"Eine intime Sache."

Fleisch 52, Sommer 2018
Interview: Martina Bachler                             

 

Gregor Eichinger ist einer der wichtigsten Architekten Österreichs. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was ein guter Beserlpark können muss und warum die Stadt zum Dschungel wird.

 

Herr Eichinger, gibt’s einen Beserlpark, den Sie besonders mögen?

Ich habe jahrelang neben einem gewohnt, im zweiten Bezirk, und einer seiner Bäume hatte seine Krone direkt vor meinen Fenstern. Er hat für mich zur Wohnung gehört. Irgendwann wurde er gefällt, die Grünfläche wurde zugepflastert, heute gibt es nur mehr einen Baum dort, ein paar Büsche, ein paar Spielgeräte. Vielleicht heißen die kleinen Parks ja heute Beserl­parks, damit man sie praktisch sauber halten kann.

Ursprünglich sollen sie so genannt worden sein, weil es dort nur verkümmertes Gestrüpp gab, „Beserl“ halt.

Heute sehen sie oft aus, als wären sie vor allem für die Kehrmaschine gemacht. Bei der „pflegbaren Oberfläche“ hat die Stadt Wien des Öfteren übers Ziel hinausgeschossen.

Und so sollte es nicht sein?

Ich glaube, dass die Stadt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zum Dschungel werden wird, zu einem grünen Ort, damit Sie auf Grund der Klimaerwärmung bewohnbar bleibt. Und die Beserlparks werden ihre Rolle dabei spielen. Dafür müsste man sie aber aufwerten. Es könnten sich ja Leute ihrer annehmen, sich um sie kümmern, sich zuständig fühlen für die Pflanzen, Bäume, Bänke und Sitzplätze. Vielleicht geht das, indem man Patenschaften vergibt.

Statt für den süßen Leguan in Schönbrunn übernehmen wir eine Patenschaft für den öffentlichen Aschenbecher ums Eck?

Der Beserlpark hätte sofort eine andere Wertigkeit und Wichtigkeit, und vielleicht hätten ein paar ältere Menschen, die dort in der Nähe wohnen, wieder eine Aufgabe und etwas Sichtbarkeit. Das muss aber damit einhergehen, dass man dann auch im Beserlpark die Leute willkommen heißt, dass dieses öffentliche Wohnzimmer wirklich offen ist. Es gibt gar nicht so wenige davon. Und überall dort, wo jetzt vielleicht nur eine Staude steht, könnte es in Zukunft noch grüner ­werden. Wir würden das zulassen.

Wie meinen Sie das?

Immer wenn ich mit Leuten aus Paris über Wien rede, sind sie über zwei Dinge erstaunt: erstens darüber, dass es hier so ­sauber ist. Und zweitens darüber, dass hier keiner die Blumen in den Parks abschneidet und mit nach Hause nimmt.

Warum ist das bei uns so?

Weil sich die einen darüber freuen, dass die Blumen da sind, und die anderen sie schlicht ignorieren. Es zählt zum Wert dieser Stadt, dass hier die Blumen blühen und auch stehen bleiben. Und wenn die Beserlparks grüner werden, wird das dort nicht anders sein.

Aber ein paar Beserlparks machen noch keinen Dschungel.

Nein, aber jetzt gerade entstehen zum Beispiel auch unzählige Gastgärten, und viele von ihnen werden mit Pflanzen abgegrenzt. Alles, was grün ist, ist nicht nur schön, sondern es hilft der Stadt, in der es durch den Klimawandel immer heißer wird. Wir müssen sie kühl halten. Gastgärten und ­Beserlparks können kleine Klimaanlagen werden.

Paris pflanzt deshalb Tausende Bäume, plant kleine, ­zentral gelegene Wälder, um die Stadt zu kühlen.

Dafür gibt es auch bei uns noch Potenzial, und dann gibt es da noch die Fassaden und die Dächer. Die neuen Architekturen sehen ja oft schon vor, dass auf jedem Balkon ­substanziell Grünes wächst. Weltweit werden diese Konzepte gefeiert, sie sind spektakulär und verbessern das Klima. Auf denn Dächern werden wir Wälder haben, wir werden dort Lebensmittel anbauen und auch die Fassaden begrünen. Die Menschen ziehen in die Stadt, aber sie werden hier irgendwann wie im Wald wohnen. Wenn man dann noch die Beserlparks dramatisch aufwertet, wird es langsam, das mit dem Dschungel.

Wenn man das kleine, grüne Wohnzimmer ums Eck, das eben einfach da ist, aufwertet – ist’s dann nicht auto­matisch tot?

Dass es nicht mehr nur öffentliche Toilette, Aschenbecher und Müllplatz ist, macht es nicht automatisch tot. Man muss diesen Orten mehr anmerken, dass sie geliebt werden, dass man sich um sie kümmert und ihnen auch eine Art Eigen­leben zugesteht. Zum Beispiel, dass es dort wieder grüner werden kann.

In Beserlparks sitzen oft dieselben Leute herum: ­ältere Menschen, die sonst kaum aus dem Haus kommen, jüngere, die sonst nirgends wirklich hinkönnen. Beserlparks sind doch vor allem praktisch. Wie lernen wir, sie zu ­lieben?

Dass sich bei uns relativ wenig Leben draußen abspielt, war lange klimatisch bedingt. Das ändert sich gerade, wie man etwa an der Explosion von Gastgärten merkt, von denen es noch mehr geben wird, weil Wien touristisch erst am Anfang steht.

Das ist eine Drohung.

Es werden weiter Hotels gebaut, die Quellen, die aus dem Ausland über den Tourismus in die Stadt strömen, sind noch lange nicht versiegt. Das wirkt sich auf unser Zusammen­leben aus, auf unsere Orte und Plätze, auf unsere Mobilität. Wir werden lernen, mit all dem umzugehen. Beserlparks werden auch deshalb noch wichtiger, weil man hier einfach sein kann, ohne etwas konsumieren zu müssen. Und es braucht nicht viel, damit sie funktionieren.

Was denn?

Man muss irgendwo sitzen können, es muss Schatten ­geben, und vielleicht gibt es die eine oder andere Besonderheit, wie ein Schachspiel oder eine Bocciabahn. Dann hätte der ­Aufenthalt gleich eine andere Qualität.

Geht es dabei auch um Interaktion?

Nicht unbedingt. Der Beserlpark hat einen intimen Charakter, er ist sehr übersichtlich, sehr persönlich. Natürlich kommen Jugendliche manchmal auch hierher, aber sie brauchen eher größere Orte, weil es ihnen auch darum geht, gesehen zu werden. Die soziale Komponente im Beserlpark ist, dass man vielleicht jemanden findet, mit dem man ein bisschen reden kann. Früher war der Beserlpark mit der alten Frau im Arbeitsmantel, die die Tauben füttert, ein Bild von Melancholie und Tristesse. Das wird sich ändern.

Wien rühmt sich oft als grüne Stadt, dabei zeigt gerade eine Studie, dass hier wahnsinnig viel Boden versiegelt ist.

Zum Beispiel in den Beserlparks, ja! Im Barock war Wien eine Stadt voller Parks, heute gibt es Stadtteile, in denen weit und breit kein Baum steht. Und es gibt zwar Parks, aber die sind, wie der Stadtpark oder der Burggarten, nicht wahnsinnig groß. Die größten Parks, die wir haben, sind unsere ­Friedhöfe.

Auf denen ist es ja meistens recht ruhig. Warum aber braucht es in einer Stadt, die ihre Blumen in Frieden lässt, sonst offenbar so viele Regeln, wenn es ums Zusammen­leben in Parks geht?

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass man sich so benimmt, dass das gar nicht nötig ist. Es gibt auch Kulturen, wo das so ist. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir uns schon sehr von uns selbst entfernt haben und auch von diesem instinktiven Wissen, wie man mit anderen Menschen und mit der Natur umgeht. Wir leben eher in einer Kultur des gegenseitigen Belauerns, wir wollen anderen sagen können, was sich gehört und was nicht. Und wir sind auch nicht gern selbst für etwas verantwortlich. Wir lassen in unserem eigenen Stiegenhaus ein Papierl am Boden liegen, weil, wenn nicht wir es fallen gelassen haben, dann ist es ja nicht unser Papierl. Das müssten wir eigentlich auch ändern.

Aber wie?

Im Park könnten wir ja zum Beispiel nicht das auf Schildern aufschreiben, was verboten ist, sondern das, was wir uns wünschen, dass dort passiert. Man sollte das wirklich mal ausprobieren. Im Beserlpark geht es ja fast nicht anders, als automatisch aufeinander Rücksicht zu nehmen. Und je ­dichter die Stadt wird, desto wichtiger wird das.

 

Erschienen im Sommer 2019. Fleisch ist bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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