Ja, nein, vielleicht

Fleisch 58, Winter 2020 
Text: Christoph Wagner
Fotos: privat                             

Wenn es in diesem Land Menschen gibt, die am besten lieber heute als morgen verschwinden sollten, dann sind das Afghanen um die zwanzig. Sie lungern am Praterstern herum und verticken Drogen, sind eine Bedrohung, ungebildet, gewaltbereit. Sie verstehen unsere Kultur nicht und nützen nur unser Sozialsystem aus. Also weg mit ihnen, das sagt zumindest die ÖVP und wer auch immer gerade mit ihr regiert. Aber wenn man diese dumpfen Klischees mal auf die Seite räumt, was bleibt dann übrig?

Vor ziemlich genau fünf Jahren kreuzten sich in einer WG für minderjährige Flüchtlinge in Wien die Wege von fünf Jungs. Alle sind Afghanen, aber aus unterschiedlichen Landesteilen. In Wien leben sie zusammen, sie lernen Deutsch, gehen zur Schule und werden gemeinsam erwachsen, mit allem, was so dazugehört. Dann wird die WG aufgelöst, die Burschen gehen getrennte Wege. Sie bekommen Asyl oder tauchen in die Illegalität ab, um nicht abgeschoben zu werden.

Hier erzählen sie ihre Geschichte.

***

Die Eisentüre neben dem Einfahrtstor kann man immer noch auftreten, man braucht nur genug Schwung. Ein Tritt, die Tür geht auf, dann fällt sie wieder zu und alles sieht genauso aus wie davor. Niemand wird je merken, dass die Türe kurz offen war, und bis vor drei Jahren war das gar nicht unwichtig. Bis die Flüchtlingsunterkunft für Jugendliche, die hinter der Eisentüre liegt, geschlossen wurde, war der Weg durch die aufgetretene Tür die einzige Möglichkeit, in der Nacht nach Hause zu kommen. Unauffällig, weil die Jugendlichen in der Nacht ja eigentlich schon im Bett liegen sollten. Die, die keinen Ärger wollten, hüpften drüber, andere, denen es egal war, ließen es einfach schnalzen. 

Von 2015 bis Ende 2017 waren hier in Wien-Meidling 60 Jugendliche zu Hause. Sie bewohnten, aufgeteilt auf vier WGs, die zwei Häuser, die auf diesem Areal stehen, das eigentlich den ÖBB gehört. Grau-braune Betonwürfel, zwei Etagen, Doppelzimmer, Bad und Klo am Gang. Früher waren hier Mitarbeiter untergebracht, dann standen die Gebäude leer, bis im Zuge der großen Fluchtbewegung 2015 dringend Unterkünfte für die hier Gestrandeten benötigt wurden. Statt Eisenbahnern aus dem Waldviertel oder Oberösterreich teilten sich dann Menschen aus Nigeria, Somalia, Russland, Georgien und natürlich aus Syrien die Zimmer. Die meisten Bewohner waren allerdings aus Afghanistan. Sie flohen vor dem Krieg, vor ISIS, vor den Taliban. Vor der Dauerbedrohung und der Angst, ob gleich um die Ecke heute vielleicht wieder etwas in die Luft fliegt. Und viele kamen natürlich auch, weil sie in Europa überhaupt bessere Chancen für sich selber sahen. 

Im vergangenen Jahr bekamen 46,1 Prozent der Afghanen, die in Österreich einen Asylantrag stellten, eine positive Entscheidung, 40,7 Prozent wurden negativ beurteilt, die restlichen 13,2 Prozent fallen laut Statistik des Innenministeriums unter „sonstige Entscheidungen“. Dazu zählen Einstellungen, Aussetzungen, Gegenstandslosigkeiten. Im Vergleich: Menschen aus Syrien werden zu 88,7 Prozent positiv beurteilt, aus dem Jemen zu 75,5 Prozent. Der große Unterschied liegt daran, dass Österreich Teile Afghanistans als sicher einstuft. Andere Nationen, Frankreich etwa, sehen das nach wie vor ganz anders.

In Meidling fanden viele junge Afghanen ihr erstes Zuhause in einem neuen Land, sie fanden Routinen, klare Abläufe und mit ihren Betreuern Menschen, denen sie nicht egal waren. Spricht man heute mit damaligen Bewohnern, fällt nicht selten das Wort Familie. Bei allen gibt es aber immer diesen einen Punkt – ihren 18. Geburtstag, den Tag der Volljährigkeit. Den Tag, ab dem der Staat oft entscheidet, ob und unter welchen Bedingungen ihr Leben in Österreich weitergehen kann.

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Janzeeb

Wenn es im Gemeinschaftsraum laut wurde, wenn sie übereinander herfielen, weil einer die Billardkugel mit dem Finger berührt hatte und es nicht zugeben wollte, wenn um Essen gestritten wurde oder darum, wer diese Woche das Bad putzen muss, dann hielt sich Janzeeb immer so gut es ging raus. Und wenn die anderen noch miteinander diskutierten, dann hatte er schon das erste Waschbecken sauber gewischt. So ging das fast jede Woche, zwei Jahre lang. 
Janzeeb fand es gut, wenn sich Probleme mit einem nassen Fetzen lösen ließen. Streit wollte er um jeden Preis vermeiden, denn Janzeeb wollte nur Ruhe. Die hatte er zwar nicht mal dann so richtig, wenn die Betreuer auf jemand anderen sauer waren, die WG, sagt er heute aber, wäre trotzdem wie eine Familie gewesen. Da war jemand, der sich kümmerte, der nachfragte, ob er heute etwas weitergebracht hatte, wissen wollte, ob er zur Schule ging oder nicht. Die WG gab ihm Halt. Und den brauchten er und viele der anderen auch nach einer langen Flucht und dem Start in ein ganz neues Leben. 
Janzeeb kam Anfang 2015 als Minderjähriger nach Österreich. Wie alt er damals wirklich war, ist nicht mehr ganz nachvollziehbar, auch für ihn nicht. Seine Geburtsdaten haben sich aus guten Gründen über die Jahre immer wieder mal geändert. Offiziell ist er heute 21. Er und seine Familie kommen aus der Nähe von Kabul, sie sind Paschtunen, der Vater arbeitet beim US-Militär als Übersetzer, die Mutter blieb mit den Kindern zu Hause. Janzeeb war der älteste Sohn. Und als Ältester, so erzählt er es in seiner Fluchtgeschichte den Behörden, wurde er zum Druckmittel der Taliban auf seinen Vater.  

Als die WG im November 2017 schließen musste, zog Janzeeb an den Stadtrand. Ein Jahr zuvor lernte er über ein Patenprogramm eine Frau kennen. Sie war in den Vierzigern, hatte einen Mann, ein Kind und schon länger ein Zimmer frei. Sie nahmen ihn auf. Statt auf der Straße zu stehen oder sich in einem Wohnheim für Erwachsene durchschlagen zu müssen, bekam er einen eigenen Raum, einen Bruder und Pateneltern, die sich um ihn kümmern wollten. Und alles lief gut: Er schloss die Pflichtschule ab und organisierte sich einen Job. An dem Tag, an dem er einen positiven Bescheid kriegen würde, an diesem Tag wollte er gleich zu arbeiten beginnen. Der Chef eines großen Bierlokals sagte ihm eine Stelle zu. Wenn es so weit sei, könne er sofort als Kellner anfangen. Das schrieb er ihm sogar auf einen Zettel. Doch zu diesem Job kam es nie.

Es war Ramadan, Fastenmonat, als der Brief eintrudelte. Janzeeb war gerade nicht zu Hause, sondern bei einem Kumpel. Sie standen am Herd und ließen gerade Bohnen aufkochen, als sein Handy läutete, mit der Patenmutter am anderen Ende der Leitung: Es sei etwas für ihn gekommen, sie wisse nicht genau, was, ein Brief oder ein Paket. Er soll das bitte bei der Post abholen. An alles, was dann passierte, erinnert sich Janzeeb auch jetzt, zwei Jahre später, noch ganz genau. An das Geräusch der Schiebetür im Postamt in der Zieglergasse, daran, wie er draußen auf dem Gehsteig mit dem Zeigefinger durch das Papier fuhr und den Zettel rausfummelte. Und wie ihm der Absatz ins Gesicht sprang, um den es ging, übersetzt in seine Muttersprache. Darin stand, dass seine Beschwerde gegen den negativen Bescheid der ersten Instanz abgewiesen wurde.  
Kurz darauf sah er alles nur noch verschwommen. Er habe zu weinen begonnen, die Tränen schossen ihm aus den Augen. Aber nur wenige Minuten. Dann wäre er regelrecht paranoid geworden. Aus Angst vor der Polizei hätte er sich gar nicht mehr nach Hause getraut. Weil zurück nach Afghanistan? Keine Option. Und wer weiß schon, wann die einen holen kommen?

 

In Österreich rauf, in Italien runter. In der Theorie, sagt er, klingt alles einfacher, als es dann ist. Es dämmerte schon, als sein Zug in den Bahnhof einfuhr. So schnell er konnte, hastete er zu einem Waldstück. Über einen markierten Weg stieg er nach oben, es wurde steiler und anstrengender.

 

Janzeeb rief seinen Freund an, bei dem er zuvor gekocht hatte. „Darf ich bei dir schlafen?“, fragte er. Dort angekommen, versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. Er brauchte einen Plan. Wohin? Wann? Und vor allem: Wie? Er nahm sein Handy und begann herumzutelefonieren. Dann kaufte er ein Zugticket und fuhr los. Er wollte weg aus Österreich – egal, in welche Richtung, Hauptsache, schnell. Auf den Weg nahm er nicht viel mit. Einen kleinen Rucksack mit zwei geborgten T-Shirts, einer Jacke und seinem Handyladegerät. Das hatte er immer mit dabei. Seinen Pateneltern, bei denen er zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahr wohnte, sagte er davon nichts. 
Er fuhr nach Kärnten, wo er genau ausstieg, welche Route er dann nahm, das will er so genau nicht erzählen. Aber die Grenze zu Italien, das rieten ihm Menschen, denen er vertraute, sollte er über den Bergweg nehmen. In Österreich rauf, in Italien runter. In der Theorie, sagt er, klingt alles einfacher, als es dann ist. Es dämmerte schon, als sein Zug in den Bahnhof einfuhr. So schnell er konnte, hastete er zu einem Waldstück. Über einen markierten Weg stieg er nach oben, es wurde steiler und anstrengender. Wenn er nicht mehr erkennen konnte, wo es weiterging, leuchtete er kurz mit seiner Handytaschenlampe. Irgendwann, erzählt er, habe er aber andere Lichter gesehen. War es tatsächlich schon geschafft? Er dachte an eine italienische Kleinstadt, aber als er abstieg, immer näher kam, sah er, was für ein Auto vor dem Gebäude, in dem noch Licht brannte, stand. Eines der italienischen Polizei. Hastig drehte er um, machte zwei, drei schnelle Schritte und rutschte ab. Er kippte zur Seite, purzelte ein paar Meter den Hang hinunter. Dabei verletzte er sich an seinem linken Arm, einem Bein und leicht im Gesicht. Auf einer Schnellstraße, zu der er sich schleppte, griff ihn dann wirklich die Polizei auf. „Kommst du aus Österreich?“, fragten die Italiener auf Deutsch. „Ich komme aus Afghanistan“, antwortete Janzeeb auf Englisch. Sie fragten noch einmal. Aber Janzeeb tat so, als würde er nichts verstehen. Dann brachten sie ihn zu einem Arzt, stationiert in einem Asylheim. In Italien. Mit einem dicken Pflaster auf dem Kopf und einem eingegipsten Arm stieg er ein paar Wochen später wieder in einen Bus. Zu viele andere Afghanen hatten ihm erzählt, dass er unbedingt weiter solle, nur nicht in Italien bleiben. Janzeeb glaubte ihnen. 

 

Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

 

Zwei Jahre später: November 2020. Janzeeb hebt im Videomodus auf WhatsApp ab, es rauscht ein bisschen, dann erfängt sich die Verbindung und das Bild wird klar. Er sitzt in einem kleinen Zimmer, trägt ein langes, dunkelblaues, traditionell afghanisches Gewand, seine Augen sehen wach aus. Es scheint ihm gut zu gehen. Draußen ist es dunkel, das Einzige, das man im Hintergrund erkennt, ist ein Fenster und an der Wand ein Sideboard, auf dem ein Buch und ein Kaktus stehen. Nach der Begrüßung hakt es das erste Mal mit dem Deutsch. „Man vergisst das alles schnell, wenn man woanders ist“, sagt er, dann schaltet sich der Übersetzer dazu. Die Wohnung, von der Janzeeb aus telefoniert, ist in Frankreich, in Aix-en-Provence, eine halbe Stunde von Marseille entfernt.

Als er aus Österreich verschwand, gab er außer ehemaligen Betreuern niemandem Bescheid. Seine Eltern wussten genauso wenig, wo er steckt, wie seine Patenfamilie. Warum tat er das? Er glaubt, sie hätten versucht, ihn von seinem Plan abzuhalten. Aber es gab keine zwei Optionen. Und Janzeebs Instinkt war sehr, sehr richtig: Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

Erst als er in Sicherheit war, meldete er sich. Gleich zu Beginn kam er bei einem anderen Afghanen unter, den er zufällig am Bahnhof in Aix-en-Provence kennenlernte. Dort standen sie, eine Gruppe Paschtunen in afghanischer Kleidung, und als Janzeeb sie um Hilfe bat, lud ihn einer zu sich nach Hause ein. Der Mann ging selbst ein Risiko ein, er wohnte in einer betreuten Wohngemeinschaft, Gäste waren eigentlich nicht erlaubt. Als am nächsten Tag der Betreuer zur Kontrolle kam, versteckte sich Janzeeb im Badezimmer. Dann erklärten ihm seine neuen Mitbewohner, wo er jetzt überall hinmüsse. Paschtunwali heißt das in ihrer Kultur. Frei übersetzt bedeutet das so viel wie, dass Gäste wie ein Gott behandelt werden. 

Wie er die folgenden Monate verbracht hat, sagt Janzeeb nicht. Aber weniger als ein Jahr später bekam er wieder einen wichtigen Brief. Diesmal in Frankreich. Und diesmal stand etwas anderes drinnen, etwas Besseres: Asyl bis zumindest 2029. 

Heute macht Janzeeb eine Kochlehre in einem tradtionellen französischen Restaurant, er geht in eine Berufsschule und wohnt neuerlich in einer betreuten WG. Damit er ein Einzelzimmer hat, zahlt er jeden Monat von seinem Gehalt knapp hundert Euro auf. Der Ruhe wegen. 

Als er seiner Mutter davon erzählte, heulte sie vor Freude ins Telefon. Die beiden haben sich seit 2015 nicht mehr gesehen, zumindest nicht mehr persönlich. Dann brach die Leitung nach Kabul ab. Wenig später sagte sie, sie hätte versehentlich aufgelegt. Sie konnte vor Freude ihre Hände nicht stillhalten.  

 

Hasib und Walid

Hasib und Walid waren zwei, die man damals oft gemeinsam sah. Sie gehörten so wie Janzeeb zu den jüngeren und auch schmächtigeren Kids in der WG. Aus den großen Kämpfen hielten sie sich deswegen raus, aber nicht selten standen sie, wenn was passierte, in der ersten Reihe. Die Playstation, die unter dem Fernseher lag und irgendwann von jemandem gestohlen und verkauft wurde, interessierte sie zu dieser Zeit kaum. Sie waren eher die Art von Jugendlichen, die lieber stundenlang am Billardtisch oder am Wutzler standen, um Zigaretten zockten oder um ein paar Euro. Es gab Zeiten, da konnte man so problemlos einen Tag rumbringen.

Die Jungs haben sehr viel gemeinsam: Beide kamen sehr jung nach Österreich, Walid muss ungefähr dreizehn gewesen sein, Hasib vierzehn. So steht es zumindest jetzt in ihren Unterlagen und wenn man sie heute, mit offiziell 19, ansieht, können die Ärzte, die das damals feststellten, nicht weit danebengelegen haben. Wie alt sie wirklich waren, als sie in Wien ankamen, wissen sie die beiden nicht mal selbst, weil sie aus Familien kommen, die sich nicht so viel aus Dokumenten machen. In ihrem alten Leben gingen weder Hasib noch Walid in die Schule, sie mussten arbeiten. Hasib, ein Hazara, im Lebensmittelgeschäft seines Vaters in der Nähe von Herat, auch Walid war Verkäufer, allerdings in einem Camp im östlichen Iran. Dorthin war seine Familie schon lange vor seiner Geburt geflüchtet. Und beide kamen als eine Art Anhängsel nach Österreich, gemeinsam mit ihren Brüdern, die als Ältere sich auf der Flucht um alles zu kümmern versuchten. 

 

Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

 

Als sich Walid 2015 aus dem Iran auf den Weg machte, funktionierte das noch einigermaßen problemlos. Europa hatte die Grenzen geöffnet, überall, erzählt er, wären Leute gestanden, die ihn und seine Gruppe einfach weitergeschickt hätten. An jeder Ecke wusste einer, wo der nächste Bus fährt, in welchen Zug man einsteigen musste, um so schnell es geht weiterzukommen.

Bei Hasib, der ein Jahr später losfuhr, war alles viel komplizierter. Ein halbes Jahr steckte er auf einer griechischen Insel fest. Die Grenzen waren dicht, es gab kein Durchkommen, und die Schlepper verlangten Preise, die er und sein Bruder nicht bezahlen konnten. Sie schliefen im Zelt und eines Tages war das Smartphone verschwunden. Vielleicht verloren, wahrscheinlich aber geklaut, glaubt Hasib. Sie verloren den Kontakt zu den Eltern und die Nummer ihres Onkels in Belgien, zu dem sie eigentlich wollten. Irgendwann nahm sie dann doch jemand mit. In Europa kamen sie bis an die Grenze zu Deutschland, dort schickte sie die Polizei wieder nach Österreich. Mit den letzten 20 Euro fuhren sie von Salzburg wieder zurück nach Wien. 

In der WG gehörten sie wirklich nicht zu denen, die Probleme machten. Die nicht verstanden, warum es nicht okay war, das dreckige Geschirr statt abzuwaschen, einfach in den Garten zu schmeißen, die Stühle durch Fenster warfen oder anderen ein Messer an den Hals hielten wie ein ziemlich muskulöser Gambier, der, während er es tat, gar nicht mehr so genau wusste, warum eigentlich. Aber auch Hasib und Walid waren damals Teenager und taten, was Teenager eben so tun: Sie testeten Grenzen aus, das macht man eben auch dann, wenn die Grenzen nicht die eigene Mutter setzt, sondern ein fremder Staat. Sie schlichen sich nachts raus, um trinken zu gehen, oder einfach nur, um Wien auch mal bei Nacht zu sehen. Sie stiegen heimlich durch ein Fenster im Erdgeschoß, das ihnen Janzeeb immer öffnete. Weil Janzeeb eben immer zu Hause war. Und sie fanden heraus, dass man hervorragend im Zimmer rauchen kann – man musste dafür nur die dicken, violetten Putzhandschuhe über den Rauchmelder stülpen. Das gab dem Zimmer ein bisschen Farbe und einem selbst ein großes Stück gefühlte Freiheit. 

Sie hatten aber nicht nur Flausen im Kopf. Beide lernten wahnsinnig schnell Deutsch, gingen zur Schule, beide haben mittlerweile einen Pflichtschulabschluss, auch wenn die WG schon lange geschlossen ist und sie niemand mehr überprüft. 

Oktober 2020. Die Straße bis zum Eingang der alten Unterkunft ist sehr lang und sehr gerade, man sieht die beiden also schon von weitem. Hasib in einer lässigen Übergangsjacke und einer Sporttasche über die Schulter geworfen, Walid in zerissenen Jeans, schwarzem Hemd und mit ziemlich großer Gürtelschnalle. In der einen Hand haben sie ein Red Bull, das normale, in der anderen eine Zigarette. 

Die beiden sind Freunde geblieben, sie unternehmen viel gemeinsam, Billard spielen sie jetzt woanders. Manchmal übernachten sie beieinander. Sie stehen vor dem meterbreiten, grau vergitterten Eingangstor zum Areal. „Sieht aus wie immer“, sagt Walid knapp. Hasib grinst, geht ein paar Schritte nach vorne, den letzten spart er sich und lehnt sich stattdessen schief um die Ecke: „Ja, alles wie immer.“ Beinahe. 

Es ist das erste Mal, dass sie wieder hier sind, seit sie Ende 2017 ihre Taschen packen mussten und auszogen. Damals hieß es, die Gebäude werden abgerissen, sagt Walid. Jetzt aber sind beide Häuser, die zu dem Projekt gehörten, wieder bewohnt. Von anderen Organisationen, von einer anderen Klientel. Sonst, sagen sie, sieht alles eins zu eins aus wie damals. Die beiden wollen kurz hineinschauen, zumindest eine Runde über den Hof gehen. Sie kommen vorbei an Obdachlosen und Suchtkranken, die draußen vor dem Hauseingang auf Gartengarnituren sitzen. Dann schießt ein großer, schlaksiger Mann um die Ecke. Er hat schulterlange, zottelige Haare, die OP-Maske wie ein Bandana auf die Stirn gebunden. Alle paar Schritte kräht er wie ein Rabe. Die Jungs gehen unbeeindruckt weiter.

Hinter den Häusern gibt es immer noch einen großen Garten. An einem Tag, so schön wie heute, wäre hier Cricket gespielt worden oder zumindest seien viele im Gras herumgelegen, erzählen sie. An diesem Tag sind nur sie hier. Mit dem Ort kommen die Erinnerungen und egal, wohin sie schauen, es fällt ihnen dazu eine Geschichte ein. Wie jeder Essen in sein Zimmer schmuggelte, weil die Küche abends schon um zehn schloss, zum Beispiel. Oder wie sich herausstellte, dass irgendjemand Reis klaute. Ausgerechnet Reis! Das wäre ja das Dümmste, um es zu verkaufen. Walid lacht. „Kannst dich an den einen Betreuer erinnern, der immer um Zigaretten mit uns Billard gespielt hat?“, fragt er dann.

„Ja, kein einziges Mal hat er gewonnen.“

Dann lachen beide. 

„Das war schon gut“, sagen sie immer wieder, wenn sie etwas fertig erzählt haben. Ja, okay, sonderlich hübsch sei es nicht gewesen, sagt Walid. Und er hat recht: Der abgasgraue Block, in dem sie wohnten, ist kein Palast. Klar seien die Wohnungen, in den sie jetzt leben, besser eingerichtet. Sie sind größer, es gibt mehr Platz und vor allem würde auch nicht jede Nacht der Feueralarm losgehen. Trotzdem sehnen sie sich manchmal in die Zeit zurück. Danach, dass es nicht viel brauchte, damit etwas los ist im Leben. Die erste Zeit nach der WG, sagen sie, wäre gar nicht so einfach gewesen. Weil plötzlich war niemand mehr nebenan, der sofort bereit war, Quatsch zu machen.

 

Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

 

So ähnlich die Leben von Hasib und Walid in Österreich begannen, so unterschiedlich waren die Richtungen, die sie einschlugen, als das Heim in Meidling aufgelassen wurde. Heute wohnt Walid alleine in einer privaten Mietwohnung, die ihm ein befreundetes Paar organisierte. Er macht seit drei Jahren eine Lehre, demnächst wird er sie abschließen. Hasib wohnt mit zwei anderen in einem 17 Quadratmeter großen Zimmer in einer betreuten WG und plagt sich durch die Oberstufe einer HTL. Das ist alles, was er in Österreich gerade tun darf. Der Unterschied zwischen den beiden ist ihr aktueller Status. Walid wurde vor ein paar Jahren subsidiärer Schutz zuerkannt, eine Aufenthaltsgenehmigung, die verlängert werden muss, aber ein mehr oder weniger normales Leben ermöglicht. Er bekam die Möglichkeit einer Ausbildung und einen Fremdenpass, mit dem er durch Europa reisen darf. Hasibs Antrag wurde dagegen in erster Instanz abgelehnt. Er legte Beschwerde ein, wurde noch einmal vor Gericht geladen, erzählte noch einmal seine Geschichte. Das war vor fast einem dreiviertel Jahr. Seitdem wartet er wieder auf ein Ergebnis. Jeden Tag könnte die Nachricht kommen, dass er Österreich verlassen muss. 

Es ist dunkel geworden. Die beiden sind weitergezogen, sitzen in einem kleinen Gastgarten einer Bar in der Nähe vom Naschmarkt. Heute Abend, erzählen sie, sind sie bei Freunden zum Essen eingeladen. Beide sind nicht so die Biertrinker, bestellen stattdessen Bob Dill’n, einen Cocktail aus Wodka, Weißwein, Soda und Zitrone. Wenn Hasib über seine momentane Situation spricht, kann er nicht ruhig halten, er wippt dann immer mit dem Bein, das gerade Platz hat. Wann er seinen letzten ruhigen Moment hatte? Hasib überlegt, schaut nach oben. Er sucht noch nach den richtigen Worten, als Walid sagt: „Normal geht das fast nicht, das geht nur, wenn man besoffen ist. Sonst sind die Gedanken immer da. Wie geht es aus? Darfst du bleiben oder musst du weg?“ Hasib nickt. 

Nach seinem Pflichtschulabschluss hat er ein paar Monate gar nichts gemacht. Wozu das Ganze, fragte er sich immer öfter. Irgendwann hat er aber wieder mit der Schule begonnen und teilt dreimal die Woche in einem Seniorenheim Kaffee und Kuchen aus. Die Bestätigungen schickt er immer ans Gericht. Er hofft, dass sich die Mühe auszahlt. 

Was hat Walid richtiger gemacht als Hasib? „Gar nichts“, sagt Walid. Er hätte Glück gehabt.

Hasib sagt, ihm bleibe jetzt nichts anderes übrig, als zu warten. Er ist sich aber auch nicht mehr ganz sicher, was er glauben soll. Unlängst hat er gehört, gute Integration könnte sogar ein Grund dafür sein, nicht in Österreich bleiben zu dürfen. Ein Richter soll schon jemanden mit den Worten „Hilf dabei, dein Land wieder aufzubauen“ zurück nach Afghanistan geschickt haben. Wie, fragt Hasib, soll ich das meinen Eltern erklären? Er verstehe es ja nicht einmal selbst.

 

Faisal

In der WG war Faisal sicher einer der Auffälligsten. Er war in allem, was er tat, über dem Durchschnitt. Überdurchschnittlich beliebt, überdurchschnittlich gescheit, auch überdurchschnittlich gut aussehend. Faisal wusste das, er war ein Schlitzohr, ein vergleichsweise nettes, er wusste einfach, was er tun musste, um das zu bekommen, was er wollte. Er hatte immer genug Parfum, eine ziemlich coole Lederjacke und eine Frisur, die dank reichlich Haargel immer perfekt saß. Er war ein stolzer Paschtune und wohl älter als die Zahl, die auf dem Papier stand. Da war er nämlich erst 17. 

Faisal war es, der im Hof die Cricket-Turniere organisierte, der durch die Gänge lief, um noch Spieler zu suchen, wenn es zu wenige waren. Er sorgte dafür, dass immer etwas los war. Nicht selten begann er am Nachmittag schon die anderen wegen des Abendessens zu bequatschen. Die Jugendlichen hatten kaum Geld und die Zutaten, die sie zur Verfügung gestellt bekamen, waren pro Person beschränkt. Es gab von vielen Dingen wenig, vor allem von den teureren und guten. Um doch ein ordentliches Essen zusammenzubekommen, tat man sich also zusammen. Und weil Faisal meistens schon zu Mittag wusste, was er am Abend essen wollte, orchestrierte er das. Für den Rest war das sehr in Ordnung, sie mussten nicht mehr tun, als „Ja“ zu sagen, weil er abends sowieso nicht wollte, dass ihm irgendjemand in sein Essen pfuscht. So entstanden ganze Buffets für die WG. Stundenlang geschmortes Fleisch, Reis, Bohnen, aufwendige Salate und Bolani, gefüllte Teigtaschen mit Kartoffeln und Chili, sein Lieblingsessen. Keine Ahnung, ob er es absichtlich und bewusst tat, aber: Mit diesen Essen hielt er die WG zusammen, an diesen Abenden war der Gemeinschaftsraum ein echtes Zuhause, zumindest für ein paar Stunden. Auch er sagt heute: „Wenn ich daran denke, wird mir ganz warm.“ So wie damals wäre es danach nie wieder gewesen. 

Bei Faisal selbst ging immer alles ganz schnell: Im Juni 2016 zog er ein, lernte die Sprache – sehr viel schneller als alle anderen. Im Herbst ging er bereits in die Schule, nach einem Jahr hatte er den Pflichtschulabschluss geschafft. Danach: Lehrstelle bei einem Supermarkt, Berufsschule, hervorragende Noten, erstes eigenes Geld und die erste eigene Wohnung. 

In etwas mehr als einem Jahr hatte er sich in Österreich ein komplett neues Leben erarbeitet. Seine erste Wohnung war im dritten Bezirk, ein Zimmer, Klo am Gang. Er teilte sie sich mit zwei Freunden. Keiner von ihnen hatte Geld für Möbel, von „willhaben“ hatten sie noch nie gehört, also legten sie fürs Erste große Teppiche in die Mitte des Zimmers, auf denen sie schliefen. Dann zogen sie weiter; zuerst in die Seestadt und dann in die Nähe von Schönbrunn. Im dritten Lehrjahr erhöhte sich Faisals Gehalt. Er begann sich einzurichten: Bett, Couch, Kaffeemaschine, ein kleiner Fernseher. Bloß: Sein Verfahren war immer noch nicht abgeschlossen. In erster Instanz war sein Antrag sogar negativ beurteilt worden. Die Beschwerde lief. 

Es vergingen Monate ohne Antwort. Faisal wurde ungeduldig und nervös. Was könne da so lange dauern, fragte er sich. Seine Arbeitskollegen im Supermarkt versuchten, ihn zu beruhigen. „Wird schon schiefgehen“, sagte einer im Pausenraum. An einem Dienstag, er hatte seinen freien Tag, ging er mit einem Freund spazieren. Sie sprachen über das Verfahren, Frechheit, prustete der Freund und sagte: „Komm, jetzt gehen wir einfach hin und fragen nach.“ 

Bei Gericht sagte man ihm, sein Verfahren sei längst abgeschlossen. 

„Wie bitte?“

„Sprich mit deiner Anwältin.“ 

 

Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

 

Faisal wurde damals, so wie die meisten Flüchtlinge, kostenlos von einer Organisation vertreten, die ihnen in Erstaufnahmestellen, wie zum Beispiel in Traiskirchen, automatisch zugeteilt werden. Er sei unheimlich sauer gewesen, erinnert er sich. Sein Freund sagte noch, hey, vielleicht ist ja alles gut. „Ich hatte aber sofort ein schlechtes Gefühl“, sagt er heute. Mit der U-Bahn fuhr er zu dem Büro, lief die Stiegen hinauf, klingelte an der Tür. Wenig später stand seine Rechtsberaterin vor ihm. Sein Verfahren sei negativ ausgegangen, er wisse das doch, der Bescheid wäre vor vier Monaten an ihn rausgegangen. Per E-Mail, so habe er ja angegeben, erreichbar zu sein, damals, als er vor drei Jahren nach Österreich kam. Bloß: Faisal hatte sich seit Ewigkeiten nicht mehr eingeloggt. Die Frist, noch einmal Beschwerde einzulegen, war so schon längst abgelaufen. 

„Wieso hast du mich nicht angerufen?“, schrie er. 

„Du hast mit meinem Leben gespielt!“

„Du hast alles kaputtgemacht, was ich mir aufgebaut habe!“

Faisal sagt, er hätte noch nie in seinem Leben so laut gebrüllt. Davor nicht und auch danach nicht mehr. Gemeinsam mit alten Betreuern und einer NGO versuchte er noch einmal alles. Aber es war zu spät. Auch sein Arbeitgeber, einer der größten Konzerne Österreichs, wollte nicht helfen. Als er am nächsten Tag zu seinem Dienst erschien, schickte ihn sein Chef wieder nach Hause.

Ab sofort war Faisal Freiwild. Er hätte jederzeit in Schubhaft genommen werden können, wenn er von der Polizei aufgehalten worden wäre. Er wollte weg, nur raus aus Österreich, und 14 Tage später haute er auch ab. Es waren 14 Tage, in denen er nicht mehr in seiner eigenen Wohnung schlief, aus Angst, dass ihn die Polizei abholen könnte. Nur einmal war er noch dort. Da schnappte er sich eine Tasche, stopfte zwei Hosen, zwei T-Shirts und seine wärmste Jacke hinein. Den Rest, alles das, was er hart erarbeitet hatte – den Fernseher, die Kaffeemaschine, die ausziehbare Couch –, ließ er stehen. Dann ging er zur Bank, hob sein letztes Geld ab, ein paar hundert Euro. Es war schon dunkel, als er den Abendzug nach Udine nahm. Und es war saukalt, denn es war Mitte Dezember.

Anfang November 2020. Als Faisal im Videocall abhebt, rauschen neben ihm die Autos vorbei. Er trägt eine Gesichtsmaske, weiße Kopfhörer und eine Jacke mit Fellrand an der Kapuze. Über mehr als ein Hallo geht der erste Versuch nicht hinaus. Das Bild wird pixeliger, dann ist die Verbindung abgebrochen. Das Internet-Guthaben sei aus, schreibt er, er suche schnell einen Ort mit freiem WLAN-Hotspot. Ein paar Minuten später ist er wieder zu sehen. Faisal lebt mittlerweile in Paris, in seiner Wohnung kann er nicht in Ruhe reden, da wären gerade zu viele Menschen, deswegen ist er rausgegangen. Das Internet kommt jetzt von einer großen Hotelkette, wenn es abbricht, dann würde er es etwas später noch mal probieren, sagt er. Er kennt noch einen Ort, wo man sich in ein offenes Hotel-WLAN einloggen könne, ein paar Gassen weiter.

Faisal sieht müde aus, die Frisur sitzt zwar so wie damals, aber über der hellblauen OP-Maske zeichnen sich dunkle Augenringe ab. Er schlafe momentan nicht gut, sagt er. Fast jeden Tag müsse er darüber nachdenken, warum alle Kollegen aus seiner Berufsschule in Wien einen Aufenthaltstitel bekommen haben. Wenn schon nicht Asyl, dann zumindest subsidiären Schutz oder eine Niederlassung, so wie der Nigerianer, mit dem er befreundet war. Er ist immer noch tief enttäuscht. „Außer mir hat wirklich jeder etwas bekommen“, sagt er. 

Als er vor einem Jahr in Paris ankam, hoffte er auf ein schnelles Verfahren und natürlich darauf, bleiben zu dürfen. Aber nun steckt er hier fest. Dublin, sagt er. Wahrscheinlich, glaubt er, hat sich Österreich für ihn zuständig erklärt. Bis vor kurzem ließ das Frankreich nicht zu. Wenn Afghanen aus Österreich kamen, nahm Frankreich sie auf, weil es Afghanistan – im Gegensatz zu Österreich – als nicht sicher anerkennt. Und daher auch nicht in Staaten abschob, die nach Afghanistan abschieben. Alles sei komplizierter geworden, sagt Faisal. Ein paar, die er kennt, wurden schon in andere Länder zurückgeschickt, andere wiederum durften bleiben. 

 

Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

 

Die Reise von Wien nach Paris war für ihn vergleichsweise unkompliziert. Wenn man so viel auf der Flucht ist wie er, entwickle man irgendwann eine Routine im Verstecken, Vertuschen und Durchmogeln. Es ist nichts, worauf ich stolz bin, sagt er. Aber würde man das nicht machen, wäre man vielleicht schon wieder in Afghanistan. Und vielleicht auch … Diesen Satz spricht er dann doch nicht zu Ende. Zwei Tage hätte es damals von Wien nach Paris gedauert. Wenn man nicht erwischt werden darf, sagt er, könne man sich nun mal nicht einfach in einen Zug reinsetzen, die Augen zumachen und durchfahren. Immer wieder war er damals ein- und ausgestiegen. Manchmal hat er sich am Klo versteckt oder sprang noch schnell aus der Zugtür, wenn der gerade in einer Station hielt und ein Schaffner sich näherte.

In Paris angekommen, fand er zu Beginn keine Unterkunft. Alles war voll, keine Chance. Den ersten Monat, von Mitte Dezember bis Mitte Jänner, schlief er in einem kleinen Zelt unter einer Brücke. Jeden Abend, bevor er schlafen ging, zog er alles an, was er dabeihatte. Und nicht nur einmal kam nach ein paar Stunden die Polizei, klopfte an die dünnen Zeltwände und ließ alle, die hier übernachteten, ihre Zelte zusammenlegen und weiterziehen. 

Heute wohnt er gemeinsam mit einem afghanischen Freund in einer Wohnung im fünften Arrondissement. Es sei ihm zwar nicht mehr kalt in der Nacht, die Tage seien aber trotzdem zäh. Viel zu tun gebe es nicht. Vor allem jetzt im Winter. Also bleibt es bei vier-, fünfmal Beten am Tag und jede Menge Zeit vor dem Computer. Dieses Jahr, sagt er dann, hätte Spuren an ihm hinterlassen – „Das war einfach scheiße.“ Dann bricht die Verbindung wieder ab. 

20 Minuten später. Es ist schon nach neun, die Ausgangssperre in Paris ist in Kraft, Faisal ist zu Hause angekommen. Sein Handy hat er an die Küchenfliesen gelehnt, während er spricht, packt er das Gemüse aus, das er auf dem Heimweg gekauft hat. Die Leichtigkeit, die er einmal hatte, sei weg. Er lache weniger und stehe außerdem jeden Tag etwas schwerer auf. Mit seinem Flüchtlingsstatut bekommt er in Paris lediglich Essensmarken als Unterstützung, damit bezahlt er seinen Teil der Miete. Heute kocht er für seine Mitbewohner afghanische Kohlsuppe. Zumindest das hat sich nicht geändert. 

In ein paar Tagen, das stand in einem Brief, den er vergangene Woche bekam, soll er mit all seinen Papieren und einer Reisetasche zum Amt kommen. Faisal wird nicht hingehen. Was er stattdessen macht, weiß er selbst noch nicht. 

 

Haaron

Haaron stieß damals in der WG erst später zur Gruppe. Er zog ein bisschen später ein und weil er etwas älter war als die anderen, musste er am Ende auch etwas früher wieder ausziehen. Doch das war nicht der Grund, warum er es in der WG schwer hatte. Haaron war von Anfang an etwas anders. Er war schon anders, als er nach einem halben Jahr Flucht in Österreich ankam. Seine Flucht hatte länger gedauert, weil er in der Türkei zwei Monate in einem Gefängnis festgehalten wurde und erst weiterkonnte, als ihn ein Schlepper freikaufte und in Izmir in ein wackeliges Boot setzte, gemeinsam mit 65 anderen. Haaron war anders, weil er schon immer sehr an die westliche Welt glaubte. Weil er immer schon dachte, der Westen wäre besser. Das wusste er schon, als er noch in Afghanistan in der Apotheke arbeitete und – wenn wieder etwas in die Luft flog – die Erde so stark zitterte, dass die Gläser mit der Medizin klapperten. 

In Meidling bekam Haaron ein Zimmer im ersten Stock, den Gang hinunter, auf der linken Seite. Bei manchen Mitbewohnern waren die Türen immer offen, es war ein Kommen und Gehen, ein Herumgetrampel, so ähnlich wie auf einer Schullandwoche. Haaron aber blieb lieber allein. Mit anderen Afghanen, sagt er, könne er nicht so viel anfangen, auch heute, Jahre später, hat sich das nicht geändert. Warum? Weil die mit ihren Köpfen immer noch Tausende Kilometer weit weg seien. Warum nicht auf die neue Heimat einlassen? Warum nicht versuchen, die Kultur kennenzulernen? Warum nicht einfach so leben, wie man es hier tut? Er hat – anders als die meisten Afghanen – keine traditionellen Gewänder mehr, und wenn die anderen gemeinsam beteten, dann hörte er Musik. Von dem  Geld, das er in Österreich bekam, kaufte er sich seine erste CD: „Elvis is back“ von Elvis Presley. Manchmal drehte er voll auf. Elvis. Fats Domino. Greatest Hits aus den 60ern. Dann hämmerten die anderen an seine Tür, er solle den Scheiß abdrehen, aber Haaron machte die Augen zu und hörte weiter. 

Nach Österreich kam er 2016. Zuerst nach Linz, dann war er 22 Tage in Traiskirchen, danach in Klosterneuburg und wieder in Linz. Immer wieder fuhr er dazwischen mit der Bahn nach Wien. Er mochte die Stadt, die Bewegung, das Leben, das in Oberösterreich ein bisschen fehlte. Irgendwie schaffte er es, verlegt zu werden, und landete in Meidling. Und auch wenn er mit den anderen Jugendlichen nicht so gut auskam, fühlte er sich hier richtig wohl. Die Betreuer, sagt er heute, wären für ihn eine echte Stütze gewesen. 

 

Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

 

Über vier Jahre später, Mitte November, Wien im Lockdown. Es ist sechs Minuten vor Treffpunkt, aber Haaron ist schon da. Er ist immer lieber ein bisschen zu früh als zu spät. Mittlerweile ist er 22, hat sich die Haare bis zu den Schultern wachsen lassen, trägt aufgekrempelte Hosen und bunte Hauben, heute eine blaue. Mit der Kälte, sagt er, komme er auch nach fast fünf Jahren nicht gut zurecht, deswegen lässt er fürs Erste auch drinnen die Jacke an. Einen Termin mit Haaron zu finden ist nicht so schwer. Er hat nicht viel zu tun. „Ich darf nichts machen“, sagt er. 2018 bekam er einen negativen Asylbescheid. Er sagt, er habe flüchten müssen, weil er sich in Afghanistan nicht sicher gefühlt habe. Sein Vater war Gefängnisbeamter in einer Anstalt, in der auch viele Taliban sitzen, die lieber draußen als drinnen wären. Auch alle seine anderen zehn Geschwister wären deswegen auf der Flucht. Ein paar seien schon vor Jahren abgehauen, in die USA, oder studieren in Indien. Wo der Rest im Moment ist, weiß er nicht so genau. 

Die Asylbehörde glaubte ihm jedenfalls nicht. Haaron legte sofort Beschwerde gegen den Bescheid ein und wartet seitdem auf ein Ergebnis. Im Frühjahr 2021 wäre er seit genau fünf Jahren in Österreich. Fünf Jahre, sagt er, in denen ich außer der Schule nichts machen durfte.

Heute wohnt er in einer WG in Hernals. Gemeinsam mit zwei Syrern, die ganz in Ordnung seien. Sie würden regelmäßig duschen gehen, sagt er und lacht. Sein Zimmerkollege in Meidling hätte das gern vernachlässigt. Organisiert hat ihm das Zimmer eine Familie, die er vor einigen Jahren in einem Patenprogramm kennenlernte. Sie übernahmen die Kosten dafür und tun das auch heute noch. „Ich bin ihnen sehr dankbar“, sagt er. Einmal die Woche treffen sie sich, essen gemeinsam oder gehen ins Kino. Hat er überhaupt mit irgendjemandem aus der alten WG Kontakt? Nein, sagt Haaron, die Leute von damals hätte er, mit Ausnahme von zwei Betreuern, seither nicht mehr gesehen. Überhaupt habe er mit keinem einzigen Afghanen mehr zu tun. Den einzigen, mit dem er sich gut verstand, kannte er aus seiner Heimatstadt Herat. Doch als sein Freund vor zwei Jahren abgeschoben werden hätte sollen, setzte der sich nach Italien ab. Wo er heute ist, weiß Haaron nicht. 

Das Warten auf das Ergebnis, sagt er, würde einen fertigmachen. Jeden Tag, wenn er aufwacht, fühle es sich ein bisschen an wie sterben. Was ihm fehle, sei ein normaler Rhythmus, ein normales Leben: aufstehen, fertig machen, eine Aufgabe haben. Stattdessen setzt er sich in der Früh an den Küchentisch, schaut gerade aus und sagt laut: „Und jetzt?“ Manchmal zieht er sich sofort an und geht nach draußen. Dann sieht er Menschen, die zur Arbeit gehen, Personen mit einem Weg und einem Ziel. In Wochen, die bei ihm besonders voll sind, hat er drei Termine: zweimal Gitarrenunterricht und einmal Psychotherapie. Beides bezahlt ein Kindergartenfreund seines Patenvaters, ein Arzt. Und Haaron sagt wieder: „Ich bin ihnen sehr dankbar.“

Musik, das ist in Afghanistan zu großen Teilen haram, verboten. In Österreich, sagt Haaron, sei sie für ihn eine Möglichkeit, seinen eigenen negativen Gedanken zu entkommen. Und der Frage: Was, wenn ich nicht bleiben darf? Stolz zeigt er ein Foto auf seinem Smartphone. Darauf zu sehen sind zwei Gitarren. Eine klassische aus hellem Holz und mit Zierring um das Schallloch und eine ferrarirote E-Gitarre links daneben. Seit ihm seine Mutter in Afghanistan als Kind heimlich ein Kinderklavier schenkte, sei es sein größter Traum gewesen, selbst Musik zu machen. Vor zwei Jahren ging er das erste Mal in den Unterricht und als der Lehrer fragte, welches Lied er am liebsten spielen lernen würde, sagte er sofort: „Love Me Tender.“ 

 

Nur zwei Wochen, nachdem er in den Zug nach Kärnten gestiegen war, stand die Polizei vor seinem alten Zuhause. Sie waren da, um ihn mitzunehmen. Ein Platz in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan war bereits für ihn vorgesehen.

 

Nach fast fünf Jahren in Österreich ist er eigentlich längst angekommen. Es gab eine Zeit, da kannte man ihn in einem Hostel am Gürtel, in dem es zu einem Shot auch eine Kopfnuss gibt, beim Namen, weil er dort Abend für Abend am Billardtisch stand. Aus dem Islam ist er irgendwann ausgetreten. Das ist zwar nicht vorgesehen, aber weil er von Religionen nichts hält, ging er zum Magistrat und ließ sich einfach das Bekenntnis austragen – damit habe sich das für ihn erledigt. Und seit kurzem ist er auch frisch verliebt. In eine Oberösterreicherin, die er während des ersten Lockdowns auf Tinder kennengelernt hat. Mit ihr und ihren WG-Kollegen verbringt er jetzt die meiste Zeit.  

Immer wenn er über seine alte Heimat spricht, wird Haaron angespannter. Er steckt dann seine Hände in seine Jackentasche und bewegt sie, während er spricht, so stark, dass man ihn wegen des lauten Raschelns kaum noch versteht. „Ich bin nicht wegen dem Geld gekommen“, sagt er dann. Er hätte ein gutes Leben in Afghanistan gehabt. Ein Haus, ein Auto, ein Fahrrad, alles, was man gebraucht hätte. Aber was fehlte, war die Sicherheit. „Alles, was ich aus Afghanistan kenne, ist Krieg und Gewalt“, sagt er. Warum sollte man dort leben müssen? Das müsse ihm irgendjemand mal erklären. 

Manchmal telefoniert er noch mit seinen Eltern. Oft braucht es ein paar Versuche, weil sein Vater viel arbeitet und seine Mutter, eine ältere Frau, sich auf dem Smartphone nicht zurechtfindet. Sein Vater drängt sich dann neben die Mutter in die Kamera und fragt: „Bist du eh immer höflich, ja?“

In letzter Zeit, erzählt Haaron, würde ihn das lange Warten immer mehr zermürben. Die Tage, an denen er in der Früh einfach liegen bleibt, die Decke über den Kopf zieht und weiterschläft, würden mehr werden. Einer Freundin hat er versprochen, dass er sie sofort anruft, sollte er auf dumme Gedanken kommen. Fünf Jahre, sagt er dann, fünf Jahre, in denen er außer ein bisschen Deutsch und Gitarre nichts gelernt habe. Ob es wirklich verschenkte Zeit war, steht wahrscheinlich im nächsten eingeschriebenen Brief, den Haaron bekommt. Wann der kommen soll? „Lieber heute als morgen“, sagt er. Egal, was drinnen steht. 

 

* Alle Namen wurden geändert. Um die Anonymität der Personen zu schützen, wurden teilweise Details ihrer Geschichten abgeändert. In der Printversion der Geschichte finden sich beschreibende und erklärende Fußnoten um die Zusammenhänge besser herzustellen.


Erschienen im Winter 2020. Fleisch 58 – Verschwinden – ist bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

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