DJ Stalingrad – Exodus


Man sagt uns überall: Sei du selbst, nur du, sei du selbst. Doch was ist, wenn das für viele Leute bedeutet, ein Arsch oder Psychopath zu sein? Was, wenn es deine Natur ist, krank zu sein, unglücklich, blöd und feige? Bist du dann auch noch bereit, du selbst zu sein?


Sie hießen Shannon und Crystal und um sie herum hatte sich bereits eine Traube gebildet, als ich aus der Sporthalle kam und über den Parkplatz ging. Den Anfeuerungsrufen nach hatte Crystal mehr Freunde, den härteren Haken, die gelbere Spucke oder die geringere Hemmschwelle – die Kriterien, nach denen bei Schlägereien angefeuert wird, waren mir damals nicht geläufig und sind es auch heute nicht. Ich kannte beide vom Sehen, so wie ich waren sie Sophmores auf einer grindigen Südstaatenhighschool, sechzehn Jahre alt. 

Shannon blutete aus der Nase. Sie musste sich das Blut mit dem Jackenärmel verwischt haben, ihr Gesicht war von roten, seltsam breiten Pinselstriche überzogen. Crystals weißblonder Pferdeschwanz hatte sich aus dem Gummiband gelöst, ihre Haare hoben und senkten sich jedes Mal, wenn Shannon sie mit beiden Händen von sich stieß. Über den halben Parkplatz trieb Shannon Crystal so, Stoß für Stoß, ohne ein einziges Wort zu sagen. Die brüllende Menschentraube wanderte mit. Dann drehte Crystal durch. Ein Schalter hatte sich umgelegt, irgendetwas automatisierte sich. Ohne wirklich zu zielen drosch sie auf Shannon ein, auf ihr Gesicht, ihren Oberkörper, immer wieder in ihren Bauch. Shannon, viel korpulenter, mächtiger, lauter, schlug nach einer Sekunde überraschten Schreckens zurück.

exodus


Dass ich die ganze Zeit über geweint hatte, merkte ich erst, als meine Gastmutter ihren Van direkt neben mich stellte und mit ihrer kleinen, vom Wasser geschwollenen Hand auf die Hupe hämmerte. Zwei Lehrer hatten Shannon und Crystal getrennt, als wir vom Schulparkplatz fuhren. Beide bluteten. Das Weinen hörte erst auf, als ich irgendwann auf dem Heimweg neben die Straße kotzte. Nie zuvor hatte ich ausagierte körperliche Gewalt gesehen. Bis heute gelingt es mir nicht, zu begreifen, dass sie möglich ist.  

Schmerz ist das, wie wir die Welt wahrnehmen.

Gewalt zieht sich durch Exodus, sie treibt den Wuttext, der 2010 auf Russisch unter dem Autorenpseudonym DJ Stalingrad erschien und in flashartigen Sequenzen durch den russischen Untergrund peitscht, von Schlägerei zu Schlägerei, von Fußballspielen zu Demos zu Aufruhren und wieder zurück in die Beschwörungen des Erzählers, der schreibt, er schreibe, um zu vergessen.
 
Mittlerweile ist der Autor als Petr Silaev bekannt, 28 Jahre alt, per Interpol gesuchter russischer Politaktivist, der Asyl in Finnland bekam, gelegentlich in Spanien lebt, von wo aus er auch für russische Medien schreibt. Exodus ist an Silaevs Leben angelehnt, was die Faszination dieses schmalen Buches sicher erhöht, alleine aber nicht erklärt.

Wir sind das, was wir in uns hineinschütten

Schnell und mit harten Wechseln zwischen scharf und unscharf reißt dieses Buch eine Welt auf, eine unbekannte, fremde Welt, eine pochende Wunde, vor der man schon beim Lesen seine Träume schützen will: Das Russland der Verlorenen, der Anarchos, die sich gegen den neuen Staat, die neuen Bullen, die neuen Nazis und die alten laschen, lahmen Linken stellen. Gegen alles, vor allem aber gegen das große Nichts, das auf sie wartet.

Brutale, rauschartige Gewalt scheint für den Erzähler und seine sich lose zusammensetzende Clique weniger eine Notwendigkeit als eine Art Ausdrucksform zu sein, eine Existenz stiftende Selbstvergewisserung in der postsowjetischen Gesellschaft. Hass zählt mehr zählt als jede Ideologie. Exodus zeigt ihre Gewalt so roh, so voller Wut, Verzweiflung und der religiös aufgeladenen Hoffnung, dass auf die Geißelung irgendwann eine Erlösung folgt. Wer nichts hat, muss eben alles auf eine Karte setzen – sein Leben.

Wir sind geboren für den Krieg

Dann kapierte ich es plötzlich, als hätte es mir jemand eingeflüstert. Man muss einfach alle zusammenschlagen. Einfach alle zusammenschlagen. Sich keine Geschichten anhören, keine Schulterstücke oder Hierarchien beachten – einfach zuschlagen. Das war die Sprache, die allen gefehlt hatte. Und sie da: Es funktionierte. Jeder kleine Scheißer, Bandit, Nazi, Bulle oder schlicht Grobian, der ohne Gerede eins in die Fresse bekam, wurde plötzlich verständig – als würde in seinem Kopf für ein Moment ein scheiß Teufelskreis durchbrochen. Für Sekunden sah er die Dinge in einem neuen Licht – und wir verhalfen ihm dazu.

Klar sieht man dann, wenn der erste Schrecken abgeklungen ist, die bekannten romantischen Muster, die den Text durchziehen, die Kriegs- und Heldenlust, die Selbstüberhöhung, das Selbstmitleid, die Lust am Schock. Und ganz unromantisch ist wahrscheinlich auch der Ursprung dieses doofen schlechten Gewissens aufgrund des eigenen Wattebausch-Wohlstands nicht, das mich beim Lesen abwechselnd mit Ekel, Abscheu und Mitleid einholte. Trotz dieser Posen gelingt dem Text, was zeitgenössischen Texten bei mir selten in solcher Wucht gelingt: Er erschüttert. Weil körperlich spürbar wird, dass es Widerstände gibt, die gebrochen werden können und an denen sich Gewalt dann verselbständigt, auf eigentlich unvorstellbare Weise.
   


DJ Stalingrad: Exodus. Übersetzt von Friederike Meltendorf, Matthes & Seitz, Berlin 2013.