Auf ihrem Weg zum Horizont

Fleisch 61, Herbst 2021 
Text: Christoph Wagner
Fotos: Niko Havranek                              

Während Corona haben sich auch viele Künstler:innen ihre ganz eigene Wahrheit zusammengebastelt. Nena, zum Beispiel, ist mittlerweile so weit, dass sie gar nicht mehr auftreten will. Ein letztes Mal dann aber doch noch. Im schönen und maskenlosen Brunn am Gebirge. 

 

Schnell das Handy raus, das ist doch mal ein Bild, der Papa hat es geschafft und jetzt gibt es zwei neue Schlüssel­anhänger in der Familie: einen Mini-Minion für die Mama im zartrosa Dirndl und mit weißen Converse und dann noch einen zweiten, der aussieht wie ein bunter Eichhörnchen­schweif, mit dem normalerweise die Katzen spielen. Erschossen hat ihn der Papa mit einer Luftdruckknarre am Stand von Lucky Games Riedl. Es ist wirklich ein guter Tag, und er geht ja gerade erst los, weil ein paar Stände weiter gibt es Langos und Gratiskulis und in zwei Stunden kommt dann auch noch Nena!  

Also wenn sie kommt. Zuletzt war es nicht sicher, ob Nena auftritt oder ob sie wegen der vielen Corona-Maßnahmen nicht nur auf alle Konzerte im nächsten Jahr pfeift, sondern auch schon auf die Brunner Wiesn, eine Miniatur-Variante des Münchner Oktoberfests in Brunn am Gebirge nahe Wien. Nicht mal der Veranstalter war sich betreffend Nenas Gemütslage so sicher, erst in der Früh hatte Wiesn-Moderator Roman Gregory bei oe24.tv erklärt: „Ich bin mir nicht sicher, ob Nena weiß, welche Regeln hier in Österreich herrschen.“

Nena ist zurzeit alles zuzutrauen, und das liegt wohl an Corona. Angefangen hat alles mit einer Instagram-Story. Es war diesen März und im deutschen Kassel marschierten zwanzigtausend Menschen durch die Straßen, ohne Genehmigung, ohne Masken und ohne Abstände, dafür mit massiven Ausschreitungen. Nena postete auf ihrem Account ein Video von der Demo und beschriftete es mit „Danke Kassel“ sowie einem weißen Herz. Im Juli wurde eines ihrer Konzerte abgebrochen, weil sie ihre Fans dazu aufgefordert hatte, die Hygieneregeln zu ignorieren. Dann tauchte sie bei einer privaten Gartenparty von Corona-­Leugnern, Reichsbürgern und QAnon-Anhängern auf und dazwischen postet sie laufend wirres Zeug auf Insta­gram. Zum Beispiel das: „Ich habe meinen gesunden Menschenverstand, der die Informationen und die Panikmache, die von außen auf uns einströmen, in alle Einzelteile zerlegt.“ Der Beitrag ist heute nicht mehr zu finden. Am Anfang war es nicht ganz klar, ob Nena sich nur auf einem ausgedehnten Eso-Trip befindet und bei den Corona-Leugnern nur zufällig angestreift ist. Jetzt stellt sich diese Frage nicht mehr. Nena ist mittendrin in dieser eigenartigen Parallelwelt, in der sich, wenn es um Corona geht, eine ganz eigene, eine andere Wahrheit durchgesetzt hat.

Sie ist damit aber längst nicht die einzige Künstlerin, die in Sachen Pandemiebekämpfung verhaltensoriginell auffiel. Vor ihr waren schon einige andere unterwegs, traten gegen Impfung, Abstände, Masken und Einschränkungen auf. Die Telegram Boys zum Beispiel, also die Hardcore-Truppe rund um Xavier Naidoo und Michael Wendler, oder Eric Clapton, der so wie Nena jetzt auch keine Konzerte mehr geben will, bei denen die Besucher:innen einen Impfnachweis brauchen. Sogar Madonna hatte sich im Internet verirrt und einen Artikel über eine angebliche Impf-Verschwörung mit ihren 15 Millionen Followern geteilt. Noch einigen Millionen mehr Followern hatte Formel-1-Pilot Lewis Hamilton über seinen Account Angst vor Mikrochips gemacht. Und dann war da noch die Sängerin Nicky Minaj, die so viel Blödsinn über die Impfung verbreitete, dass ihr das Weiße Haus sogar anbot, mal vorbeizukommen und sich alles in Ruhe erklären zu lassen.

Man könnte da jetzt ziemlich lang so weitermachen und Promis auflisten, die in die Impfskeptiker-Szene abgedriftet sind, die meisten davon mit sehr viel medialer Begleitmusik. Aber warum ärgert uns das so? Liegt es wirklich nur daran, dass da plötzlich auch alte Idole dabei sind, von denen man enttäuscht ist, Vorbilder oder zumindest geschätzte Persönlichkeiten, welche, die davor (Xavier Naidoo ausgeschlossen) ziemlich oft auf der vermeintlich richtigen Seite standen? Oder regt es einfach deswegen auf, weil es in jeder Familie mindestens eine:n gibt, der oder die momentan eine ähnlich krude Sicht auf die Dinge hat?

Die Brunner Wiesn, zumindest schaut das an diesem Donnerstag so aus, ist nicht der Ort, um solche Fragen groß zu besprechen. Hier sind nur zwei Dinge wichtig: Wenig Luft im Glas. Und das Nena-­Konzert. Ob Nena aber geimpft ist, Bachblüten nimmt oder jeden Tag drei Minuten nackt auf einem Bein hüpft und dabei „Völlig losgelöst“ singt, um das Virus in die Flucht zu schlagen, das ist jedem hier völlig egal. Hauptsache, sie singt. Kurz nach 18 Uhr, goldbesonntes Brunn von oben, animierende Musik, Jägermeister aus Bauchläden und eine gute Nachricht: Nena ist angeblich schon auf dem Gelände. Eine Frau mit einem T-Shirt, auf dem in fünf Farben NENA NENA NENA NENA NENA steht, kommt zurück an den Stehtisch vor dem „Schaum Wein Chalet“, nimmt einen kräftigen Schluck aus der Flöte und sagt zu ihren Mädels: „Das wird heute rrrrrrrrichtig geil.“ Die Brunner Wiesn läuft schon länger, die Zelte stehen seit ein paar Wochen, die Essens- und Getränkestände auch, es gibt Heuballen zum Herumlungern und ein Tagada. Wer eines der drei „G“ erfüllt, der darf auf die Wiesn, gratis, nur die Konzerte am Abend kosten extra und dafür sollte man sich besser schon vor einiger Zeit um Tickets gekümmert haben. Die „Spider Murphy Gang“ war schon da, die „Draufgänger“ haben auch schon ein Konzert gegeben, in einer Woche kommt Bonnie Tyler und ganz am Ende steigt die große Ballermannparty mit Lorenz Büffel, Almklausi und Ikke Hüftgold. Nena ist aber so was wie der Superstar der Wiesn, ihr Konzert ist seit Tagen ausverkauft und das, obwohl 3.000 Menschen ins Zelt passen. 

Aber kommen die wegen oder trotz Nenas Corona-Thesen? Fragt man eine Expertin, sagt die, dass sie es noch viel mehr wundern würde, würden solche Stimmen von Prominenten momentan fehlen. „Bei sehr großen Ereignissen wie der Pandemie wollen wir auch eine große Erklärung haben – und so etwas wie ‚Zufall‘ oder ‚passiert halt einfach‘ ist vielen zu wenig“, so die Psychologin und Psychotherapeutin Ulrike Schiesser. Sie arbeitet seit über zehn Jahren in der Bundesstelle für Sektenfragen und wenn man einen Schritt weitergehe in Richtung Verschwörungstheorien, müsste man viel eher fragen: Warum sollten Promis da weniger hineinkippen als der Rest der Bevölkerung? Der Grund, warum sie trotzdem so herausragen, habe einerseits natürlich mit ihrer Präsenz zu tun, aber auch, weil es – statistisch gesehen – immer noch relativ wenige sind, die sich dazu öffentlich äußern. „Mir kommt es vor, als würden sich da viele zurückhalten“, so Schiesser.

Trotzdem: Die Außenwirkung der wenigen war enorm. Auch wenn es keine Zahlen über ihren tatsächlichen Einfluss gibt, könnte man mit Reichweiten und Glaubwürdigkeiten herumrechnen, vor allem im Hinblick darauf, dass es den Eindruck machte, als würde jede Woche ein neuer Promi mit Sendungsbewusstsein mit alternativen Thesen zur Pandemie auftauchen. Oder zumindest mit einer kleinen Verharmlosung. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Aktion #allesdichtmachen, bei der sich Mitte April 53 deutschsprachige Schauspieler:innen mit kurzen überspitzten Clips über die Coronavirus-Politik lustig machten. Die meisten von ihnen hatten aber nicht damit gerechnet, dass so wenige Menschen die zynische Aktion gutheißen, heute sind wahrscheinlich deswegen nur noch 27 Videos davon abrufbar, darunter auch noch jene von Nina Proll und Roland Düringer. Der Rest scheint irgendwann zurückgezogen worden zu sein. 

Drinnen im Zelt, kurz nach acht, unten alles schon dicht an dicht, oben auf der Bühne ein leichtes Kratzen im Hals von Wiesn-Moderator Roman Gregory: „Wo sind die Fans von Neeeeeenaaaaaaa?“ Wahrscheinlich im ganzen Zelt, das günstigste Ticket kostet 49,90 Euro, zufällig stolpert da keiner rein, aber sicher ist sicher. Dann kommt ein anderer Anheizer auf die Bühne, brüllt: „Keine Sorge, keine Maske!“ Dann spielt es den Masken-Song von Mickie Krause, was schräg ist, weil es in dem Lied darum geht, dass eine Frau vernascht wird, die nichts anhat, außer eine Maske, also eigentlich das Gegenteil. Nicht so wichtig, den Leuten gefällt’s und ein paar Minuten später kommt Roman Gregory wieder auf die Bühne, ein bisschen aufgeregter als vorhin. Die Nena, die Nena ist schon da, aber sie kommt nicht durch, also bitte, lieber weißer Skoda-Fahrer am V.I.P-Parkplatz, park doch deine Karre um und mach den Bühneneingang frei. 

20.46 Uhr, Nena und Band kommen auf die Bühne, auf ihrem T-Shirt steht „Remember Love“, sie sagt nichts, beginnt gleich mit dem ersten Lied „Noch einmal“. A Wucht, findet ein Typ mit Österreich-Adler auf der Brust, echt toll. Sein Freund  daneben hantelt sich seinen mit Helium gefüllten Ballon in Bierkrugform von der Decke und prostet mit dem Ding Richtung Bühne. Immer wieder beugt sich Nena nach unten zum Publikum, klatscht mit ihnen ab, nach einer Viertelstunde sagt sie dann: „Lasst uns leben ganz ohne Scheiß, das ist auch das Motto des heutigen Abends.“ Und dann: „Ihr wisst, dass ich eine ganz eigene Sicht auf die Dinge habe, aber in Österreich ist es so nice: Da trägt keiner mehr diese komischen Dinger im Gesicht. Ich glaub, das Virus hat sich verlaufen in Österreich!“ Ein Blick in ihr Gesicht von weit weg auf die große Leinwand, ein kurzer einseitiger Augenkontakt: Die meint das ernst.

Nun könnte man das Engagement mancher Kulturschaffenden in die Richtung so erklären, dass sie es in den vergangenen zwei Jahren besonders schwer hatten, dass der Groll, trotz einer möglichen Lösung für ihre Probleme (die Impfung), noch zu stark ist. Aber vielleicht ist es auch die Suche nach Applaus in einer Zeit, in der es für sie zu wenig gab? „Es ist sicher so, dass sich viele in dieser Zeit alleine gelassen fühlten, dass sie sich gefragt haben: Werden wir noch gesehen?“, sagt die Psychologin Ulrike Schiesser. In einer aktuellen Studie der Universität Mainz kam heraus, dass vor allem jene Personen finstere Mächte am Werk vermuten, die sich selbst ungerecht behandelt fühlen. Selbst dann, wenn deren Machenschaften sie selbst gar nicht betreffen. 

Natürlich, sagt auch Hannes Eder, der ehemalige Chef von Universal Österreich, sei das keine leichte Zeit gewesen für die Künstler:innen und gerade deshalb müsse man aufpassen, wie man sich jetzt positioniert, oder besser gesagt: wie man sich nicht positioniert. „Wenn ich mir die Zahlen anschaue, halte ich es für nicht besonders schlau, sich als Maskenverweigerer zu positionieren, da krieg ich ganz wenig Applaus und sonst nur Häme“, so Eder, der jetzt unter dem Label „Phat Penguin“ unter anderem Kruder & Dorfmeister betreut. Nachsatz: „Außer ich bin die John Otti Band.“

Und wenn man sich die Statistik genauer ansieht, hat Eder recht, viel dürfte es für Maßnahmengegner:innen – zumindest geschäftlich – nicht zu gewinnen geben. Laut einer Eurobarometer-Umfrage im Juni wollen sich acht von zehn Befragten bis zum Jahresende impfen lassen, in Österreich wollen bis Ende des Jahres sogar 81 Prozent geimpft sein. Nur neun Prozent der Europäer:innen beziehungsweise zwölf Prozent der Österreicher:innen gaben an, sich niemals gegen Corona impfen lassen zu wollen. 

Bei Künstler:innen wie Xavier Naidoo oder Nena glaubt Eder gar nicht daran, dass sich da jemand groß um Positionierungen Gedanken macht: „Es würde mich schon sehr wundern, wenn da ein Masterplan eines Managements dahintersteckt, da geht es eher um fortgeschrittene Verstrahltheit.“ 

Zurück im Zelt. Die leichte Verblasenheit ihrer Heldin dürfte den Fans in Brunn recht egal sein. Das Konzert läuft mittlerweile schon über eine Stunde, die Leute stehen auf Bierbänken und Tischen, feiern, trinken und grölen mit, im breiten Mittelgang hat sich alles zusammengeschoben, es ist heiß geworden. Nur weiter hinten, dort, wo die Menge endlich bricht, schunkeln am Rand zwei echte Exotinnen. Die beiden Damen tragen FFP2-Masken, eine in Babyblau, die andere in Ferrarirot, seit Juni muss das keiner mehr, auch nicht drinnen, aber sicher ist sicher, sagen sie. Und was ist mit dem, was die Nena da zwischen den Liedern quatscht? – „Ist egal, mir san wegen de Lieder da.“ Es ist ein Lear­ning: Den Künstler vom Werk trennen, dafür braucht es keine große Debatte um Morrissey im Feuilleton, das lässt sich ohne große Umwege auch schnell im Bierzelt entscheiden.

Um 22.39 Uhr pfeift Roman Gregory dann den Spaß ab, davor gab es die wahrscheinlich längste Nena-Zugabe aller Nena-Konzerte. Leergetanzt schieben sich die Leute nach draußen, die großen Skandale, auf die die Boulevardzeitungen gewartet haben, hat es nicht gegeben. Zwischen ein paar Trachtigen sitzt ein Mann auf einem Strohballen, auf seinem T-Shirt steht #JAzurFreiheit und er verteilt an alle, die mit ihm reden wollen, kleine ausgeschnittene Zettelchen. „Heilung statt Impfen?!“ steht drauf und darunter ist eine chemische Formel abgebildet. Sie steht für Chlordioxid und wenn man doch so blöd wäre und sich impfen lässt, sagt der Mann, sollte man zum Gegensteuern am besten gleich das nehmen.

Das Nena-Konzert auf der Brunner Wiesn war, von außen betrachtet, beinahe genau das, was sich so viele Maßnahmengegner:innen, darunter auch einige Künstler:innen, gewünscht hatten: Die große Freiheit zurückbekommen. Wieder zusammenrücken, sich berühren dürfen, hemmungslos sein. Alles war hier wieder möglich. Es gab die Freiheit, keine Maske tragen zu müssen, auf Abstände, egal, welcher Tiergröße, zu pfeifen, und es war sogar möglich, eigenartige Zettel mit chemischen Formeln zu verteilen, ohne dass sich jemand beschwert. Was will man mehr? Im großen Zelt haben während „99 Luftballons“ fremde Leute miteinander Selfies gemacht, es wurde wild geschmust und getanzt; 3.000 Menschen waren da und bis auf ein paar Kleinigkeiten war es wieder genauso wie früher. Beinahe so wie früher, muss es heißen. Weil alle, die dabei waren, hatten sich davor impfen oder testen lassen oder mussten genesen sein, das war der Deal des heutigen Abends.

Für 3.000 Leute war das okay, für die auf der Bühne ist es das anscheinend noch nicht. 

Erschienen im Herbst 2021. Fleisch 61 – Wahrheit – ist bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

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