Curzio Malaparte – Die Haut


Ich kam nach Neapel, um zu vergessen, sperrte den Rucksack ins Schließfach am Bahnhof, stellte mich in die Sonne und setzte mich der erst erwachenden Stadt aus, sagte, du führst jetzt, Stadt, und begann ihr zu folgen. Ich kam aus Pompej, bei jedem Schritt spürte ich das Federbett der Jugendherberge, in ganz idiotischen, unbeobachteten Momenten sah ich nach, ob die Nacht Abdrücke auf meiner Haut hinterlassen hätte, fand aber keine. Ich hatte nicht geschlafen, hatte mich ständig gewendet auf dem Bett, das so nah am Fenster gestanden war, dass ich in den Himmel sehen hatte können, hell und groß und nah war der Mond gewesen. In manchen Momenten glaubte ich, er wäre immer noch da, ein Kreidestempel jetzt auf der Diesigkeit des Meereshimmels.


malaparte

Ich verbot mir das Laufen, in das die Beine mich drängten, und begann stattdessen jedes Schild zu lesen, jeden der an die Straßenlampen geklebten Partezettel, auf denen der Name des Verstorbenen nur in halb so großer Schrift geschrieben stand wie der des Bestattungsinstituts. Es gab viele Tote, aber nur zwei Bestattungen. Ich begann, jedes Schaufenster zu erfassen, jedes Grafitti und jedes Kirchentor, ich nahm jede Wäscheleine wahr, jede Blumentopfsammlung auf Fenstersimsen und den roten Luftballon, den eine stotternde Vespa durch die Gassen zog.

Ich roch das Bezin, jedes bisschen abgestandenen Wassers in Rinnsalen, deren Abfluss von Fischresten oder Altpapier verstopft war, ich roch Dahlien, immer wieder das Meer, die Schiffe und den Babà, der für die anderen Touristen gebacken wurde. Jeden Wortfetzen versuchte ich zu verstehen, jedes Lächeln zu erwidern, jeder Demonstration ein paar Schritte entgegenzugehen. Müde wurde ich auch dann nicht, als ich mal in der Septembersonne, mal im ungleich kälteren Schatten auf einer der vielen Treppen saß, die vom Gehen schweren Füße in der Luft kreisen ließ und versuchte, mich zu orientieren, bevor ich mich weiter treiben ließ und den Wegen und Winkeln folgte.

Atemlose Ablenkungen, um mich bloß nicht erinnern zu müssen, um nicht wieder in die Nähe der Angst zu geraten, dieser schrecklichen Angst davor, nach den vergangenen Tagen erahnen zu können, wozu Menschen fähig sind.

Seele vs. Haut

Curzio Malapartes Neapel-Roman Die Haut sollte man nicht lesen, wenn man sich die Illusion des ausschließlich guten Menschen nicht nehmen lassen will. Malaparte (ein als Gegenteil zu Bonaparte – "der gute Teil" – gewählter Künstlername) beschreibt Neapel im Jahr 1943, kurz nachdem die Stadt von den Allierten befreit wurde. Es herrscht Armut, Not, Verzweiflung. Die Amerikaner bleiben in der Stadt, Malaparte gibt sich selbst die Rolle als Verbindungsoffizier zwischen den US-Truppen und den Italienern.

Er durchkämmt Neapel, er schildert den vollkommen verrohten Zustand, in den der Krieg die Stadt und ihre Bewohner geschickt hat und dem sie noch nicht wieder entkommen sind: Mütter versklaven ihre Kinder, Väter machen ihre Töchter zu Prostituierten, Zuhälter lassen blonde Schamhaarperücken anfertigen, weil Amerikaner – Befreier und Freier zugleich – darauf besonders stehen würden. Es wird gestohlen, geraubt und geplündert, es werden dekadente Feste gefeiert, es wird Kulten gefolgt, den Traditionen abgeschworen und das Sinnvakuum mit allem verfügbaren Ramsch gefüllt. Es gibt keine Ordnung mehr. Über all dem schwebt die Frage, ob es das überhaupt geben kann: Einen Kriegssieger, der kein Triumphator ist, und ein Verlieren in Würde.

»Die Haut«, erwidert Malaparte mit leiser Stimme, »unsere Haut, diese verfluchte Haut. Sie ahnen nicht einmal, wessen ein Mensch fähig ist, welcher Heldentaten und Gemeinheiten, um seine Haut zu retten. Dies, diese widerliche Haut, sehen Sie?«

Keine Hoffnung, keine Erlösung

Ekel ist das vorherrschende Gefühl, das Malapartes grandiose, drastische, sprachbessesene Erzählweise hervorruft. Nicht nur dann, wenn die Figur Malaparte auf seinem Teller abgekaute Knochen so arrangiert, dass sie wie eine Kinderhand aussehen. Malaparte speiht Bilder aus, die in alle Erinnerungen und Vorstellungen dieser unvergleichlichen Stadt sickern und sie für immer verändern. 

Vielleicht sind die grausamen, von Menschen begangenen menschenverachtenden Dinge, die Malaparte beschreibt, nur in dieser ästhetischen Überhöhung überhaupt irgendwie verkraftbar. Er suhlt sich förmlich in der Schilderung des Unvorstellbaren, sie ist von einer moralisch mehr als fragwürdigen Lust am Hässlichen getrieben. Vielleicht ist es aber gerade das Surreale, durch das das real Mögliche so deutlich durchscheint, das dieses Buch zum Anti-Kriegsbuch macht.

Fast in Vergessenheit geraten

Als Die Haut 1949 in Italien erschien, war der Roman ein gigantischer Skandal und sein Autor spätestens dann weltberühmt. Noch während des Zweiten Weltkriegs war 1944 Kaputt erschienen, ein nicht weniger erschreckender, wenn auch noch dandyhafterer Roman, der auf den Erfahrungen des Autors und Journalisten als Kriegsberichterstatters beruht. Ich zumindest kenne keine Kriegsschilderung, die ihre Kraft daraus zieht, immer wieder furchtbar plausibel mit dem Größenwahn der Täter zu kokettieren und den Wahnsinn in seiner Überhöhung gleichzeitig begreifbar und schmerzhaft unbegreifbar zu machen.

Aus Malapartes Romanen wurden immer wieder faschistoide Tendenzen herausgelesen. Der Autor hatte sich zunächst Mussolini zugewandt, wurde 1933 aber aufgrund kritischer Äußerungen verhaftet und für fünf Jahre auf die Insel Lipari verbannt. Vielleicht muss ich sie nochmals und nochmals genauer lesen, beim ersten Lesen jedenfalls war der Sog, den sie auslösten, zu stark. Zu fühlbar war das Urstaunen über die Möglichkeit von Krieg an sich, zu fühlbar die Erschütterung, die das Ermessen der menschlichen Abgründe auszulösen vermag.

Und zu schwer lag über beiden Romanen die Trauer über ein Europa, dessen der Autor durch die Kriege beraubt worden war. 
Ein Europa, in denen so viele Sprachen parallel bestehen konnten, in dem Austausch stattfand und sich zumindest Intellektuelle ganz selbstverständlich sämtliche Grenzen überschreitend bewegten. Ein Europa, wie wir es heute eigentlich haben könnten.


Curzio Malaparte: Die Haut. Übersetzt von Hellmut Ludwig. Fischer Verlag, 2010.