Als ich einmal Polizist werden wollte

Fleisch 57, Herbst 2020 
Text: Christoph Wagner
Fotos: Max Kropitz                              

Zugegeben: Das Image unserer Freunde und Helfer hat in den vergangenen Jahrzehnten sehr gelitten und jeder Skandal um Übergriffe oder rassistische Postings macht es nur noch schlechter. Wer geht heute noch zur Polizei? Und welchen Typ Mensch wollen die dort überhaupt? Am besten lässt sich das herausfinden, wenn man versucht, selbst einer zu werden. So wie unser Autor.

 

„Die Auswertung durch das Bundesministerium für Inneres ergab, unter Einbeziehung aller Testteile (schriftl. Eignungsprüfung, Aufnahmegespräch und SMLT), ein Endergebnis von 61,0 Punkten. Die geforderte Mindestpunkteanzahl bei positivem Abschneiden beträgt 139,3; die maximale Punkteanzahl beträgt 982,0 Punkte.“
Wien, am 31.01.2019

 

Polizei? Nein, das war nie so meines, nicht mal als Kind. Während jeder andere im Fasching wohl mindestens einmal in Uniform und mit Plastikknarre daherkam, ging ich nicht nur einmal als Krokodil. Während andere in die Freundschaftsbücher „Polizist“ als Traumberuf schrieben, nahm ich, nein, nicht „Steuerberater“, das war jemand anderer, sondern „Pensionist“. Und dann versuchte ich doch einer zu werden, also Polizist, damit wir uns richtig verstehen.

Alles begann im August 2018. Es war zehn nach elf, die Menschen grüßten mit „Mahlzeit“ und draußen vor dem sogenannten Bildungszentrum der Sicherheitsexekutive in der Marokkanergasse stand die Sonne hoch und mittig zwischen den beiden Häuserreihen. In der „Schwemme“ gegenüber gab es Heilbutt mit Karotten und Zitronenreis um acht Euro zwanzig und bei der Einfahrt in den Hof ermahnte ein Exekutivbeamter eine junge Burgenländerin mit weißen Ohrstöpseln, dass man die Ohrstöpsel gefälligst rausgibt, wenn man mit Menschen spricht: „Herrgott, du bist doch alt genug, um das zu wissen.“ Die junge Burgenländerin, blauer Renault Clio, Michael-Kors-Tasche und alle Unterlagen in einzelne Klarsichtfolien geordnet, war aus demselben Grund gekommen wie ich: Wir wollten Polizisten werden.

Naja. Sie wollte Polizistin werden, ich war im Gegensatz zu ihr nicht „nervös, Oida“. Und ich sagte auch nicht „danke, Oida“, als uns eine Polizeischülerin im neongelben BH beim Vorbeigehen Glück wünschte. Bei mir gab es diese Unschärfe des Wollens, mit der man die ganze Sache glücklicherweise ein bisschen lockerer angehen konnte. Ich wollte ja nicht wirklich Polizist werden, sondern nur herausfinden, was man können muss, um bei der Polizei mitmachen zu dürfen. Und vor allem: Wer das eigentlich wirklich will. In einer Zeit, in der der Innenminister Herbert Kickl hieß. Im Idealfall würde ich dafür bis zum Ende des Aufnahmeverfahrens dabeibleiben und dann selbst entscheiden, dass das doch nichts für mich ist, die Polizei. So hatte ich mir das vorgestellt, und ich hatte den Titel für die Geschichte schon: „Als mich die Polizei einmal als Mitarbeiter wollte, ich aber dankend ablehnte.“ Man kennt das aus der Bar, wo man lange um ein Mädchen wirbt und wenn sie dann sagt „Okay“, dann sagt man: „Nein, ich doch nicht.“

Das Aufnahmeverfahren der Polizei ist vergleichbar mit einem wirklich mühsamen Assessment-Center einer Bank und es fühlt sich an, als würde man sich an einer österreichischen Fachhochschule für Physiotherapie bewerben. Vier Teile gab es damals: Einen schriftlichen Aufnahmetest, der sich aus Rechtschreibund Grammatikübungen, einem Intelligenztest und einem Persönlichkeitsfragebogen zusammensetzte. Dann kam ein Aufnahmegespräch mit zwei Polizisten. Dann eine ärztliche Untersuchung und zum Abschluss ein sportmotorischer Leistungstest in den Disziplinen Schwimmen (100 Meter Freistil in unter zwei Minuten und 11,6 Sekunden), Geschicklichkeit und Kraft (Parcours und 15 Liegestütz) und Ausdauer in Form von Laufen (3.000 Meter in unter 17 Minuten und 45 Sekunden). Außerdem sollte man in der Simulation einer Rettung eine 170 Zentimeter und 70 Kilo schwere Puppe im richtigen Griff zehn Meter weit ziehen können. Absolvierte man einen Bereich negativ, galt der gesamte Aufnahmetest als nicht bestanden.
Aber was sagt das aus über die Typen, die auf uns in ihrer Uniform aufpassen? Müssen die wirklich perfekt Deutsch können in Wort und Schrift oder ginge es vielleicht auch anders? Wie testet man überhaupt, ob einer genug Phlegma hat, dass er nicht durchdreht, wenn ihn Leute bei einer Demo aufs Ärgste anmaulen? Wie versteht man, ob er einen Sinn für Gerechtigkeit hat oder nicht oder ob er einfach nur geil darauf ist, Macht über andere auszuüben? Und, ich frage das aus eigenem Interesse: Ist es wirklich notwendig, ein Schwimmer zu sein? Wie oft im Leben eines Polizisten kommt es vor, dass ein Bankräuber durch den Donaukanal flüchten will?

Und dann standen wir da, im August 2018, die Burgenländerin und ich, in einem Gebäude am Ende des Hofs. Hier würde man uns um 11:30 Uhr abholen zur computergestützten schriftlichen Eignungsprüfung. Es war voll, die Streber, die zu früh da waren, standen vorne, wir in der Mitte, die Lässigen hinten bis in den Hof hinaus. Dafür, dass so viele Menschen auf einem Haufen standen, war es ziemlich leise, so gut wie niemand sagte ein Wort. Der Typ mit dem AC/DC-Shirt nicht, genauso wenig wie ein schmaler, blonder Schüchti in blauen Converse und ein ehemaliger Bundesliga-Kicker. Nur neben dem schwarzen Brett, auf dem unter anderem Segeltuchstiefel (Größe 39) und ein 1er BMW Diesel Allrad angeboten wurden, standen zwei Schwestern und tratschten in einer Sprache, die ich nicht verstand.
Wenn die alle Polizisten werden, dann ist die Polizei ganz schön divers aufgestellt, dachte ich mir. Bis auf den Nike-Kapperl-Träger, der mit seinen aufgepumpten Armen so aussah, als hätte er sich jetzt schon fleißig auf die 15 Liegestütz beim Sporttest vorbereitet, sahen die meisten hier nicht so aus wie die Polizisten, die wir von der Straße kennen.

Die Polizei war mir immer wurscht, aber auch im positiven Sinn, und darum habe ich die Probleme, die manche Freunde mit der Kieberei hatten, nie verstanden. Okay, sie nervte ein bisschen, wenn sie um zehn nach zehn aufschlug, weil die Nachbarn sich wegen einer zu lauten Party beschwert hatten. Oder wenn sie einem sieben Euro abknöpfte, nur weil man bei Rot über die Straße ging. Aber ja, ich bin auch privilegiert. Ich bin weiß, blond, habe einen Nachnamen, den selbst der Dümmste ohne Buchstabieren aufschreiben kann und keinen Akzent. Außerdem hab ich kein Problem, mich unterzuordnen, was im Umgang mit Polizisten auch hilft. Aber für viele andere war das anders. Die Polizei, das war ein Trottelverein. „Ich bin nix. Ich kann nix. Gebt mir eine Uniform“, stand auf Schildern, die gerne auf Demos nach oben gehalten wurden. Aber je älter ich werde, je mehr ich SPIEGEL TV schaue und Verrückte demonstrieren sehe, egal, ob das jetzt Corona-Leugner sind oder Identitäre, desto öfter denk‚e ich mir: Hey, gut, dass irgendwer dazwischen den Kopf hinhält. Weil wir nicht alle ideale Menschen sind, weil wir einbrechen, streiten, uns auch gegenseitig besoffen über den Haufen fahren oder sogar umbringen. Irgendjemand sollte also nicht nur der Schiedsrichter sein, sondern auch aufpassen, dass es nicht zu arg wird. Bloß: Die, die das tun, haben in einem großen Teil der Bevölkerung keinen wirklich guten Ruf. Woran liegt das? Weil man von ihnen nur hört, wenn sie sich danebenbenehmen? Sicher nicht nur, weil die Polizei hat, da lässt sich nicht darüber streiten, einige ernstzunehmende strukturelle Probleme in ihrem Apparat. Und da half es sicher auch nicht, dass Herbert Kickl in der Zeit, als auch meine Bewerbung einging, vermehrt in rechtsextremen Zeitschriften Stelleninserate schaltete.

Noch bevor ich zum ersten Test zugelassen wurde, spürte ich, was passiert, wenn man von einem erfahrenen Ermittler in die Mangel genommen wird, und die können das sogar per Mail. Da wurde ich gefragt, was man als Texter tut, ob die Arbeit für Magazine wie dieses eine journalistische ist, und vor allem wäre von Interesse, welche Beweggründe ich hätte, mit meiner „durchaus respektablen Vorbildung den Berufsweg des Exekutivbeamten zu beschreiten“. Zumindest das zu beantworten war nicht allzu schwierig. Auch bei der Polizei dürfte sich schon rumgesprochen haben, dass man heute mit einem Journalismus-Bachelor nicht mehr automatisch die ganz große Karriere macht.
An diesem schon angesprochenen Augusttag gab es dann auch zwei extra Begrüßungen. Ein „Ah, Sie san des“ für mich und eine nettere für den guten Kicker. Oben, vor der Türe zum EDV-Raum, mussten wir dann noch mal warten. Ein Typ mit einem ziemlich großen tätowierten Löwenkopf am Arm klickte nervös mit seinem gelben Taxi-40100-Kuli, die Burgenländerin stürzte sich noch ein Red Bull hinunter und dann ging es los: Wortanalogien, Zahlenreihen, räumliche Vorstellungskraft, mathematische Textaufgaben und so weiter. Alles unter massivem Zeitdruck und konzipiert, um zu versagen. Für Menschen mit nichtdeutscher Umgangssprache mehr als knifflig.
In der Pause vor dem zweiten Teil, in dem man sich selbst einschätzen musste (zielstrebig oder nicht, humorvoll oder humorlos, verlässlich oder unverlässlich, nachtragend oder nicht und so weiter), trank ich mit einem anderen Bewerber ein Cola. Er war Mitte 20 und eigentlich Lehrer. Ein kluger Kerl, nicht einfach gestrickt, eher links wahrscheinlich, äußerlich so unauffällig, dass es Absicht sein könnte. Was macht so ein Typ hier? Das mit den Jugendlichen, sagte er dann, würde ihm einfach nicht liegen, so ehrlich müsse er zu sich selbst ein. Traumjob Polizei? Nein. Aber wo sonst hingehen für einen krisensicheren Job, für gute Bezahlung, für Arbeitszeiten, die klar beginnen und klar enden? Alles nicht so einfach momentan.

Wenn man kein Problem mit Unterwerfung hat, keine lauten Partys feiert, sich nicht schlägert und besoffen eher lustig als krawallgebürstet ist, könnte man sich natürlich fragen: Wo kommt die Reibung her? Warum verlangen wir von Polizisten, dass sie im Umgang mit uns weniger deppert sind als Taxifahrer, U-Bahn-Kontrolleure, Kellner, Türsteher oder AMSBetreuer? Wahrscheinlich, weil sie von vornherein mehr sein müssen als diese Einzelperson. Sie stehen für das Gesetz, sie sollten eine moralische Instanz sein und selbst wenn jeder fehlbar ist – sie sollten das auf gar keinen Fall sein. Weil wir sie eben auch als moralische Richtschnur brauchen. Darum empören die Wahnsinnigkeiten auch so. Die Sache mit dem Angriff auf die Grazer Synagoge vor wenigen Wochen zum Beispiel, die trotz zweier Attacken nicht ordentlich bewacht wurde. Oder die zwei Beamten, ebenfalls aus Graz, die sich gegenseitig Nazi-Memes schickten, oder, dass erst im Sommer acht Beamte suspendiert wurden, die in einem Lokal bei einer Amtshandlung einen Tschetschenen niederkloppten. Was in dem Zusammenhang außerdem auch eher besonders ist und einen in der Außendarstellung eher weniger beliebt macht, ist, dass die Polizei wie kaum ein anderer Arbeitgeber auf ihre Mitarbeiter schaut. Für Vergehen, bei denen man überall anders mit ziemlicher Sicherheit längst rausgeflogen wäre, gibt es bei der Polizei eine Art Abstellgleis. Bedeutet: Sie werden einfach in die Administration versetzt. Rein rechtlich führt nämlich nur eine Freiheitsstrafe von einem Jahr automatisch zum Amtsverlust. Und so wundert es einen dann auch nicht, warum es so vielen schwerfällt, auch nur darüber nachzudenken, eventuell Polizist werden zu wollen.

Anfang Oktober 2018. Es war früh am Morgen und sehr frisch, ein anderer Ort, auch im dritten Bezirk. In einem Hochhaus beim Gasometer fanden in kleinen Gruppen ab acht Uhr Aufnahmegespräche statt. Die Lobby im Erdgeschoß hatte etwas von einem Hotel: lichtdurchflutet, schwarze Polstermöbel aus Kunstleder, schöner, hölzerner Dielenboden. Die einzigen zwei Hinweise auf die Exekutive – ein kleines Schild auf der Rezeption und ein frisch tätowierter Mann, schwarzes Hemd, ersten drei Knöpfe offen, fettes, goldene Kreuz um den Hals, der unsere Namen kannte. Ja, „unsere“, denn ich war mit zwei anderen Bewerbern eingeteilt. Ein plaudernder, blonder Schönling im Anzug und ein schweigsamer Kurzhaariger mit Apple-Watch und leichtem Akzent. Ein paar Stockwerke weiter oben, nachdem unsere E-Cards kontrolliert worden waren, saßen wir dann alleine in einem trostlosen Raum. Der Blonde tratschte vor sich hin, er müsse raus aus der Bank, weg vom Schalter, es reicht echt, da passiert ja überhaupt nichts.
Der andere sagte gar nichts. Irgendwann schlurften zwei Personen vorbei und verschwanden nebenan. Ich war der Erste, der aufgerufen wurde. „Wir wollen Ihnen heute auf den Zahn fühlen“, sagte die Frau im Raum am Anfang. Aber es fühlte sich mehr wie ein Geplauder an. Ich erzählte ein bisschen von mir, sie ein bisschen von sich („Wir würden es beide wieder machen.“; zur Polizei gehen, Anm.) und fragten dann, nachdem sie sich meinen Lebenslauf genauer angesehen hatten und das bisschen Führungserfahrung entdeckten: „Aber Sie wissen schon, dass Sie sich da dann ordentlich unterordnen müssten?“
Anfang November 2018. Ich hatte offenbar meine Unterwürfigkeit glaubhaft vermittelt, denn ich war in der nächsten Runde. Musterung und chefärztliche Untersuchung. Mitzubringen: Lungenröntgen, Laborbefund, Harnbefund, Füllfeder oder Kugelschreiber. Gemeinsam mit zwei anderen radelte ich mit Elektroden an meinem Körper auf einem Ergometer, wurde von oben bis unten abgetastet und abgehört, machte einen Sehtest und wurde nach einem Blick auf die Cholesterinwerte gefragt: „Essen’s gern fett?“ Ganz am Schluss, kurz nachdem wir alle in einen Becher gepinkelt hatten, beugte sich einer von den beiden anderen beim Umziehen rüber und fragte: „Burschen, i hab vor ein paar Tagen gekifft, glaubts sieht ma des da?“

Seit ich an diesem Aufnahmeverfahren schlussendlich gescheitert bin, kann ich gar nicht anders, als jeden Polizisten, den ich auf der Straße sehe, etwas genauer anzusehen. Vor allem natürlich deshalb, weil sie etwas besser können als ich, was gar nicht so leicht wegzustecken ist und mich bei manchen wirklich wundert. Sobald ich heute Polizisten sehe, regt sich in mir ein eigenartiges Gefühl der Anerkennung, selbst wenn sie auf dem Rad sitzen und dabei so aussehen, als hätten sie Radfahren erst gestern gelernt und würden es am liebsten heute noch entsorgen. Denn bei aller Demut: Ich war mir eigentlich sicher, dass dieser Test für mich kein Problem sein kann. Einen wie mich, der aus dem Leistungssport kommt, der rechtschreiben kann und sogar den einen oder anderen Beistrich richtig setzt, einen, der nicht klein ist und auch nicht sonderlich dick, den werden sie doch brauchen bei der Polizei. Aber: Nein.

Ende Jänner 2019. „Tired? Fatigue? Nach einer Minute wieder frisch und munter“, versprach das Schild auf dem goldenglitzernden „SUPER FUSSMASSAGE“-Gerät im Eingangsbereich des Brigittenauerbads. Es war kurz nach sechs, draußen hatte sich eine dünne Schneeschicht über den Boden gezogen, von Sonne oder Licht war noch nichts zu sehen. Der letzte Tag des Aufnahmeverfahrens und das Programm war dicht: Nach dem Schwimmtest waren die anderen körperlichen Übungen geplant und am Ende sollte ein Computer dann noch einmal meine Persönlichkeit überprüfen. Ein bisschen munter werden um einen Euro, warum nicht?
In der Umkleide stand ein Typ mit einem fünfzeilig tätowierten Spruch am Bauch, von dem ich auch ohne BabyelefantenAbstand nur „I fall“ entziffern konnte, und er erzählte mir von seinen Schwimmtrainings und dass es knapp war, immer, sogar noch beim Üben gestern. Er trug eine enge, schwarze Badehose, „Speedo“ stand in weißer Schrift darauf, und hatte – so wie die meisten – Schwimmbrille und Badekappe dabei. Ich hatte nicht trainiert, mein größter Schwimmerfolg war der Allround-Schwimmer in der Schule, für den ich zwar ein bisschen zu langsam war, was meinem Turnlehrer, der bekannt dafür war, über solche Kleinigkeiten hinwegzusehen, aber egal war. Außerdem war ich vielleicht nicht ganz so top ausgestattet wie alle anderen. Ich hatte keine Badehaube, keine Schwimmbrille, und neben den ganzen Wettkampfsportlern sah ich eher aus wie ein Übriggebliebener vom Lignano-Urlaub. Zum ersten Mal dachte ich mir: Okay, kann vielleicht etwas knapp werden. Hundert Meter Freistil, ihr könnt machen, was ihr wollt, sagte einer der Prüfungsleiter, nur schnell genug müssten wir sein. Und: Bei der Wende auf keinen Fall den Boden berühren! Dann ging es los, alphabetisch, die meisten starteten von unten direkt aus dem Wasser, stießen sich in die erste Länge ab. Die anderen feuerten von draußen an, so fremd kann man sich in Situationen wie dieser scheinbar gar nicht sein. Ein Typ ging sogar immer wieder auf die Knie, wenn einer die Länge retour kam, und klopfte wie wild auf die weißen Fliesen am Beckenrand. Einer mit roter Badekappe, der wirklich so aussah, als würde er das nicht zum ersten Mal machen, wurde auf der letzten Länge immer langsamer. „Des wird knapp, des wird knaaaappp“, sagte der Klopfer. Bei ihm ging es noch gut, dann flog aber der Erste raus. Ein Kleiner, Schmächtiger und nicht mal, weil er zu langsam war, sondern weil er bei der Wende den Boden streifte. Irgendwann dazwischen war ein Dicker deutlich zu langsam und dann noch einer. Und als einen der Letzten erwischte es dann auch mich. Prustend und keuchend hievte ich mich aus dem Wasser, vor mir der große Typ mit der Stoppuhr. „Sie wissen’s wahrscheinlich eh, aber danke, das war’s für Sie“, sagte er. Schafft man nämlich eine Disziplin nicht in der angegebenen Zeit, braucht man den restlichen Tag gar nicht mehr mitzumachen. Um 7:30 Uhr, die meisten saßen wahrscheinlich gerade erst beim Frühstück, war mein Tag bei der Polizei schon wieder vorbei. Und damit auch meine ganze Karriere bei der Exekutive.

Seit das E-Mail mit der Auswertung des BMI und der wirklich miesen Punktezahl kam, sind über eineinhalb Jahre vergangen. Es gibt einen neuen Innenminister, der zumindest nicht in eigenartigen Zeitschriften nach Mitarbeitern sucht, aber es gibt dieselben Diskussionen um die Institution Polizei wie in den vergangenen Jahren auch. Seit ich bei dem Aufnahmeverfahren dabei war, hat sich mein Bild von Polizisten aber trotzdem ein bisschen geändert. Nicht, weil ich dort gute Freunde gefunden hätte, und auch nicht, weil ich fand, dass jeder, den ich sah, sich unbedingt um die Einhaltung der Gesetze kümmern sollte, sondern weil die meisten, die damals vorhatten, Polizist oder Polizistin zu werden, und mit denen ich in diesem halben Jahr sprach, wirklich vernünftig rüberkamen.
Zugegeben, ich hätte natürlich gerne selbst entschieden, ob ich Polizist werde oder nicht, diese Ego-Kiste ist schwer in den Griff zu kriegen. Aber ich kann zumindest noch zuschauen. Vor ein paar Tagen sah ich zum Beispiel zwei junge Polizisten, eine Frau und einen Mann, die an einer Kreuzung standen und weil die Ampel ausgefallen war, versuchten, den Verkehr zu regeln. Es gelang, sagen wir, naja. Als ich vorbeifuhr, musterte ich die beiden so, wie ich das seit meinem Rauswurf immer mache, und dachte dann das, was ich seitdem immer denke: Die schwimmen schneller als du. Ich weiß nicht, wann das aufhört. Ich hoffe, bald.

Anm.: Der Schwimmtest und der 3.000-Meter-Lauf wurden für Anwärter, die sich nach dem 1. Jänner 2019 bewarben, übrigens gestrichen. Der Nachweis würde künftig durch das österreichische Schwimmerabzeichen der Qualifikationsstufe „Fahrtenschwimmer“ oder höher erbracht.

Erschienen im Herbst 2020. Fleisch 57 – Institutionen – ist bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

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