurden 2017 in Wien Vizeweltmeister. Es war der größte Erfolg in der Geschichte des österreichischen Volleyballs. Kaum ein Team auf der World Tour spielt länger zusammen als die beiden. Doppler ist mittlerweile 39 Jahre alt, Horst 36. Ihr nächstes großes Ziel ist Peking 2020, vielleicht sogar ihr letztes. Wenn es mit der Qualifikation klappt, wären es ihre dritten gemeinsamen Olympischen Spiele. 

Doch all die Jahre fragte man sich trotzdem immer wieder, wie die beiden das überhaupt miteinander meisterten. Denn immer wieder gab es zwischen ihnen Momente, wo man dachte: Pfuh, da läuft jetzt überhaupt nichts mehr
zusammen. Sie motzten sich während der Matches an, wenn einer schlecht spielte, dann sagte ihm der andere das auch, und zwar so, dass man als Zuschauer gut mithören konnte. Wenn der eine Interviews gab, verdrehte der andere die Augen, wenn ihm etwas nicht passte. Und wenn der Frust zu groß wurde, krachte es auch so richtig. Einmal brüllten sie sich während eines Trainings so an, dass auch die Bewohner des Gemeindebaus daneben noch etwas davon hatten. 

In der Beachhalle hat Robert Nowotny mit bunten Hütchen, Stangen und Leitern einen Parcours für ein spezielles Zirkeltraining aufgebaut. Nowo, wie er genannt wird, ist Nationaltrainer der österreichischen Beachvolleyball-Herren. Er war früher selbst Profi, für das Duo Doppler/Horst ist er Trainer, Manager, Pressemann, Susi für alles und manchmal, sagt er, auch Kindergärtner. An den Innenseiten der Oberarme der Spieler ist ein Sensor mit einem Gummiband befestigt, der den Puls misst. Auf dem Smartphone kann er das Training überwachen.

„Zwischen 150 und 160“, sagt Nowo, als die beiden mit der Übung beginnen. 150, das ist ungefähr der Puls, den man bei einem Ballwechsel hat.
„Den hab ich aber beim Gehen“, schnaubt Horst. 
„Er muss schneller machen“, keucht Doppler, als er Horst in der Runde eingeholt hat. Und dann: „Du hörst dich schon an wie ein Traktor.“
Vier Durchgänge zu acht Minuten absolvieren die beiden, einen Teil ihrer Pause dazwischen verbringen sie mit Stabilitätsübungen in der Ausgangsposition für Liegestütze.
„Komm, einmal Stabi noch“, sagt Doppler nach dem letzten Durchgang. Die beiden sind vollkommen fertig.
Horst hievt sich in die Höhe: „Du findest keinen anderen 39-Jährigen auf dem Planeten, der das freiwillig macht.“ Sie schütteln sich die Zeigefinger. 

Alex Horst und Clemens Doppler kennen sich deutlich länger, als sie zusammen spielen, die Volleyball-Szene in Österreich ist so klein, dass man sich ab einem gewissen Leistungslevel einfach kennt – und sich neckt. Horst nannte Doppler, der in der Jugend in Oberösterreich spielte, einen Bauern. Für Doppler war Horst nichts anderes als ein überheblicher Wiener. Als er wenig später selbst nach Wien wechselte, zogen sie zusammen.

Natürlich, das sagen sie auch selbst, hat das, was sie jetzt tun, etwas mit Vernunft zu tun. Damit, dass sie eingespielt sind, sich in- und auswendig kennen, sie Werbeverträge haben, die wegen der Marke Doppler/Horst abgeschlossen wurden und nicht wegen Doppler oder Horst und jemand anderem. „Wir sind in einem Alter, da kann man nicht mehr tun und lassen, was man will“, sagt Alexander Horst. Während der gemeinsamen Partnerschaft ist er zweimal Vater geworden, Doppler einmal. 

Wenn sie über sich selbst sprechen, sagen sie immer: Ihre Beziehung zueinander ist wie eine Ehe – nur ohne die schönen Dinge. Der Satz funktioniert so gut, dass ihn der Stadion­sprecher beim Beachvolleyball für die Vorstellung der beiden ausborgt, und er sitzt so perfekt, dass er auch auf dem Sofa von Stermann und Grissemann ein paar Lacher einbringt. 

Aber natürlich ist da etwas dran. 

Die beiden sehen einander deutlich öfter als ihre Familien. Wenn sie auf Turnieren unterwegs sind, teilen sie sich manchmal ein Doppelzimmer, wenn sie Pech haben, sogar ein Bett und eine Decke, im Beachvolleyball gibt es selten Einzelzimmer, es geht wirklich nicht ums große Geld. „Zwei Einzelbetten, bitte“, das ist ein Satz, der zwar bei Stermann und Grissemann keine Punkte bringt, aber bei manchen Turnierreisen zumindest eine ruhige Nacht. Im Team gibt es außerdem ein Schlaf-Radl, jeder schläft Turnier für Turnier mit jemand anderem in einem Zimmer, einmal mit dem Coach, mit dem Physio und so weiter. Über die Jahre haben sie sich so eine Wohlfühlatmosphäre geschaffen, die aus dem Abhängigkeitsverhältnis, in dem sie sich befinden, viel Druck rausnimmt. Allen voran eben mit ihrem Team, im Speziellen mit Nowo, ihrem Coach, der sie, wenn sie unterwegs sind, nicht nur auf die Spiele einstellt, sondern zur Ablenkung mit Doppler Kaffee trinken geht und mit Horst Hosen kaufen, wenn sie eine Auszeit voneinander brauchen. Oder sich über das Pantheon einliest und dann davor referiert, wenn sie in Rom nach einem Vormittagsspiel nicht wissen, was tun mit ihrer Zeit. Dass sie im Flieger kaum noch nebeneinander sitzen, erwähnen sie in dem Zusammenhang nur noch nebenbei. 

Aber es gibt auch Momente, die zeigen, dass sie sich viel näher sind, als es von außen manchmal aussieht. Wenn im gemeinsamen Zimmer der eine dem anderen den Laptop leise zuklappt, wenn der bei einer Serie eingeschlafen ist, zum Beispiel. Oder wenn sie nach der Saison manchmal zusammen in den Urlaub fahren, obwohl sie sich dieses Jahr schon über 300 Tage gesehen hatten. Oder – aber das ist nicht das Ungewöhnlichste – sich im großen Erfolg tief in den Armen liegen. Wobei vielleicht doch, weil sie alles andere mehr sind als die großen Umarmer.

Dass sie sich nicht verstehen sollen, sagt Doppler, sei sowieso der größte Schwachsinn. Keine zwei Saisonen würde er es mit jemandem aushalten, mit dem er außerhalb des Platzes nichts anfangen könne. Dass es aber auf dem Platz selbst schon mal kracht, das liege in der Natur der Sache, sagt Horst. Beide würden nun mal unbedingt gewinnen wollen. Es ist das, was sie zusammengebracht hat, und wahrscheinlich auch das, was sie immer noch zusammenhält. Weil es hätte auch Exit-Möglichkeiten gegeben. 2016 wollte der damalige Verbandspräsident die beiden trennen, weil sie angeblich ihren Zenit erreicht hätten. Doppler/Horst sagten Nein, riskierten, keine Sportförderungen mehr zu bekommen, und wurden im Jahr darauf Vizeweltmeister. Beide sind sich sicher: Mit keinem anderen Partner hätten sie das geschafft. 

Wenn es zwischen ihnen lauter wird, würde es von außen wilder aussehen, als es eigentlich ist. Streiten würden sie nämlich sowieso nur über Spielsituationen und Taktiken. Jeder Punkt zählt, das sei belastend, wenn es schlecht läuft, und irgendwie müsse man da gemeinsam durch. Zoff, sagt ihr Trainer, ist eine Art Ventil. Doppler/Horst wären da keine Ausnahme, keine Besonderheit auf der Tour. Jeder würde sich hin und wieder fetzen. Außer vielleicht die beiden Norweger Anders Mol und Christian Sørum, die aktuelle Nummer eins der Welt. Aber worüber soll man sich auch streiten, wenn man alles gewinnt? Nowotny meint, es darf auch laut werden, solange es nicht diffamierend wird. Und das seien die beiden aber wirklich nicht, eher im Gegenteil: „Ich finde sogar, sie sind fast zu lieb zueinander.“ 

Horst sagt über sich selbst, dass er auf dem Platz manchmal eine Watschn braucht, um wieder aufzuwachen, um besser zu spielen. Doppler ist da ein bisschen anders. Irgendwann hat er seinen Partner gefragt: „Wenn ich einen Hänger habe und du motzt mich an, glaubst du dann wirklich, dass ich nachher besser spiele?“ Mit den Jahren, sagt er, ist auch das besser geworden. Ganz wegnehmen würde er seinem Partner sein Temperament aber niemals. Weil er weiß, wenn er die ganz Guten schlagen will, braucht er einen herumschnauzenden Partner neben sich, der rauf auf 180 muss, um seine beste Leistung abzurufen.  

Irgendwann während der vergangenen Jahre haben sie sich angenähert, sich selbst im Team gefunden. Am Anfang hätte jeder sagen wollen, wo es langgeht, was gespielt wird. Zwei Alphas eben oder zwei gleich laute Pfeifen, wie es ihr Trainer sagen würde. Mit der Zeit hätten sie es aber geschafft, immer mehr Gleichgewicht in ihr gemeinsames Spiel zu bringen. Ein Lernprozess, der, glaubt Doppler, mit Mitte 20 noch nicht möglich gewesen wäre: „Ich musste jahrelang spielen, um zu verstehen, dass man sich nicht so wichtig nehmen soll.“ Beide würden jetzt besser wissen, wie sie schneller und produktiver zu Lösungen während des Spiels kommen, und auch, wie sie mit den Macken des Partners umgehen. Die hätten sich mit der Zeit sowieso schon verwässert. Viele Dinge, glauben sie, die andere an ihnen stören würden, würden sie selbst gar nicht mehr mitbekommen.

Nach dem Training sitzt Clemens Doppler in der Herrengarderobe, die sich die Volleyballer mit der Tennislaufkundschaft teilen. Es ist kurz vor elf Uhr am Vormittag, eine ideale Zeit für ein Senioren-Doppel. Mit dem Rücken zu ihm sitzt ein alter Mann, der einen Kniestrumpf über sein linkes Bein zieht, dann einen zweiten über sein rechtes. Doppler hatte drei Kreuzbandrisse, zwei links, einen rechts. Als das im rechten Knie riss, sagte Horst: „Gut, ich warte auf dich.“ Es war ein Vertrauensbeweis. Das war 2013.

Angeregt unterhält sich Doppler mit dem Alten über ein Tennisspiel, das sie beide gestern im Fernsehen gesehen haben. Wie kriegt der Tsitsipas diesen Kick-Aufschlag hin? Doppler ist hier im Maxx Sportcenter jemand zum Angreifen. Er weiß, dass die Rezeptionistin Maxi heißt, dass die Dame, die ihm das Essen serviert, die Romana ist und der Typ, der gerade in der Garderobe die Müllsäcke wechselt, auf Bojan hört. 

Alex Horst weiß das wahrscheinlich auch. Aber er ist anders, nicht unfreundlicher, aber zurückhaltender. Wenn er zu Beginn der Partnerschaft bei der Pressekonferenz etwas gefragt wurde, begann seine Antwort immer mit „Wie der Clemens schon gesagt hat …“

Horst steht vor dem Spiegel in der Garderobe. „Wie schau ich aus?“, fragt er Doppler.

„Schirch. Und jetzt geh.“

Er weiß, dass die Tochter krank ist und wartet.

Morgen sehen sie sich sowieso wieder.

 

Erschienen im Winter 2019. Fleisch 54, bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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