text - wolfgang kralicek, christoph wagner

22 Jahre erste Reihe fußfrei

Er gewann mit Arsenal die Premier League, war mit Juventus italienischer Meister. Alexander Manninger war ein wirklich guter Tormann, spielte jahrelang in den besten Ligen der Welt. Wobei: Die meiste Zeit davon spielte er gar nicht, er saß draußen auf der Bank. Aber das hat ihm anscheinend nichts ausgemacht. Warum?  

Wenn Kinder im Park kicken, muss einer ins Tor, meistens ist es der, der sonst gar nicht mitspielen hätte dürfen. Aber was gibt es Langweiligeres, als zuzuschauen? Und bevor man dann gar nicht spielt, stellt man sich eben hinein, auch wenn es dann manchmal wehtut. Im echten Fußball ist das natürlich anders, vielleicht sogar ein bisschen grausamer, weil da gibt es in jedem Verein drei, manchmal sogar vier Tormänner, die das sogar gerne machen, also ins Tor gehen. Es ist ihr Beruf und wenn man darin gut genug ist, bekommt man dafür auch noch ganz gut bezahlt. Nämlich alle vier.
Nur: Mehr als einen Tormann braucht es pro Spiel nun mal nicht. Was ziemlich blöd für die anderen ist. Möchte man zumindest glauben.

Alexander Manninger war die meiste Zeit in seiner Karriere einer von diesen anderen. Er spielte in den besten Ligen Europas, eigentlich in den besten Ligen der Welt: in der englischen Premier League, in der italienischen Serie A, in der deutschen Bundesliga.
Alexander Manninger war ein wirklich guter Tormann und trotzdem schaute er die meiste Zeit nur zu.

Manchmal spielte er tatsächlich, wenn die Nummer eins verletzt war, oder in Cup-Spielen, die den Vereinen weniger wichtig waren. Und wenn er dann mal spielte, spielte er gut, sehr gut sogar, das sagten alle, die besten Trainer, seine Mitspieler, oft auch seine Gegner im Interview danach, wenn Manninger, immer aufmerksam und mit stets weit aufgerissenen Augen, wieder keinen durchgelassen hatte.

Bildschirmfoto 2018-07-06 um 11.00.04


In 22 Jahren Profifußball machte Manninger etwa 250 Meisterschaftsmatches. Das sieht nach mehr aus, als es ist, weil pro Saison sind das umgerechnet nur etwa zehn Spiele im Jahr. Mit Nationalteam, Cup- und Europacup-Spielen müssen es insgesamt rund 350 gewesen sein. Im Vergleich: Helge Payer, ein anderer guter österreichischer Tormann, kam in seinen elf Jahren bei Rapid Wien auf nicht viel weniger Spiele.
Und Gianluigi Buffon, die Torwart-Legende von Juventus Turin, hinter der Manninger einige Jahre die Nummer zwei war, kam in 23 Jahren auf mehr als 850 Partien. Allerdings fehlen bei dieser Rechnung noch Champions-League- und Cup-Spiele. 

Das klingt jetzt alles ein bisschen trauriger, als es ist. Die Geschichte des ewigen Zweiten, erzählt Alexander Manninger nämlich nicht, wenn er über seine Karriere spricht, was er, der Medienscheue, wirklich selten tut. „Ich kenne Torhüter“, sagte er einmal zum deutschen Fachmagazin „Kicker“, „die waren immer Nummer eins und haben nicht so oft auf diesem Level gespielt.“ 
So kann man das natürlich auch sehen. 
Vielleicht muss man es auch so sehen. 
Weil natürlich hätte Alexander Manninger eine längere Phase seiner Karriere bei Vereinen spielen können, bei denen niemand auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht hätte, dass er nicht die Nummer eins sein würde. Aber Manninger hat sich anders entschieden. 

Von Siena nach Turin – auf die Ersatzbank für Buffon
2008 wechselte er als Einser-Tormann vom AC Siena nach Turin zu Juventus. Eine Entscheidung, die für Außenstehende nur schwer zu verstehen war. Auch Klaus Lindenberger, früher selbst Teamspieler und heute Tormanntrainer des Nationalteams, konnte diesen Karriereschritt Manningers nicht wirklich nachvollziehen. Er hatte Manninger damals in Siena besucht und was er dort sah, war ein Publikumsliebling, dem die Fans zu Füßen lagen. Und trotzdem wollte Manninger lieber nach Turin. Und das, obwohl dort Gianluigi Buffon zwischen den Pfosten stand. Ein Welttormann, eine Vereinslegende.

Schon bevor er das erste Training absolvierte, war es eigentlich ziemlich klar, dass Manninger bei Juve wieder nicht mehr sein wird als die Nummer zwei. Wahrscheinlich hatte er auch selbst nicht daran geglaubt, an Buffon vorbeizukommen. Aber trotzdem: Bei Juventus auf der Bank zu sitzen, reizte Manninger offenbar viel mehr, als bei einem kleinen Verein wirklich zu spielen.

So eine Standby-Karriere wie die von Alexander Manninger ist im Fußball grundsätzlich nur auf der Position des Tormanns denkbar. Weil jeder Feldspieler mit so wenigen Einsatzminuten würde früher oder später ausgemustert werden, keinen Vertrag mehr bekommen. Bei Torleuten ist das schon deshalb anders, weil es für sie ja viel schwieriger ist, einen Platz in der Mannschaft zu finden. Während die meisten Feldspieler auf mehreren Positionen eingesetzt werden können, hat der Tormann nur eine einzige Option. Außerdem kann man als Ersatztormann oft lange warten, bis der Einser-Goalie einmal ausfällt.

Bildschirmfoto 2018-07-06 um 11.22.51

Aber könnte nicht alles ganz anders sein, umgekehrt, also, dass Alexander Manninger insgeheim trotzdem immer der Beste sein wollte? Weil eigentlich war er es ja: Er galt als der beste Ersatztorhüter Europas. In seinem letzten Jahr bei Juventus Turin wurde Manninger 2012 italienischer Meister. Er hatte in dieser Saison allerdings keine einzige Minute gespielt.

Die meisten anderen Sportler hätte das so gefuchst, dass sie vielleicht sogar ganz hingeschmissen hätten. Manninger, hingegen, hat diese besondere Gabe, die vielen anderen Sportlern, egal, in welcher Disziplin, komplett fehlt: Er konnte sich mitfreuen. Er freute sich mit seiner Mannschaft, mit seinen Teamkollegen, die den Erfolg am Platz gefeiert hatten. Obwohl er keine Minute gespielt hatte, sah er sich als Teil des großen Ganzen, was absolut richtig ist, aber als ehrgeiziger Sportler eben gar nicht so einfach.

Im „Kicker“ erklärte er das so: „Titel zu gewinnen, Ziele des Klubs zu erreichen, mit Weltmeistern zu spielen, am höchsten Level zu kratzen war mir wichtiger, als 100 Spiele mehr zu machen. Ich war bei Vereinen, bei denen Größeres im Vordergrund steht. Und in jedem Verein habe ich mich irgendwie verewigt, auch wenn mein Name nur ganz klein irgendwo steht.“

Der Nomade: Insgesamt war Manninger bei 14 Vereinen

Natürlich träumt zuerst einmal niemand davon, Ersatzmann zu sein. Auch der damals 19 Jahre alte Alexander Manninger sicherlich nicht, als er beim GAK 1996 im UEFA-Cup gegen das große Inter Mailand ran durfte, weil Stammtormann Franz Almer krank wurde. Manninger hielt damals im Hin- und Rückspiel so gut, dass internationale Scouts auf ihn aufmerksam wurden. Auch Arsène Wenger, Trainer-Manager des Premier-League-Clubs FC Arsenal, war Manninger aufgefallen und er holte ihn schließlich nach London. Es war eine Sensation, Manninger war der erste Österreicher in der Premier League. Wenn zuerst auch nur als, wie konnte es anders sein, Nummer zwei. Doch schon bald verletzte sich Altstar David Seaman, hatte immer öfter körperliche Probleme. Manninger durfte spielen. Viel sogar. Und er spielte, wie immer eigentlich, gut. Einmal wurde er sogar zum Player of the Month der ganzen Liga gewählt. „Damit schreibst du Geschichte“, sagte er Jahre später einmal über den Wechsel, „das bleibt einem.“

Es sind Sätze wie diese, die ganz gut beschreiben, was Alexander Manninger antrieb. Es waren die großen Namen, die großen Settings, die vollen Stadien, die ihn reizten. Auch wenn es immer nur für ein paar Spiele war. Vielleicht würde einem wie Manninger sogar die Gänsehaut über den Rücken laufen, wenn er vor 3.000 Zuschauern ins Mattersburger Pappelstadion einläuft. Aber wahrscheinlich nur deshalb, weil es ihn vor dieser trostlosen Kulisse schaudert.

Nach vier Jahren bei Arsenal zog er Richtung Italien weiter. In seiner Karriere wechselte „der Nomade“, wie er manchmal genannt wurde, oft, insgesamt war er bei 14 Vereinen unter Vertrag. Und fast immer war da ein Tormann, an dem Manninger nicht vorbeikam. Bis er sich irgendwann mit dem Gedanken angefreundet haben muss, dass man ja auch als zweiter Tormann eine erste Karriere machen kann.

Im Tor strahlte Manninger immer Ruhe aus. Klaus Lindenberger glaubt, dass diese Manninger-Ruhe, die er auch abseits des Platzes hatte, nicht immer förderlich für seine Karriere war. Alexander Manninger war nun mal kein „Hier!“-Schreier, er war einer, der solide Leistungen brachte, aber nicht so von dem Ehrgeiz zerfressen war, unbedingt die Nummer eins sein zu müssen. Zwei Buffons oder zwei Neuers will niemand in einem Kader haben. Deswegen gibt und gab es einen Markt für Torleute wie Manninger. Vor allem dann, wenn sie eigentlich gar nicht so viel schlechter sind als die, die in der ersten Reihe stehen.

Dass Manninger aber jemand war, der sich herumschubsen ließ, wäre eine krasse Fehlinterpretation. Denn dass er sich als Nummer zwei von Juventus in der Nationalmannschaft tatsächlich mit Michael Gspurning, der damals bei einem durchschnittlichen Verein in Griechenland unter Vertrag stand, um ein Leiberl duellieren musste, fasste er als mangelnde Wertschätzung auf. Manninger war sauer und trat 2009 aus dem Team zurück. Wertgeschätzt fühlte sich Manninger ziemlich sicher noch einmal gegen Ende seiner Karriere.

Zum Schluss noch einmal Premier League

Nach seiner Zeit bei Juventus, er war jetzt 35, ging er als dritter Tormann in die deutsche Bundesliga zum FC Augsburg. In ein paar Spielen half er mit, den Abstieg zu verhindern, zog sich dann aber wieder in die zweite Reihe zurück. 2016 ging er noch einmal dorthin zurück, wo fast 20 Jahre früher alles begonnen hatte: zurück nach England, noch einmal Premier League. Natürlich nicht als Einser-Goalie, aber wieder vor die ganz große Kulisse. Liverpool-Coach Jürgen Klopp wollte Manninger unbedingt an der Anfield Road haben. Aber nicht etwa, um zu spielen. Manninger war mittlerweile 40 und er sollte jetzt so etwas sein wie ein Mentor für die jungen Tormänner Simon Mignolet und Loris Karius (ja, der Unglücksrabe aus dem heurigen Champions-League-Finale).

In Liverpool machte Manninger in seiner 22. und letzten Saison als Profifußballer, wie zu erwarten war, kein Spiel mehr. Und dennoch: Das Jahr in Liverpool bezeichnet Manninger als „eines der intensivsten und erfahrungsreichsten“ seiner Karriere. Am Ende hatte Alexander Manninger die Rolle des zweiten oder dritten Manns offenbar so verinnerlicht, dass die Frage, ob er mitspielen durfte, bedeutungslos geworden war.

Auf Europas Ersatzbänken ist seit dem Vorjahr eine Stelle frei. Es wird nicht leicht sein, sie nachzubesetzen
Diese Geschichte steht in Fleisch Nr. 48, jetzt im Zeitschriftenhandel erhältlich oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!">Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

fleisch48 170x200
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
">
Erschienen im Sommer 2018
Share