Kandahar, 

Afghanistan, 1998

Fleisch 49, Herbst 2018 
Text: Martina Bachler
Illus: Marie Vermont                             

Im August 1998 verübt die radikal-islamistische Terror-Organisation Al Quaida tödliche Anschläge auf US-Botschaften in Kenia und Tanzania. Ihr Drahtzieher ist Osama Bin Laden. Er lebt in der Nähe von Kandahar. So wie Janan, der damals 11 Jahre alt war. Eine Erinnerung an den Dauerzustand Krieg.

 

1998 lebte ich etwas außerhalb von Kandahar, dort, wo ich geboren wurde. Der Ort zählte damals zum Umland, heute ist er in der Weitläufigkeit der Provinzstadt aufgegangen. Wir wohnten in den Resten unseres Hauses, das einmal ein schönes Haus gewesen war, das Haus zweier Ärzte. Mein Vater und meine Mutter hatten beide Medizin studiert, sie waren erfolgreich, angesehen und wohlhabend. Dann folgte auf den Krieg gegen die Sowjetunion der afghanische Bürgerkrieg. Er hatte auch unser Haus zerstört.
Mein Vater, meine ältere Schwester und ich waren 1997 aus Kabul zurückgekehrt. Das Haus richteten wir so weit her, dass wir wieder darin leben konnten. Trotz der Spuren der Granaten, trotz der Einschüsse. Ich wurde in diesem Jahr 11 Jahre alt, meine Schwester 14. Sie war wie eine Mutter für mich.
Meine Mutter, eine Tadschikin, lebte mit meinen zwei jüngeren Geschwistern 1998 in der Nähe von Kabul. 500 Kilometer entfernt. Wir konnten nicht telefonieren, denn es gab keine Telefonleitungen mehr. Wir konnten sie nicht holen, denn das war zu gefährlich. Ein paar Mal hatte es mein Vater dennoch versucht. Einmal schlug knapp neben ihm eine Granate ein. Splitter überzogen sein Gesicht, seinen Rücken, seine Arme. Er war bewusstlos, als ihn ein Bekannter fand. Wir dachten, er stirbt. Doch er überlebte. 

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Janan, der 1987 in der Nähe von Kandahar zur Welt kam, lebt und arbeitet heute in Wien. Der Angriff der USA, der 2001 als Antwort auf die Al Quaida-Anschläge gestartet wurde, ist in seiner Erinnerung „die schlimmste der schlimmen Zeiten.“ Er konnte trotz aller Kriege in seinem Land die Schule fertig machen und mit einem Stipendium in Indien studieren. Als er 2011 zu Besuch bei seiner Familie war, wurde sein jüngerer Bruder von den Taliban entführt. Gegen Geld kam er frei. Als sein Vater daraufhin sagte: „Verlasst dieses Land, verlasst dieses kaputte Land“, sind sein jüngerer Bruder und er nach Europa geflohen. Ein weiterer Bruder ist heute in den USA. Die Eltern und die Schwester Janans leben in Afghanistan. Er sagt: „Immer in Angst, immer im Krieg.“

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Meine Mutter und meine jüngeren Geschwister waren außerhalb von Kabul geblieben, weil wir nicht alle gemeinsam hätten fliehen können. Drei Leute lassen sich in einem Bus leichter verstecken als sechs. Drei Leute können auch abwechselnd auf einem Esel reiten, um sich zu erholen, bei sechs macht das keinen Sinn mehr. Wir waren also vorausgegangen. Der Krieg hatte uns zurück nach Kandahar getrieben, so wie er uns ein paar Jahre zuvor von dort nach Kabul getrieben hatte. Zur Familie meiner Mutter, die Tadschikin ist. Nun saß sie dort fest. Der Weg war gefährlich, schwer vermint und von Checkpoints unterbrochen. Vertrauten, die ihn dennoch wagten, gaben wir Briefe an meine Mutter mit. Auf dem gleichen Weg schickte sie uns Geld. Sie arbeitete weiter als Ärztin. Im Verborgenen. Anders war es ihr als Frau nicht mehr erlaubt.

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Kandahar, die Hauptstadt der gleichnamigen und großteils von der Volksgruppe der Pasch- tunen bewohnten Provinz im Süden Afghanistans, ist 1998 das religiöse Machtzentrum des Landes. Hier lebt und regiert Mullah Omar, der 1994 mit Gleichgesinnten die afghanischen Taliban gegründet, mit ihnen die Warlords und Stammesfürsten im Süden besiegt und 1996 auch Kabul eingenommen hat. 1998 wollen die Taliban schließlich den Norden unter ihre Gewalt bringen. Sie werden 90 Prozent des Landes kontrollieren, und sie werden es allen, die nicht zur Volksgruppe der Paschtunen gehören, nicht mehr erlauben, sich frei im eigenen Land zu bewegen.

Mullah Omar ist von 1996 bis 2001 Oberhaupt des „Islamischen Emirats Afghanistan“, er ist „Befehlshaber der Gläubigen“. Das Haus, das er in Kandahar bewohnt, hat ihm ein guter Freund gebaut, den er aus dem gemeinsamen Kampf gegen die sowjetischen Besatzer kennt: Osama Bin Laden. Der gebürtige Saudi hat 1996, als er aus dem Sudan verwiesen wurde, Mullah Omars Gastfreundschaf gesucht, er finanziert dafür in Kandahar etwa den Bau eines Einkaufszentrums und einer Moschee. Bin Laden lebt auf der aus 80 Gebäuden bestehenden „Tarnak Farm“ gleich neben dem Flughafen Kandahars. Sie wird zur Ausbildungsstätte der Al Quaida. Mohammad Atta und Ziad Jarrah werden hier ihren letzten Willen aufzeichnen, bevor sie am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York steuern.

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1998 gab es bei uns kein Telefon, aber es gab manchmal wieder Strom. Es gab wieder fließendes Wasser, aber keine asphaltierten Straßen, Autos hatten fast nur die Taliban. Neue Autos, nicht die alten russischen Dinger. Es gab keine Schule, die wir besuchen hätten können, nur die Koranschule hatte offen. In unserem halb zerstörten Haus hatten wir keine Waschmaschine und auch sonst keine Haushaltsgegenstände mehr. Wir waren ja lange weg, bei der Familie meiner Mutter. Aus einem leer stehenden Haus nahm sich jeder, was er brauchen konnte. Wir machten es genauso.

Unglaublich viele Häuser wurden aufgegeben. Die Menschen flohen vor den Taliban, sie flohen nach Pakistan, in den Iran. Aus den verlassenen Gebäuden holten wir uns dann zum Beispiel Holz. Viel mehr gab es nicht mehr zu holen. Die Milizen des Bürgerkriegs hatten kaum etwas übrig gelassen.

Für Kandahar war es wahnsinnig kalt in diesem Winter Anfang 1998. Wir mussten also heizen. Was von unserem Besitz noch übrig war, musste ich auf der Straße verkaufen. Das war mein Job. Kleidung, Schuhe, alles tauschte ich gegen Geld.

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Am 23. Februar 1998 veröffentlicht die „World Islamic Front“ eine Fatwa gegen die USA: „Zur Pflicht eines jeden Muslims soll es werden, die Amerikaner und all ihre Verbündeten zu töten; ob Zivilisten oder Militärs. Jeder, der befähigt ist, aus jedem Land, in dem er befugt ist, soll die heiligen Stätten von Ungläubigen befreien und sie aller islamischer Länder verweisen. Die Ungläubigen müssen niedergezwungen werden, um die Bedrohung von uns Muslimen abzuwenden. [...] Im Namen Allahs rufen wir jeden gottgläubigen und gottgefälligen Muslim dazu auf, dem Befehl Allahs zu folgen und die Amerikaner zu töten. Man nehme deren Vermögen, wo und wann immer es sich anbietet. [...] Wer der Pflicht nicht nachkommt, den wird Allahs bittere Rache ereilen.“
Unter den fünf Unterzeichnern ist Osama Bin Laden.

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Manchmal wollten wir Kinder auch gar nicht in die verlassenen Häuser, sondern in die verlassenen Gärten. Hinter den hochgezogenen Lehmmauern, die uns Muslime vor fremden Blicken schützen sollen, waren die eingeschossigen Häuser fast überall von Gärten umringt.

"In und um Kandahar sind die Marillen schon im Frühling reif, so weit südlich liegen wir. Wir kletterten über die Mauern, stiegen in die Gärten ein und holten Marillen, Gurken, Melonen und Granatäpfel, wir bissen gleich vor Ort hinein. Das waren die schönsten Momente. Da wusste ich wieder, welche Jahreszeit wir gerade hatten, welches Jahr. Zwischendurch verschwamm alles. Anders als bei allem anderen mussten wir das Obst, das wir holten, nicht gleich wieder verkaufen. Die Granatäpfel aus Kandahar sind die besten der Welt."

 

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Schon 1997 hat die CIA zweimal durchgespielt, wie sie mit der Hilfe von afghanischen Volksgruppenführern Osama Bin Laden in der "Tarnak Farm" fassen würde. Sie hat ihn als Drahtzieher und Finanzier zunehmenden Terrors ausgemacht, hat ihn über Jahre beobachtet. Eine dritte Generalprobe findet im März 1998 statt. Im Juni soll die Operation dann durchgezogen werden.
Im Mai gibt Bin Laden in einem seiner Camps Interviews, unter anderem dem US-Sender ABC. Er sagt unter anderem: „Wir glauben, dass die schlimmsten Diebe und die schlimmsten Terroristen heute die Amerikaner sind. Nichts kann uns stoppen, außer vielleicht Gegenanschläge. Wir müssen nicht zwischen Zivilisten und Militär unterscheiden. Sie alle sind Ziele für uns.“
Ende Mai aber wurde die für Juni angesetzte CIA-Operation gegen Bin Laden abgeblasen. Die USA befürchten „zu viele zivile Opfer“.



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Mein Tag im Jahr 1998 begann für mich um vier Uhr früh, denn um fünf Uhr mussten wir für das erste Gebet in der Moschee sein. Er endete, wenn es dunkel wurde. Um 19 Uhr aßen wir zu Abend. Meine Schwester kochte, mit 14 Jahren, ganz allein. Es gab nie viel, Fleisch gab es so gut wie gar nicht mehr. Meist aßen wir einfach Kartoffeln. Wichtig war, dass wir grünen Tee hatten. Schwarzer Tee war ein Zeichen von Armut, und diese Blöße wollte sich mein Vater nicht geben. Von 8 bis 18 Uhr arbeitete ich, unterbrochen von den Gebeten, entweder in einem Lebensmittelgeschäft oder einfach auf der Straße. Alle Kinder machten das so. Es gab keine Schulen mehr, die Not war groß und Arbeit wurde generell höher geschätzt als Bildung. Die Mädchen aber mussten zuhause bleiben. So bestimmten es die Taliban.

Sie verbreiteten überall Angst. Vor einem einzigen Talib hatten wir zehnmal so viel Angst wie vor den Kämpfer aus den Stammesmilizen im Bürgerkrieg. Damals hatte jede Straße einem anderen Clan, einer anderen Einheit gehört. Ständig war Krieg. Er kam von nirgendwoher, er war immer einfach plötzlich da. Keine Sirenen kündigten ihn an. Solange ich mich erinnern kann, lag über jeden Tag die Gewissheit: Gleich kann es wieder losgehen. Dann versteckten wir uns, suchten Unterschlupf, hofften, dass es ein weiteres Mal gut geht. An Leichen auf den Straßen hatten wir uns gewöhnt, an einzelne, zerfetzte Körperteile, eingetrocknetes Blut und starre, offene Augen. Manchmal versuchten wir, die Menschen wie ein Puzzle wieder zusammenzusetzen. Wir Kinder liefen immer als Erste hin. Wir wollten wissen: Wer ist dieses Mal gestorben?

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Am 18. April 1998 trifft Bill Richardson, US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, in Kabul und Shebergan Vertreter der Taliban und der afghanischen Nordallianz. Es ist der erste Besuch eines hochrangigen Diplomaten oder Politikers aus den USA seit 20 Jahren. Der Waffenstillstand, den er verhandelt, hält wenige Tage. Dass die Taliban einige der Verbote, die das Leben von Frauen massiv einschränken, wieder aufhebt, wird nie Realität. Richardsons Forderung, Osama Bin Laden auszuliefern, wird abgelehnt.

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Wir brauchten Geld, um Lebensmittel zu besorgen. Oft reichte es nicht. Das World-Food-Programm der Vereinten Nationen hatte Hilfe versprochen. Vier, fünf Kilometer außerhalb unseres Ortes verteilten die Helfer Brot. Es machte mir nichts mehr aus, so weit barfuß zu gehen, ich kannte es nicht mehr anders. Trotzdem weinte ich den ganzen Weg dorthin. Wir brauchten das Brot, und ich sollte es holen, ich trug die Verantwortung.

Obwohl wir zu dritt waren, bekam ich nur zwei Stück Brot. Dennoch war ich stolz, als ich sie meinem Vater überreichen konnte. Ich erzählte ihm nicht, dass ich geschlagen, weggedrängt und beschimpft worden war, als ich mit den Erwachsenen in der Schlange stand. Dass sie ihre Wut an mir ausließen. Wenn man so weit gegangen ist und das Brot riechen kann, gibt man nicht mehr auf.

 

"So lange ich mich erinnern kann, lag über jedem Tag die Gewissheit: Gleich kann es wieder losgehen. Dann versteckten wir uns, suchten Unterschlupf und hofften, dass es ein weiteres Mal gut geht. An Leichen auf den Straßen hatten wir uns gewöhnt, an einzelne, zerfetzte Körperteile, an eingetrocknetes Blut und starre, offene Augen. Manchmal versuchten wir, die Menschen wie ein Puzzle wieder zusammenzusetzen."

 

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Am 7. August 1998 verübt Al Quaida im Auftrag von Osama Bin Laden Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi, Kenia, und Daressalam, Tansania. 224 Menschen sterben, über 5.000 werden verletzt. Bin Laden wird zum Gesicht des internationalen Terrorismus. Alle Beteiligten sind in seinen afghanischen Camps ausgebildet worden. US-Präsident Bill Clinton befielt Angriffe auf Bin Ladens Lager in der afghanischen Provinz Kohst, wo Al Quaida seit dem Frühjahr Kämpfer aus dem arabischen Raum trainiert. Am 20. August schlagen hier 66 Marschflugkörper ein. Bin Laden ist nicht da. Er wird in Kandahar gesehen.

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Im Sommer hat es in Kandahar bis zu 50 Grad. Am Nachmittag versickert das ohnehin ruhige Leben, man schläft und zieht sich zurück, weil es so heiß ist. Manchmal sind wir Buben dennoch abgehauen. Wie haben uns davongestohlen, um in dem kleinen Fluss in der Nähe unseres Hauses zu schwimmen. Mein Vater schimpfte, er schrie und tobte, wenn er es mitbekam. Überall gäbe es Minen. Aber wir wussten, wo die Minen waren. Es gehörte zu unserem Alltag, das zu wissen. Unser Alltag bestand darin, zu überleben.

Manchmal hatten wir Glück, und die Taliban ließen uns Kinder spielen. Sie nahmen uns sogar manchmal auf ihren Toyota Land Cruisers mit, ließen uns auf der Ladefläche sitzen, die Füße nach unten baumeln und fuhren so wild, dass es uns irgendwo runterschleuderte. Das ging aber nur, wenn sie gerade nichts vorhatten, und wenn sie uns gerade nicht bestrafen wollten. Sie fanden immer Gründe, uns zu schlagen. Oft auch mit der Peitsche. Wenn der Turban nicht richtig saß. Wenn sie glaubten, wir hätten nicht gebetet. Sie kontrollierten sogar unsere Füße, die gewaschenen sein mussten, wenn wir in der Moschee waren. Die Taliban selbst stanken hingegen wie die ärgsten Schweine. Sie wuschen sich nie.
Manchmal ließen sie uns nicht nur spielen, sondern spielten sogar mit uns. Dann rollten sie das Turbantuch aus, hielten es an den Enden und machten es zum Trampolin.

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Das Taliban-Regime erlässt auch 1998 eine Reihe von Verordnungen, die das Land maßgeblich verändern, die Menschenrechte massiv verletzen und vor allem Frauen jeder Form der Freiheit berauben. Der Religionsrat, der in Kandahar zusammentrifft, zwingt Frauen nicht nur dazu, sich komplett zu verschleiern, sondern erlässt auch, dass sie das Haus ohne männliche Begleitung nicht mehr verlassen dürfen. Nicht einmal wenn sie zum Arzt müssen. Tanzen, Fotografieren und Musik sind ebenso verboten wie das Tragen von weißen Socken, das Halten von Kanarienvögeln, Drachensteigen oder Fußballspielen. Papiersäcke sind verboten, weil auf Papier einmal Koranverse gestanden haben könnten. NGOs dürfen nur mehr eine Niederlassung im Land haben, und diese in Kabul.

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Meistens bekam es mein Vater gar nicht mit, wenn wir uns davon stahlen. Nach dem Mittagsgebet war er in der Regel bis zum Abend fort. Wir wussten nie, wo er war. Wir wussten nur, er hatte Angst. Immer. Er wollte nicht, dass ich auf die Straße gehe. Er fürchtete ständig, die Taliban würden uns irgendwann holen. Wir waren anders als die meisten Familien um uns herum. Man Vater hatte immer gewollt, dass wir zur Schule gehen. Bei den Paschtunen im Süden Afghanistans war es hingegen üblich, früh zu arbeiten, früh zu heiraten und früh Kinder zu bekommen. Die Familie meines Vaters hasste ihn für seine Haltung.  

Er selbst arbeitete nicht mehr. Wenn Menschen kamen und ihn, den Arzt, um Hilfe baten, half er ihnen, das schon, aber er bekam fast nie Geld dafür. Warum das so war, verstehe ich bis heute nicht. Dafür arbeitete ich.

Mein Vater hasste die Taliban, aber er hielt sich an ihre Regeln. Statt Anzügen trug er nur noch traditionelle Gewänder und einen langen Bart. Die Haare am Kopf und unter den Achseln schnitt er sich und mir radikal kurz. Obwohl ich ein Kind war.

 

"Oft erzählte mein Vater davon, wie es früher gewesen war. Er hatte Alkohol getrunken, meine Mutter hatte Miniröcke getragen, im Radio war internationale Rockmusik gelaufen. Als ich ein kleines Kind war, hatten wir einen Fernseher und ich durfte mir Cartoons anschauen. 1998 war das schon weit weg. Es gab nur mehr das Taliban-Radio, es spielte nur Kampflieder, wir kannten sie alle." 

 

 

Manchmal wollte ich die Taliban mit meinem Gesang beeindrucken, manchmal, in dem ich den Koran rezitierte. Ich war einer der wenigen, der ihn auch lesen konnte. Oft nahm ich aus dem Lebensmittelgeschäft, in dem ich arbeitete, Bananenkisten mit, in denen noch Papier längst verbotener Zeitungen lag. Die lasen wir dann, meine Schwester und ich. Damit wir das Lesen nicht verlernen.

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Am 8. August 1998 bringen die Taliban die nordafghanische Stadt Mazar-e-Sharif, die bisherige Hauptstadt der Nordallianz, unter ihre Kontrolle. Laut dem späteren Bericht des Sonderberichterstatters der UN-Menschenrechtskommission, Choong-Hyun Paik, werden hier binnen Tagen zwischen 4.000 und 5.000 Angehörige der Volksgruppen der Tadschiken und Usbeken, vor allem aber der Hazara ermordet. Der Bericht spricht von „Mordrausch“. Hunderttausende Menschen fliehen.
International wahrgenommen wird vor allem, dass die Taliban dabei auch elf Diplomaten aus dem benachbarten Iran ermorden. Iranische Truppen beziehen daraufhin an der Grenze zu Afghanistan mit 200.000 Mann Stellung. Ein Vergeltungsschlag hätte Kandahar zur Frontstadt gemacht. Für den 20. September ist ein Treffen mit diplomatischen Vertretern aus den USA, Russland, Afghanistan und seinen Nachbarstaaten anberaumt. Irans Außenminister erscheint nicht, Vertreter der Taliban werden nicht zugelassen, da sie keine der Forderungen hinsichtlich der Einhaltung der Menschenrechte nachkommen.

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Ich versuchte, den weiten Weg aus der Arbeit nachhause nicht immer zur Gänze zu Fuß zu gehen. Manchmal fuhren Minibusse. Wenn man sich aufs Dach setzte, zahlte man den halben Preis. Einmal hatte ich überhaupt kein Geld mehr, war aber besonders müde. Der Fahrer sagte, setz dich direkt vor mich. Ich setzte mich zwischen seine Beine. Er nahm  eine Hand vom Lenkrad und legte sie mir in den Schoß. Ich schrie, sprang raus und lief nachhause. Meinem Vater erzählte ich nichts davon. Niemandem konnte ich das erzählen. Das alles war verboten.

Verbote waren auch das große Thema der Mullahs in der Moschee. Abgesehen von der Straße waren sie unsere einzigen Informationsquellen. Nur durch sie erfuhren wir, was geschah. Das meiste geschah aber ohne Erklärung und ohne Ankündigung. Am Turbinengeräusch konnten wir erkennen, welche Flugzeuge im Anflug sind, und erahnen, welche Waffen sie einsetzen werden. Wir Kinder kannten alle Gewehre, alle Handfeuerwaffen. Wir kannten alle Patronen und konnten ihre Hülsen zuordnen. Patronenhülsen waren unser Spielzeug.  Ein Kreis in den Staub gezeichnet, und wer mit der Hülse hineintrifft, hat gewonnen. Stundenlang spielten wir das, wetteten um immer höhere Einsätze und trugen die gewonnen Patronen, unsere Währung, nach Hause.  

Mein größter Stolz aber war mein Fußball. Ich hatte ihn in einer Straße gefunden, er war alt und verbraucht und zertreten. Mit Stoffetzen, die ich irgendwo auflas, reparierte ich ihn immer wieder. Meine Schwester half mir beim Nähen. Sie durfte das Haus überhaupt nicht mehr verlassen. Ich weiß nicht, wie sie das ausgehalten hat.

Wir Buben hingegen organisierten Fußballturniere. Die Taliban tolerierten das, obwohl der Sport verboten war. Meine Straße spielte dann gegen die nächste Straße. Es waren harte Spiele, ohne Wiese, ohne Tore. Es war das Schönste, was wir machen konnten.

Im Fußballstadion.von Kandahar führten die Taliban öffentliche Bestrafungen durch. Die Mullahs luden dazu ein. Den Mullahs mussten wir auch melden, wenn sich jemand nicht an die Regeln hielt. Dann schickten sie die Taliban. Wenn Bestrafungen stattfanden, wurde die ganze Woche davor über die Lautsprecher der Moscheen dazu aufgerufen, ins Stadion zu kommen. Auch wir Kinder wollten sehen, was dort geschieht. Einmal töteten die Taliban öffentlich eine Frau. Man konnte sie nicht erkennen, weil sie, wie alle Frauen, voll verschleiert war. Sie schossen sie in den Kopf. Über Wochen erschien mir diese Frau in meinen Träumen. Ich fürchtete ihre Rache. Meine Schwester musste bei mir schlafen, um mich zu beruhigen.

 

"Auch wir Kinder wollten sehen, was im Fußballstadion bei den Bestrafungen geschieht. Einmal töteten die Taliban öffentlich eine Frau. Man konnte sie nicht erkennen, weil sie, wie alle Frauen, voll verschleiert war. Sie schossen sie in den Kopf. Über Wochen erschien mir diese Frau in meinen Träumen. Ich fürchtete ihre Rache."

 

In ihrem Bericht über Afghanistan im Jahr 1998 hält die Menschenrechtsorganisation Amnesty International fest: Zehntausende Frauen blieben de facto Gefangene in ihren eigenen Häusern. Tausende Zivilisten wurden gefangengenommen, sie wurden misshandelt und gequält. Tausende Menschen wurden systematisch getötet, tausende verschwanden. Es gab mindestens acht angekündigte Auspeitschungen, 14 Amputationen und zehn Exekutionen, aber die tatsächlichen Zahlen werden weit höher geschätzt. Die Verbrechen fanden in Fußballstadien statt. In Kabul sahen dabei 30.000 Menschen zu. Viele sagten, sie seien dazu gezwungen worden. Fünf Menschen, die wegen „Sodomie“ angeklagt wurden, starben, indem sie von einer einstürzenden Mauer begraben werden. Einige der Exekutionen mussten von den Familien der Täter ausgeübt werden. Die Taliban verhinderten akute humanitäre Hilfe durch NGOs in den nordafghanischen Gebieten. Junge Hazara-Frauen wurden massenvergewaltigt und Taliban im Süden des Landes zur Frau gegeben. Nicht-Paschtunen, die bei Check-Points um Dschalalabad aufgehalten wurden, wurden verhaftet, darunter waren Kinder, die nicht älter als 12 Jahre waren. Auch Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen wurden verhaftet.

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Wir auf der Straße kannten auch die Drogenhändler. Sie waren wahnsinnig reich. Ich brachte ihren Kindern Mathematik und Schreiben bei, wenn die Händler das wollten. Sie gaben mir dafür Essen und Geld. Gutes Essen, das war unser Deal. Ich hatte keine Angst, dass die Taliban mich deshalb schlagen. Die Drogenhändler zahlten ihnen Steuern. Wer Geld hatte, konnte sich mit den Taliban engagieren.

Die Drogenhändler erzählten mir immer, sie würden mich in den Iran schicken, wenn ich 15 Jahre alt bin. Zum Schmuggeln. 200.000 Afghani würde ich dafür bekommen. Meinem Vater sagte ich davon nichts. Aber jeder kannte Jugendliche, die das Angebot annahmen. Sie hätten sonst für die Taliban kämpfen müssen. Jede Familie stand vor der Wahl: Entweder sie gibt den Taliban Geld oder die Taliban nehmen ihre Söhne.

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Am 4. November 1998 verurteilen die USA Osama bin Laden und Mohammed Atef, den Militärchef Al-Quaidas, für 224 Morde im Rahmen der Anschläge von August. Das US-Außenministerium setzt ein Kopfgeld von Millionen US-Dollar für Osama bin Laden aus.

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1998 war meine Familie auf zwei Orte aufgeteilt. Ich vermisste meine Mutter sehr. Auch meine Tanten, ihre Schwestern. Als wir alle zusammen in der Nähe von Kabul Zuflucht gefunden hatten, waren die Tanten unsere Lehrerinnen. Zu Hause, heimlich.
Ich schrieb meiner Mutter. Sonst gab es keine Möglichkeit, mit ihr Kontakt zu haben. Meine Briefe kamen nicht oft bei ihr an. Ich schrieb ihr auch, um mich bei zu beschweren. Über die Arbeit, über den Alltag, über all das, woran es tagaus, tagein mangelte. Ich beschwerte mich darüber, dass nichts wirklich half. Später, als wir wieder vereint waren, las sie mir diese Briefe vor und wir weinten.

Ein paar Straßen weiter wohnte in einem großen, leeren Haus ein altes Ehepaar. Sie hatten nichts, aber sie konnten Geschichten erzählen. Unendlich viele. Wir Kinder saßen dort und hörten den beiden Alten zu. Wenn sie erzählten, verschwand alles andere aus unseren Gedanken. Im Sommer hatten wir die Stunden am Fluss. Im Winter hatten wir diese Geschichten.



Erschienen in Fleisch #49, im Herbst 2018. Das gesamte Heft widmete sich dem Jahr 1998 – dem letzten guten Jahr.

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