Season 3, Folgen 1&2
Girls

Es ist schwer von der Hand zu weisen, dass Girls wie keine zweite Serie den Geist der „Generation Y“ einfangen soll, also jener grundsätzlich liberalen, weltoffenen Hipster, die mit Ipad in der Hand und KEXP oder KROQ (hierzulande: FM4) im Ohr ihren Lebensplan suchen. Man kann sich durchaus vorstellen, dass Drehbuchschreiberin/ Regisseurin/ Schauspielerin Lena Dunham davon genervt - ja gar überfordert - ist. Tja, der Teufel, den man rief (Girls, erste Folge, Hanna: „I think i might be the voice of my Generation - or at least a voice“).

Nun hat sich das internationale Feuilleton anscheinend darauf verständigt, dass Dunham tatsächlich die Stimme ihrer Generation sei - und macht Girls beispielsweise zum Barometer für neue Männerbilder. Oder echauffiert sich darüber, wenn AUCH Dunham, die in Girls ja „soviel“ für die Akzeptanz normaler Frauenbilder getan hat, in brutus-artiger Manier am Vogue-Cover (buh!) gephotoshopped wird.

Keine Vorbilder - und sicher nicht echt

Lassen wir die großen Erwartungen mal beiseite, verzichten wir auf eine Exegese jedes Dialogs und betrachten wir Girls kurz als normale Serie.

Wo waren wir stehengeblieben?

In Staffel 2 schien alles schief zu laufen: Jessa heiratete einen Finanzhai, ließ sich wieder scheiden und verschwand, kurz nachdem ihre dysfunktionale Familie vorgestellt wurde. Marnie verlor ihren Job und trennte sich von Charlie. Shoshanna und Ray machten Schluss, nachdem Shoshanna ihn betrogen hatte. Hannah erlitt einen Nervenzusammenbruch und entwickelte eine Zwangsstörung, nachdem Adam eine neue Freundin hatte.

Wirkt fast so, als hätte Lena Dunham der Welt sagen wollen: Hey, diese Charaktere sind keine Vorbilder. Und auch: Hey, diese Charaktere SIND fiktiv! SO passiert das bestimmt nicht. (Erwischt, man kann diesen Generation-Y-Kontext einfach nicht vermeiden).

Eine Prise Oberflächlichkeit

Und jetzt? Hannah und Adam sind wieder zusammen. Marnie jammert. Jessa ist auf Entzug, wo sie pausenlos Therapeuten und andere Patienten provoziert. Shoshanna führt ein typisches Studentinnenleben und hat wohl ihre Persönlichkeit vergessen. Im ersten Moment wirkt es, als ob Lena Dunham ihren Charakteren die Vielschichtigkeit abgesaugt hätte. Im zweiten, dritten und darauffolgenden Momenten bestätigt sich das, auch wenn einige kluge Sätze fallen.

Beispielsweise, als Hannah und Adam dessen Exfreundin treffen, die ihn als sexsüchtigen, soziopathischen Neandertaler bezeichnet. Oder als Shoshanna dann, etwas später, dem sexsüchtigen, soziopathischen Neandertaler attestiert, Hannahs Retter gewesen zu sein. Das klingt dann so: „I’m serious. Think about it. What would she have done during this period of mental unrest if her boyfriend had been, like, an actual human being, like, existing in society. What if you had, like, a job, or responsibilities, or places to be during the day, or a best friend.“

„This is just a normal road trip“

Diese Worte fallen, als Hannah, Shoshanna und Adam gerade auf den Weg zur Entzugsklinik sind, um Jessa abzuholen. Die hat es nämlich endlich geschafft, aus der Klinik geschmissen zu werden und sich nach einigen Monaten wieder bei Hannah gemeldet. Gefühlte zwei Folgen Road-Trip also, in denen nicht viel passiert. Wie Lena Dunham als heiliger Geist, in Hannah gefahren, auch zugibt, als diese sich darüber beschwert, dass dieser Road Trip viel zu langweilig sei, um Inspiration für ihr Buch zu liefern.

Wohin des Weges?

So sind die ersten beiden Episoden dann auch nicht viel mehr als das Set-Up für die verbleibenden zehn Folgen, über deren Stoßrichtung sich schwer spekulieren lässt. Zu hoffen wäre, dass Lena Dunham die Lücke zwischen ihrer eigenen Biographie und ihrem Alter Ego Hannah wieder etwas schließt. Denn zu Beginn von Staffel 1 hatte man tatsächlich das Gefühl, dass hier jemand etwas über seine Generation erzählt, weil er ein exzellenter Beobachter seiner Umgebung ist. Aber jetzt, nach zig Golden Globes, einem HBO-Vertrag über mehrere Jahre und zig Gastbeiträgen im New Yorker, ist Lena Dunham woanders. Und dorthin sollte sie Hannah und uns auch mitnehmen - selbst wenn sie dann nichts mehr über die restlichen 99% ihrer Generation Y erzählen kann.