Analoge Liebe

Fleisch 49, Herbst 2018 
Text: Barbara Tóth                             

 

Es gibt weder Tinder noch Facebook. Wer jemanden kennenlernen will, muss raus in die Clubs oder braucht Freunde, die die richtigen Freunde haben. Auch für einfach nur Sex. Und den wollen, Surprise, 1998 auch Frauen.

Wie habt ihr euch damals bloß kennengelernt? Und wenn ja, mit welchen Vorstellungen von einer Beziehung seid ihr damals in eure ersten Liebschaften hineingegangen? Was ziemte sich für Frauen, was für Männer? Was wusstet ihr über guten Sex, Orgasmus und die Anatomie des weiblichen Körpers? Wie habt ihr euch Beziehungen vorgestellt? Habt ihr von der Liebe des Lebens geträumt?

Wie so oft, wenn man zurückblickt in die grauen Zeiten der analogeren Ära, ist die Antwort ambivalent. Vieles war verkrampfter und gleichzeitig freier, komplizierter und gleichzeitig einfacher. Es war die Zeit des Entweder-oder. Ziemlich binär. Du warst entweder hetero oder homo. Letzteres war ziemlich kompliziert, weil es gab bis 2002 ja auch noch den Homosexuellen-Paragrafen 209, der Sex mit unter 18-Jährigen verbot. Bi, polyamor, mal so, mal so war etwas für Freaks, ein Minderheitenprogramm für die Avantgarde. Inzwischen ist es Mainstream und definieren muss man sich gar nicht mehr, man kann ausprobieren, der Gendertheoretikerin Judith Butler sei Dank.  

Es gibt die spannende und berechtigte Theorie, dass die letzten zwanzig Jahre auch deswegen aus feministischer Sicht sehr dynamische und progressive waren, weil die neuen sozialen Medien es Frauen erstmals ermöglichten, ihre Lust und ihre Liebeswünsche freier, anonymer und aktiver auszuleben. Mehr auf Augenhöhe. Gleichzeitig gibt es unzählige Studien, die zeigen, dass gerade die Verfügbarkeit von Gratis-Porno im Netz unsere Vorstellungen und die gelebte Praxis von Beziehungen und Sex radikal verändert hat. Und so wichtig, wie die #MeToo-Bewegung ist, die sexuelle Übergriffe, Belästigungen und Gewalt anprangert, so sehr wiederholt sie das Klischee von der schwächeren Frau als Opfer eines sexuell aggressiveren, dominanten Mannes.

Auf 1998 zurückblicken, das heißt für mich persönlich auch, auf vier schöne, aber letztlich gescheiterte Beziehungen zurückzublicken, von der mir zwei gute Freundschaften, zwei phantastische Söhne und eine überraschend gute Elternbeziehung zum Vater meiner, unserer gemeinsamen Kinder geblieben ist. Heiraten, den Mann fürs Leben finden war damals schon kein Thema für mich, dazu hatte ich vermutlich zu viel von Simone de Beauvoir gelesen.

Dass ich mich als seriell monogam lebende Frau heute, zwanzig Jahre später, in bester Gesellschaft mit vielen anderen Frauen und Freundinnen wiederfinde, die sich über die Jahre eine Art Rudel aus sozialen Verwandtschaften aufgebaut haben, bestehend aus Ex- und aktuellen Freunden, eigenen und angenommenen Kindern, das hätte ich mir 1998 noch nicht gedacht. Wir lachen am meisten über den Satz, dass Männer kommen und gehen, die Freundinnen und Kinder bleiben. Aber das ist das Wissen anno 2018, nicht 1998. Und das schönste ist, dass es sich sehr normal anfühlt.

Genauso wie die Gewissheit, dass es sehr in Ordnung ist, seine eigenen Phantasien, Interessen und seine eigene Libido zu pflegen. Wer heute Gusto auf einen Liebhaber oder einen Seitensprung hat, und den haben Frauen genauso wie Männer, auch das hat uns die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte erst gezeigt, wer das heute also will, meldet sich bei Tinder (2012 gegründet), Ashley Madison (2002) oder LoveScout24 (2000) an und sucht sich einen passenden Partner für seine Phantasie. Die Kehrseite des Ganzen ist natürlich, dass die heutige Verfügbarkeit Unruhe erzeugt. Bin ich angekommen? Habe ich den Richtigen? Was, wenn es da draußen noch einen Passenderen, Besseren, Spannenderen gibt?

Damals, in der analogen Welt des Jahres 1998, in der SMS-Schreiben und Mail-Versenden schon das Maximum an digitalem Sozialkontakt waren, musste man sich schon auf Clubbings oder in eine der Handvoll Bars oder Clubs stürzen oder darauf hoffen, dass ein Freund eines Freundes einen Freund zum Fest mitbringt, der einem gefällt. Naheliegenderweise ergaben sich Sex- und Liebesbeziehungen eher im unmittelbaren Umfeld. Im Studentenheim, auf der Uni, im Job. Und nicht, durch einen Algorithmus unterstützt, auf Basis eines pseudopsychologischen Fragebogens aus den Tiefen einer Datenbank, powered by Parship. Parship kam erst 2001 auf den Markt, und so geschickt, wie es die romantische Idee des „perfect match“ in die Ära des Netzes übersetzte, so retro war es im Grunde auch. Hier findest du den Partner fürs Leben, flötete das Hamburger Unternehmen in seinen Werbungen. So wie die klassischen Heiratsvermittlungsagentur-Annoncen für Menschen „mit Niveau“.

Das Bild der zurückhaltenden, passiven Frau, die wie eine Prinzessin darauf wartet, dass sie erobert und geheiratet wird, wurde spätestens mit der amerikanischen Serie „Sex and the City“ ordentlich hinterfragt. Sie lief in den USA im Jahr – erraten! – 1998 an, Österreich erreichte sie erst 2001. Carrie, Samantha, Miranda und ­Charlotte waren, jede auf ihre Art, moderne Amazonen, Kämpferinnen für ihre Unabhängigkeit und, vor allem die eroberungserfahrene Samantha, für ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse. Oha, Frauen reden über Männer so, wie Männer über Frauen reden. Sie rezensieren Penislängen und -umfänge, Liebestechniken und mokieren sich über Bettkantenun- und -reinfälle. Sie fordern das Recht auf ihren Höhepunkt ein. Und erwarten sich, dass ihr Liebhaber ihn ihnen auch verschafft.

1997 erschien Nancy Fridays „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ bei Rowohlt (ganze 24 Jahre nach der englischen Erstausgabe!) endlich auf Deutsch. 1999 Natalie Angiers Bestseller „Woman. An Intimate Geography“ auf Englisch, im Jahr darauf auf Deutsch. In dem einen Buch erzählen Frauen über ihre erotischen Träume und Begehren, im anderen geht es um die jüngsten wissenschaftlichen Entdeckungen zu den weiblichen Geschlechtsorganen und dem Sexualtrieb der Frau. Stellt euch vor, nicht nur der Mann hat einen prächtigen Schwellkörper, auch die Klitoris der Frau ist um vieles größer als diese kleine Rosine, die wir noch in unseren Biologiebüchern als Punkterl oberhalb der Scheide kennengelernt haben (woran sich bis heute übrigens nichts geändert hat). Nicht nur Männer wollen erobern, auch Frauen gehen genshoppen. Seitensprung, Untreue, die Lust auf neuen Sex – all das ist in der weiblichen Natur angelegt.

Der Basso continuo dieser und anderer Bücher, die den Geist des Feminismus der zweiten Frauenbewegung mit den Erkenntnissen von Forscherinnen in den Naturwissenschaften aufluden, war immer der gleiche: Männer und Frauen sind auf Augenhöhe, wenn es um Sex, Liebe und Beziehungen geht. Die alte Dichotomie vom Gebenden und Nehmenden, vom Aktiven und Passiven sind nichts anderes als veraltete, patriarchalische Macht­erzählungen. 1998 war auch schon die Bibel der modernen Geschlechtertheorie, Judith Butlers „Unbehagen der Geschlechter“ aus dem Jahr 1990, in der deutschsprachigen akademischen Feminismusforschung angekommen. Der Soziologin Barbara Vinkens geniale Abrechnung mit dem Idealbild der deutschen Mutter erschien 2001, welch ein Glück, dass ich mein erstes Kind erst 2009 bekam und ihr Buch, das das Idealbild der Ehefrau und Mutter als Irrtum der Geschichte dekonstruiert, vorher gelesen hatte.

Reisen wir noch einmal zurück ins Jahr 1998, als „queer“ und „Frauenquoten“ nicht nur ein Fremdwort waren, sondern es auch noch keine gemeinsame Obsorge gab, kein einkommensabhängiges Karenz­geld, Väter, die sich um ein Baby kümmerten, die Ausnahme waren und Kindergartenplätze für Einjährige exotisch. Im Jahr zuvor, 1997, gab es übrigens auch das erste Frauenvolksbegehren.

Was danach geschah, werden wir in zwanzig Jahren ohne Zweifel als eine soziokulturelle Revolution verstehen. Oder vielleicht auch als Rückkehr zu vielfältigen, pluralen Beziehungsformen, wie sie auch vor den 1950er Jahren gang und gäbe waren. Denn im Rückblick waren es die 1950er bis 1970er Jahre, die Jahre des Wirtschaftswunders, die Soziologen als die goldene Ära der klassischen Ehe definierten. Davor und danach ging sich das Modell des Alleinernährers mit der maximal Teilzeit arbeitenden Gattin ökonomisch nie aus. Und aus feministischer Sicht war es sowieso nie die Ultima Ratio. Vom Liebesleben ganz zu schweigen. 1998 war ein gutes Jahr, aber 2018 ist besser.


Erschienen im Herbst 2018. Fleisch 49, bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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