Headerbild Fleisch25 Stronach
text - Benjamin Koffu
Fotos - Ditz Fejer
Bei Stronachs zu Hause
Das Team Stronach hat sich ganz der Wahrheit verschrieben. Das wirft zwei Fragen auf: Wer ist das eigentlich, das Team hinterm Stronach? Und was ist das eigentlich – die Wahrheit? Eine Reise durch Österreich auf der Suche nach Antworten.
Der Weg zur Wahrheit führt über die Donauufer-Autobahn nach Krems und weiter nach Traismauer bis nach Furth bei Göttweig, dorthin, wo die Einfamilienhäuser dicht an dicht stehen und wie zum Trotz ins Pastellige schlagen. Er führt vorbei an Buddhastatuen und Blumen, an Windrädern und Kinderspielzeug, er führt uns bis zur Hausnummer 209, an der wir läuten, bis Markus Reßl öffnet, und dann ziehen wir die Schuhe aus. Denn Herr Reßl mag keinen Dreck in seinem Haus. Ist das unsere erste Wahrheit? Könnte sein, wir sind schließlich seit exakt 62 Minuten unterwegs, und das heißt: Es ist Zeit für eine Wahrheit. Das mag jetzt ein bisschen aufgesetzt klingen­, warum sollte die Zahl 62 irgendeine Maßeinheit auf der Suche nach Wahrheit sein?

Aber: 62 Seiten hat das Parteiprogramm von Frank Stronach. Und der verkauft nicht nur die Wahrheit, er hat auch schon genügend Käufer gefunden. Wir wollen also durch Österreich fahren­ und uns alle 62 Fahrminuten mit einem Mitglied des Team Stronach­ treffen. Sie zu finden ist kein Problem, Stronach hat genügend Gläubige.­ (Die Schwierigkeit liegt eher daran, garantieren­ zu können, dass die Stronachisten, die wir treffen, zum Zeitpunkt unseres Erscheinens noch zum Team gehören. Aber das wussten wir zu Beginn der Reise noch nicht.)

Die Wahrheit? Es stimmt was nicht im System. Bis jetzt.

Und nun stehen wir im Wohn-­Ess­bereich von Markus Reßl. 42 Jahre ist er alt, was eine wesentliche Information ist, weil er zu den Menschen gehört, deren Alter schwer zu schätzen ist. Als wir ihn treffen, trägt er Hose, Hemd und Sakko, am Handgelenk eine schwere Uhr und die schütteren Haare streng geschnitten. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, das Fertighaus, an dessen Tür wir geläutet haben, haben seine Frau und er aus der Blauen Lagune. Hier lebt er nicht nur, hier arbeitet er auch. Er ist selbstständiger Versicherungsmakler,­ neben Versicherungen verkauft er von hier aus auch Finanzierungen und Ver­mögens­anlagen. Und neuerdings eben auch Politik.

Die Wahrheit, Herr Reßl? Die Steuern­ sind zu hoch und die Abgaben auch, überhaupt, das viele Geld, das der Staat seinen Bürgern abknöpft und dann oft sinnlos verprasst. Nein, das ganze System­: „Warum soll ich einem Menschen Geld dafür bezahlen, damit er mir sagt, wie viel Steuern ich zahlen muss?“ Er sagt, dass er selbst viel arbeitet, anständig ist, ehrlich, und er fragt, wie viel sich noch ändern muss, bevor die Menschen etwas ändern, und dass er gerne­ etwas­ ändern würde. Weil er eben Unter­nehmer sei und kein Unterlasser. Und ja, jetzt wäre es wirklich hoch an der Zeit. Laut Reßl wäre nur Stronach in der Lage, etwas zu ändern. Alle anderen jungen­ Parteien hätten keine Kohle, und die alten Parteien hätten das Schlamassel ja ausgelöst. Wir fahren weiter.

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Links: Markus Reßl, 42, Versicherungsberater
Rechts: Heribert Laaber, 56, Versicherungsberater


Die nächste Wahrheit sollte uns eigentlich in Blindenmarkt bei Amstetten erwarten, doch Heribert Laaber kommt uns auf halbem Weg entgegen. Die Wahrheit, Herr Laaber? Es läuft viel zu viel unter der Decke, die Schulden, die Verwaltung, die EU. „Wir werden jeden Tag für dumm verkauft, ned?“ – da müsse man was tun. Ned? Laabers Wahrheit klingt nicht anders als die von Reßl, und das könnte vielleicht auch daran liegen, dass sie mit den gleichen Problemen kämpfen: Laaber verkauft im Zivilleben Versicherungen und Anlagen. Anders als Reßl ist er aber schon lange politisch aktiv: 20 Jahre saß er mit seiner Liste, dem Bürgerforum, im Gemeinderat seines Heimatorts. Er war nie Mitglied einer Partei, hat nur Ende der 90er mal kurz mit dem Liberalen Forum sympathisiert. Stronach hat ihn motiviert, jetzt erstmals in einer Partei Politik­ zu machen. Die Idee Stronach wohlgemerkt, persönlich hat Laaber seinen ­Parteichef zwar ein paar Mal gesehen, aber noch nicht wirklich kennengelernt.

Die Wahrheit? Steht in Frank Stronachs Buch

62 Minuten später sind wir bei Leo Steinbichler in Regau, und er kennt Stronach sehr wohl. Nach eigenen Aussagen hat er sogar am 62-seitigen Partei­programm mitgeschrieben, eigentlich stammen die ganzen Kapitel „Landwirtschaft, Klima, Gesundheit, Ernährung“ von ihm – auch dazu hat das Team ­Stronach eine Meinung. Die Wahrheit, Herr Steinbichler? Steinbichler hat mehr Wahrheiten, als wir für diese Geschichte Platz haben, am einfachsten ist es, Frank Stronachs Buch zu lesen. (Franks Welt, Eine Sammlung der Kronen-Zeitungs-Kolumnen, Steinbichler hat davon ganze Kartons in seinem­ Büro stehen und zwei Exemplare gibt er uns mit.)

Im Wesentlichen dreht es sich darum, dass Steinbichler einfach von vielen schon enttäuscht wurde. Von der ÖVP, für die er als Bauernbündler im Bundesrat saß im Allgemeinen, von Wolfgang Schüssel und dem Tierschutzgesetz im Besonderen. Aber auch von der Liste Fritz des Tiroler ÖVP-­Rebellen Fritz Dinkhauser, für den Steinbichler­ 2008 als Bauernvertreter in den National­rat wollte. Aber scheiterte. Stronach wird nicht scheitern, sagt Steinbichler. Er selbst hat seinen Hof übrigens an seinen Sohn übergeben und ist jetzt: selbstständiger Versicherungsmakler.

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Links: Leo Steinbichler, 54, Versicherungsberater
Rechts: Markus Schörghofer, 39, Versicherungsberater


Kann es Zufall sein, dass drei von drei Stronachisten, die wir bisher getroffen­ haben, Versicherungen und Finanzprodukte verhökern? Oder ist Stronach­ nicht nur der Blue Chip, sondern so was wie das AWD der österreichischen Politik?­ Alle drei hatten durchwegs etwas von einem Prediger. Sie hatten eine Überzeugung, auch wenn die nicht wahnsinnig konkret war – außer dass sich ganz konkret was ändern muss. Und gerade Stronach, der so schräg und gleichzeitig­ messianisch durch die Fern­sehsendungen­ pilgert, taugt da gut als Projektionsfläche. Er sagt vieles, vor allem­ auch, dass sich was ändern muss, aber er bleibt dabei­ trotz allem unkonkret. Er lässt, wie eine vernünftige ­Religion, jede Menge Interpretationsspielraum.

Die Wahrheit? Wer sich auf Frank beruft, kann nicht falsch liegen

Ein echter Stronachist, das haben wir bisher gelernt­, kann zu allem eine Meinung haben­ und sich darin auf Frank Stronach berufen – er wird nie falsch liegen. Denn auch wenn sich vielleicht kein passen­der Punkt im Parteiprogramm findet, der die These stützt – es wird sich sicher­ ­keiner finden, der das Gegenteil bestimmt.

Ist das die Wahrheit des Team Stro­nach?­

Markus Schörghofer, 62 Minuten spä­ter­ in Hallein, kann uns das leider nicht beantworten. Er hat darüber noch nicht so wahnsinnig nachgedacht, aber das ist auch okay so. Bei Schörghofer ist überhaupt vieles okay. Der 39-Jährige will nicht missionieren, überhaupt nicht. Er sieht das Team Stronach weder als Glaubens­gemeinschaft noch als Heilsbringer, anders als seine drei bisherigen Parteifreunde glaubt er auch nicht an die große Weltverschwörung der Hochfinanz. Die Wahrheit, Herr Schörghofer? Er will einfach was ändern. Beruflich verkauft er übrigens Versicherungen. Für uns hat er netterweise ein paar Packungen Team-Stronach-Schnitten. Passt so ein Mensch ins Team Stronach?­ Aber andererseits, wissen wir ­wirklich schon, was Stronachisten ­antreibt?

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Wolfram Fössl, 53, Hotelier


62 Minuten später erklärt uns Wolfram­ Fössl, dass man einfach etwas aufgeschlossener sein sollte. Den neuen Zeiten gegenüber, aber auch den neuen Gästen aus dem arabischen Raum. Fössl, 53, ist Hotelier in Kaprun im Pinzgau und er redet gerne über das Globale, über die großen Zusammenhänge. Seine Wahrheit? In ein paar kurzen Sätzen? Es seien schlechte Zeiten, die da noch auf uns zukommen, sehr schlechte:­ Wolfram Fössl befürchtet das nicht einfach. Er kneift die Augen konzentriert zusammen, beugt sich zu einem vor, wenn er von der düsteren Zukunft spricht. So wie er es sagt, muss er etwas wissen. Was wird passieren? Fössl antwortet mit einer Gegenfrage: „Habt’s den ESM schon einmal gelesen?“ Griechen­land und Zypern? Das sei erst der ­Anfang, besser wird’s nicht.

Es gibt nicht wenige Menschen, die in dem bisschen Programmatik des Team Stronach Ähnlichkeiten zur FPÖ sehen­. Manche gehen sogar so weit, dass sie sagen, Stronach wäre so etwas wie der junge Jörg Haider. Nur erstens deutlich älter. Und zweitens ohne Ausländer­feindlichkeit. Tatsächlich schwirren um Stronach jede Menge alte Haider-­Vertraute, die offiziell oder inoffiziell beratend tätig sind. Und dadurch auch Leute zum Team Stronach karren. Fössl, der Hotelier und Ex-Offizier, kommt auch aus diesem Eck, er war früher FPÖ-Mandatar. Eigentlich sollte es jetzt nach Tirol weiter­gehen. Bloß: Als wir in Kaprun stehen, ist überhaupt nicht klar, welches Team Stronach jetzt das richtige ist. Die Partei zeigt sich von ihrer turbulentesten­ Seite. Wollen wir nicht sehen – und fahren dorthin, wo die Stronach-Welt in Ordnung ist.

Immer Kärntner FPÖ, immer. Und dann das.

Nach Kärnten. Nach Spittal­ an der Drau. Bei der Kärntner Landtagswahl im März wählten 21,17 Prozent der Spittaler­ Team Stronach. Auch, weil ihr Bürgermeister Gerhard Köfer, vormals SPÖ, Stronachs Spitzenkandidat war. Doch dass der ältere Mann, dem wir im Gösser Bräu gegenübersitzen, Team-Stronach-Kugelschreiber auf den Tisch legt, ist eigentlich nicht zu glauben: Franz Schwager war nämlich­ immer­ freiheitlich, war Abgeordneter, Bürger­meister und Landesparteiobmann. Abspaltung­ hat er keine einzige mitgemacht.

Die Wahrheit, Herr Schwager? Schwarz-Blau hat keine echte frei­heit­liche Politik gemacht, zu viel Kom­promiss­, zu sehr in der Mitte. Dann erst das BZÖ! Und dann die Kooperation der Bundes-FPÖ mit den Ex-Spaltern! Das war zu viel: Er trat aus der FPÖ aus. Gemeinsam mit ein paar anderen wirklich alten FPÖlern beschloss er: Wir helfen dem Gerhard Köfer. Rechte Rote und der rechte Blaue? Beim Team Stronach geht das sehr gut, sagt Schwager. Alles besser, als mit denen­ zusammenzuarbeiten, die einmal blau waren, dann orange wurden und jetzt wieder blau sind. Dass Stronachs Parlamentsklub eigentlich nur aus Ex-BZÖlern besteht, stört ihn nicht. Alles okay – solange Stefan Petzner nicht in seine Reihen wechselt.

Im Radio läuft „In the air tonight“ von Phil Collins. Eine gefühlte Wahrheit später (kein Mensch schafft diese Strecke in 62 ­Minuten, Anm.) sind wir in Leoben. Oder gerade nicht: Weil an der Frage, ob St. Peter-Freienstein in die Bezirksstadt Leoben eingegliedert wird oder nicht, zerbrach die erste Parteikarriere von Stefan Neudorfer. Weil er gegen die Zusammenführung ist, trat er aus der SPÖ aus und gründete die Ortsgruppe des Team Stronach. Die bisher wohl kleinste Österreichs.

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Links: Peter Pick, 53, Taxiunternehmer
Rechts: Stefan Neudorfer, 24, Taxiunternehmer

Neudorfer, 24, sitzt auf einem Leder­sessel vor einem gewaltigen Einbauschrank in Eiche rustikal in seinem Wohnzimmer und redet über Lokal­politik, als wäre es die ganz große politische­ Bühne. Er baut verschachtelte­ Sätze, die teilweise ins Leere laufen, und hat ein paar eindringliche Handbewegungen drauf. So ähnlich muss der ­jugendliche Josef Pröll gewesen sein. Seine Wahrheit? So genau verstehen wir sie nicht, es ist aber bemerkenswert, dass es Neudorfer tatsächlich schafft, Stronach in seinem Sinn zu interpretieren. Dass der Mann, der eigentlich für eine Verwaltungsvereinfachung ist, in St. Peter-Freienstein ausnahmsweise gegen eine Gemeindezusammenlegung ist. Die Worte Stronachs sind offensichtlich wirklich für jeden auslegbar.

Aber wie ist eigentlich der Frank Stronach wirklich? In Gloggnitz, 62 Minuten oder noch eine Wahrheit später­, sitzt Peter Pick im Café Muratti und überlegt. Ganz grundsätzlich. Denn bevor er einen nicht einen Moment lang misstrauisch angesehen hat, antwortet er nicht. Dann sagt er, Stronach sei alles andere als das, was man sich unter einem 80-Jährigen vorstellt: voll auf der Höhe und faszinierend in seiner Art. Mehr sagt er nicht.

Und die Wahrheit, Herr Pick? Er sei schon lange unzufrieden mit der Politik, sagt er sehr monoton und leise. In so einem mantraartigen Ton, wie ihn Fernsehhypnotiseure draufhaben. Peter Pick sagt, er habe das Team Stronach schon ein bisschen beobachtet, bevor er sich dafür entschied. Jetzt beobachtet er uns und scheint beschlossen zu haben, besser vorsichtig zu sein. So vorsichtig, dass wir nach einer Stunde Gespräch nicht so genau wissen, worüber wir wirklich gesprochen haben.
Erschienen im Frühling 2013
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