Dave Eggers – Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, werden sie ewig leben?


Dave Eggers hat schon wieder ein Buch geschrieben, es hat schon wieder den allmählichen Verfall der USA und diese elendigen Fragen der Gegenwart zum Gegenstand, und schon wieder ist man sich nach zwanzig Seiten sicher, es auf gar keinen Fall fertig zu lesen, dieses Mal wirklich nicht – und tut es doch.
 

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Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever? (Altes Testament, Sacharja: Eure Väter – wo sind sie? Und die Propheten – werden sie ewig leben?) erzählt streng genommen ein Entführungsdrama. Mit Hilfe von Chlorophorm bringt ein junger Mann seine Geiseln eine nach der anderen in eine aufgelassene Militärbasis irgendwo am Pazifik. Jedes Mal fesselt er sie, wartet, bis sie erwacht, und fängt an, ihr Fragen zu stellen. Er hat unzählige Fragen. Manche von ihnen hat er sich lange überlegt, manche Abfolgen muss er wie ein Fernsehcop vor dem Verhör tausendmal gedanklich geprobt haben, manche stellen sich spontan. Und alle haben ein Ziel: er will eine Erklärung finden für das, was passiert ist.

Was ist passiert?
 
Was passiert ist, erschließt sich nur sehr langsam. Thomas fragt, die Geisel antwortet.  Eggers hat sich auf die Dialogform beschränkt, ein formelles Wagnis, das in seinem Kalkül – hey, ich kann auch Kunst! – zunächst wie eine Entschuldigung für das simpel gestrickte The Circle wirkt. Die Form hat ihre Tücken, weil die Dialoge manchmal  hölzern werden, wo sie allzuviel vermitteln müssen, was sich allein durch gesprochene Sprache sonst kaum darstellen lässt.

Sie hat aber auch ihre Stärken, vor allem, weil Eggers sie intelligent und kunstfertig nutzt. Es gelingt ihm, die Spannung zu halten, indem er Thomas nie ganz zum Vollpsycho werden lässt, zum Sadisten, zum klassischen Bösen.
Seine Verzweiflung, die ihn zu diesen Maßnahmen greifen lässt, bleibt glaubhaft und dadurch seltsam, eggershaft anrührend. Er will verstehen, was passiert ist – genauer: was seinem besten Freund Don zugestoßen ist, dem Halbvietnamesen, dem Nachbarn und Schulfreund aus Kindheitstagen. 

"Kev said he was going to be an astronaut, and he did everything he was asked to do
to become one. But now it means nothing. That just seems like the worst kind of ting, to tell a generation or two that the finish line is here, that the requirement to ge there are this and this and this, but then, just as we get there, you move the finish line."


Bei der Suche nach der Wahrheit lässt Eggers allerdings wenig aus. Was auch einfach als Psychodrama funktionieren würde, lädt er mit Gegenwartsthemen auf, mit Polizeigewalt, missbrauchter politischer Macht, Pädophilie, Leistungswahn, Diskrimierung, Behinderung, Alkoholismus. Dass die Geiseln, die jeweils eines dieser Themen repräsentieren, dennoch nicht in Klischees abdriften, ist beim Lesen dann fast überraschend – weil man immer auch das Kalkül des Autors spürt, hier möglichts alles zu behandeln, weil alles miteinander irgendwie zusammenhängt.

Wahrscheinlich ist auch das auf die Dialogform zurückzuführen, denn es sind die formell gegeben Lücken, die erzwungenen Auslassungen, die für Balance und Spannung sorgen. Wer halbwegs empathisch liest und sich nicht von der gewollten Gegenwartsverwurstung abschrecken lässt, wird irgendwann damit beginnen, sie auszufüllen. Wirft die eigene Phantasie an, klaubt im unerschöpflichen Speicher der Bilder aus Film und Fernsehen herum, bis sich daraus etwas ergibt, dass trotz allen Gemachtseins, trotz allen Geplantseins zu etwas wird, das sich lohnt, fertig gelesen zu werden.


 

Dave Eggers: Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever? Hamish Hamilton, Penguin, 2014. 

Ab 2. April 2015: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, 2015.