Colonoscopy that!

Fleisch 50, Winter 2018 
Text: Robert Treichler                              

 

Zum 50. Geburtstag hat unser Autor eine Darmspiegelung geschenkt bekommen. Von seiner Freundin. Er hat sich sehr darüber gefreut und das sagt mehr über einen 50. Geburtstag aus als jede Selbsthilfegruppe.

Wer will 50 werden? Niemand. Außer den 49-Jährigen.
Ich bin dieses Jahr 50 geworden. Letzte Warnung: Wenn Sie jetzt nicht sofort aufhören zu lesen, werden Gedanken aus dem Gehirn eines 50-Jährigen in Ihr Bewusstsein kriechen! Fleisch ist zwar auch 50 geworden, aber das ist was anderes. Erstens sind die 50 Jahre Fleisch ein klein wenig geschummelt, und zweitens ist Fleisch ein Magazin, da kann man einen Relaunch machen. Haben wir mehrmals gemacht. Ich wünschte, ich könnte mich einem Relaunch unterziehen lassen. Martin Weiss sagt nö.

Zum 50. Geburtstag hat mir meine Freundin (unter anderem) die Anmeldung zu einer Koloskopie bei der Gebietskrankenkasse geschenkt. Eine Darmspiegelung also. Dass ich mich darüber sehr gefreut habe, zeigt wohl am deutlichsten, was es bedeutet, 50 zu werden. Alphonse Daudet war um die 50, als die Syphilis in seinem Körper ihr Endstadium erreichte. „Was machen Sie im Augenblick?“ – „Ich leide.“ Mit diesen Sätzen beginnt sein Buch über diese Zeit. In der deutschen Übersetzung trägt es den Titel „Im Land der Schmerzen“. Es ist eine grausam sachliche Beschreibung der Qualen, die Daudet erleidet; der Torturen, mit der die Ärzte ihn zu heilen oder ihm wenigstens Besserung zu verschaffen versuchen; und der Anstrengungen, die er unternimmt, um seine Umgebung nicht spüren zu lassen, was er durchmacht.

Ich liebe dieses Buch immer mehr. Es entführt mich in eine Welt, die so fühlbar schrecklich ist, dass es mir bei jedem Satz offensteht, alles als übersteigerte literarische Fantasie abzutun oder als düstere Warnung, was mich bald erwarten wird. Nicht unbedingt Syphilis – obwohl die Ansteckungszahlen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, ich lese so etwas nämlich –, aber die Schmerzen irgendeiner Krankheit. „Feurige Flammenstrahlen, meinen Körper zerschneidend, entzündend.“ Ich ersetze im Geiste die Schmerzen durch meine beginnende, übersteigerte Wehleidigkeit.

Der Internist der Gebietskrankenkasse, der mir die bevorstehende Koloskopie erklärt, taugt in meiner Einbildung als Abbild des Dr. Keller, der Daudet einer neuartigen Behandlungsmethode aus Russland unterzog. Dabei wurden die Patienten mehrere Minuten lang aufgehängt, eine Zeit lang baumelten sie nur am Kiefergurt. Das Ziel war die Streckung der Wirbelsäule. Daudet bekam dreizehn Aufhängungen. Danach spuckte er Blut und resümierte: „Keine spürbare Linderung.“

Männer, die ins Alter kommen – und 50 ist ein ausgezeichneter Moment, um damit offiziell zu beginnen –, entwickeln die Gabe, leidend zu werden. Wenigstens vorübergehend, auch bei geringstem Anlass, und so kann eine Routine-Untersuchung mit kleineren Beschwerden zur nicht unwillkommenen Nahtoderfahrung werden. So grenzenlos die Unbesiegbarkeit und daraus resultierende Tapferkeit, respektive der Leichtsinn des jungen Mannes, so kläglich die Ängstlichkeit, Zimperlichkeit, Schreckhaftigkeit desselben im Alter. Noch einmal Daudet: „Nehme ich heutzutage eine Droschke, dann beunruhigen und ängstigen mich schon ein scheuender Gaul, ein schnapsseliger Kutscher.“
Ich lese den Beipackzettel zur Koloskopie; etwas, das ich vor meinem 50. Geburtstag nie getan hätte. Da steht, ich soll nachher „keine schwierigen Maschinen bedienen“ und „keine rechtlich bindenden Entscheidungen treffen“. Ist ein iPhone eine schwierige Maschine?

Als Isadora Duncan, die weltberühmte US-französische Tänzerin, 50 Jahre alt war, wollte sie sich ein neues Auto kaufen. Am 14. September 1927 hatte sie in Nizza ein Auge auf einen Sportwagen mit offenem Verdeck geworfen. Ein Fahrer sollte mit ihr eine Testfahrt mit dem Cabrio machen. Er holte sie vor ihrem Studio an der Promenade des Anglais ab. Laut einem Bericht der „New York Times“ hatte Duncans Freundin Marie Desty eine böse Vorahnung. „Mach das nicht!“, warnte sie. „Ich habe das Gefühl, es wird ein Unglück geschehen.“ Isadora Duncan lachte und stieg ein. Jemand hatte ihr geraten, etwas Warmes anzuziehen. Sie hatte sich für einen langen Schal entschieden.

Die Fahrt begann. Und endete nach kurzer Zeit. Duncans Schal verfing sich in einem der Räder, zog sich um ihren Hals fest, und Duncan wurde aus dem Cabrio geschleudert. Sie erlitt einen Bruch der Wirbelsäule knapp unter dem Nacken. Der Tod trat sofort ein.
Die Krankenschwester sagt gelangweilt, ich soll mich unten frei machen. Für den Körper eines 50-Jährigen interessieren
sich nur noch Fachärzte, für seine Körperöffnungen nur noch Urologen und HNOs.
Das männliche Jammern des angehenden Alters hat viele Funktionen. Es schürt Mitleid, es verleiht einem eine völlig neue Persona – und das Beste: Es gebiert eine Ahnung von Jenseits und Wiedergeburt. Ist ja wohl kein Zufall, dass alte Männer Religionen ausgeheckt haben.

Wie kann eine Wiederauferstehung mit 50+ aussehen, ganz ohne Hokuspokus?

Laurent Kabila galt als tot, nachdem seine Partei der Volksrevolution ihren Mini-Staat in der kongolesischen Provinz Süd-Kivu 1988 verloren hatte. Der Rebellenführer war 50 Jahre alt und er sollte erst 1996 plötzlich wieder auftauchen. Er führte eine Allianz im Ersten Kongo-Krieg, setzte Kindersoldaten ein, siegte und rief sich selbst zum Präsidenten aus. Den Namen seines Landes – Zaire – tauschte er gegen die alte Bezeichnung „Demokratische Republik Kongo“.

Nicht schlecht für einen 50-Jährigen. Wobei, vielleicht ist es erforderlich, klarzustellen, dass mein Respekt ganz und gar nicht dem Einsatz von Kindersoldaten, dem Krieg und all diesen Scheußlichkeiten gilt, sondern lediglich der Wiederauferstehung. Altherren-metaphysisch gesehen, wenn man so will. Und wenn ich schon dabei bin: Auch meine Bewunderung Daudets gilt seiner Kunst zu schreiben, nicht generell seiner Person. Er hat am französischen Antisemitismus Teilschuld, weil er die Veröffentlichung des antisemitischen Buches „Das jüdische Frankreich“ mitfinanzierte.

Von so was kann man sich glaubhaft distanzieren, hoffe ich jedenfalls. Schuld ist für Männer meines Alters insgesamt
allerdings eine nervige Kollektiv-Geschichte. Sie ahnen schon, was jetzt kommt.

Oh nein, jetzt kommt der Anästhesist. Mein Gesichtsfeld wird enger. Ich schmiere ab. Guter Mann.

Später dann, beim Aufwachen, bin ich überrascht, dass ich keine Schmerzen habe; dass alle um mich herum sehr routiniert
ihren Beschäftigungen nachgehen und keiner vor mir steht, um mir schlimme Nachrichten zu überbringen.

Bin ich neu geboren? Nein, das nicht. Ich ziehe mich an. Noch einmal werde ich belehrt, dass ich heute für „keine verantwortungsvollen Tätigkeiten“ geeignet bin. Hm. Nur heute nicht? Schade, früher galt das 24/7.

Tatsächlich gehe ich in einem sehr engen Korridor einem Dasein als alter, weißer, heterosexueller Mann entgegen. Und bei keinem der vier Parameter sehe ich irgendwo Spielraum. Seltsam daran ist, dass ich der allerersten Generation von alten, weißen, heterosexuellen Männern angehöre, die als alte, weiße heterosexuelle Männer bezeichnet werden. Mein Großvater zum Beispiel starb mit an die 80, ohne jemals den Vorwurf gehört zu haben, ein alter, weißer, heterosexueller Mann zu sein. Ich weiß jedoch mit Bestimmtheit, dass all das auf ihn zutraf. Ich weiß außerdem, dass er für die Wehrmacht kämpfte, während ich im selben Alter in Väterkarenz war, aber gut, ich will nicht werten.

Die Idee ist, die privilegierteste Gruppe der Welt, die es zeit ihres Lebens immer besser hatte als alle anderen, zurechtzustutzen, und dagegen kann ja wohl niemand etwas haben. Ich natürlich auch nicht. Wenngleich mich der Gedanke doch ein wenig bekümmert macht, dass meine Kinder und Enkel mich dereinst fragen werden: „Sag, warst du immer schon ein alter, weißer, heterosexueller Mann?“ Was werde ich dann sagen? Der Einfachheit halber: Ja.

Ebenso wenig wie ich aus der übel beleumundeten Gang der alten, weißen Männer ausbrechen kann, vermag ich sie zu rehabilitieren. Nicht mal Bernie Sanders, Bill Gates und George Soros schaffen das. Wir, Markus Huber, Martin Weiss und ich, haben unsere Vormachtstellung genutzt, zum Beispiel haben wir Fleisch gegründet. Drei weiße, heterosexuelle Männer, von denen damals schon absehbar war, dass sie mal alt sein würden. Es war nicht Absicht, dass keine Frau dabei war, ehrlich, falls das jemand als kleine Rechtfertigung akzeptiert. Ich weiß nicht, wie es war, als Stermann und Grissemann beschlossen, ein Komiker-Duo zu bilden. Waren sie sich im Klaren, dass sie unweigerlich als heterosexuelles, weißes Alt-Herren-Komiker-Duo enden würden? Eigentlich hätten sie bessere Chancen gehabt, die Gefahr zu wittern, wo sie doch beide -mann heißen.

Sie merken schon, ein 50-Jähriger neigt zur Selbstverteidigung, zur Uneinsichtigkeit und zu Ausflüchten. Das liegt daran, dass mit 50 die Möglichkeiten, komplett neu anzufangen und die eigene Vergangenheit zu tintenkillern, schon ziemlich beschränkt sind. Manche probieren es mit einer Frau Anfang 20. Klappt selten. Geht außerdem geschlechterideologisch in die falsche Richtung, fürchte ich.

Ich schweife ab. Muss wohl an den Nachwirkungen der Narkose liegen. Ich vertrage nichts mehr, nicht mal ein bisschen Schlafmittel.

Einmal noch abwägen. Lester Young hat sich totgesoffen, als er 50 war. Erik Satie hat im selben Alter Jean Cocteau getroffen und sie haben gemeinsam das Ballett „Parade“ konzipiert. Hugh Hefner ist in die Playboy Mansion West gezogen. Mao wurde Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas und gründete danach die Volksrepublik.

Hm. Ich und mein Darm, wir ziehen ab. Wir haben noch was vor, irgendwas ohne Einsatz von schwierigen Maschinen und Verantwortung.

Auf Wiedersehen, im Land der Schmerzen, GKK!

 

Erschienen im Winter 2018. Fleisch 50, bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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