Dave Eggers – The Circle


Nein, ich möchte nicht Mae sein, die Protagonistin in Dave Eggers im Herbst erschienenen Roman The Circle, ich möchte nicht Mae sein und auch keine der anderen Figuren, ich hab keinen Bock auf ihre schöne neue Circle-Welt und schon gar nicht darauf, dass die echte Welt sich in diese Richtung entwickelt. Wenn ich Eggers' Dystopie richtig lese, will auch er das nicht, und dass man das auf jeder Seite bemerkt, ist das große Manko dieses Romans. An einem sehr engen Kreis an Figuren spielt er durch, wohin der ungebremste Web-2.0-Fanatismus zusammen mit unserer Wirtschaftslogik führen kann: In eine Hölle voller Phrasen – SECRETS ARE LIES. CARING IS SHARING. PRIVACY IS THEFT.

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Mae ist 24, als sie durch eine College-Freundin aus der Einöde des Jobs bei einem lokalen Energieversorger herausgeholt wird und bei The Circle anfängt. Das Unternehmen ist ein Hybrid aus Google, Facebook und Apple, hat weltweit Millionen Menschen als Nutzer, die ihr gesamtes Online-Leben über einen Circle-Account abwickeln. Total praktisch ist das, und total praktisch ist auch, was die tausenden Mitarbeiter von The Circle an ihrem Arbeitsplatz vorfinden: Einen Pool, undzählige Parties, Zimmer, um gleich übernachten zu können, wenn es mal später wird, die volle Gesundheitsversorgung und Kleidungsstücke, die Designer den Circle-Leuten zum Probetragen geben, bevor sie auf den Circle-Markt kommen. 

Im Konzernhimmel

Mae, deren unglaubliche Naivität das zweite große Manko dieses Romans ist, fühlt sich wie im Himmel. Endlich bei den Coolen angekommen, und dann sind auch alle gleich so nett zu ihr! Die Betriebsärztin lässt sie einen Chip schlucken, der ihr und Mae über ein Armband rund um die Uhr die Körperfunktionen aufzeigt. Alles rein vorbeugend, natürlich. Sie wird auf Lunch Dates eingeladen und auf Unternehmenspartys, und sie wird angefeuert, ihre Leistung als Kundenberaterin noch weiter zu verbessern. Mae findet das alles super, vor allem, als dann auch noch ihr an Multipler Sklerose erkrankter Vater und ihre Mutter von The Circle krankenversichert werden.

Wie in jedem ordentlich sektoid aufgestellten Konzern ist es aber auch hier nur so lange gemütlich, wie man sich voller Inbrunst und ohne sie zu hinterfragen an alle Regeln hält. Einmal ermahnt, hat Mae kapiert, dass die Partyteilnahme nicht ganz freiwillig ist und dass sie, um irgendwie wahrgenommen zu werden, die anderen Circler mehr an ihrem Leben teilhaben lassen muss. Eine Autofahrt zu den Eltern ohne Posting, ohne Bild? Wie selbstsüchtig. Keine MS-Gruppe gegründet, um mit anderen Betroffenen über die Krankheit des Vaters zu reden? Egoistischer geht's ja kaum noch.

Der Kreis schließt sich

Maes Eltern kommt das seltsam vor. Sie lassen sich von Maes Exfreund, der ganz altmodisch handgefertigte Luster herstellt und gemeinsam mit den Eltern den Gegenpol bildet, die Kameras verhängen, die The Circle in ihrem Haus installiert hat. Rein vorbeugend, natürlich. Maes Exfreund versucht, mit ihr zu sprechen, doch seine Ewiggestrigkeit kotzt sie an. Ihr Leben ist jetzt das Leben in der Phrasenhölle.

Mehrmals lässt sie sich von einem Typen öffentlich blamieren, der an einem Projekt arbeitet, dass die Welt in Zukunft endlich sicher machen soll. Die einfache Logik: Wenn jeder über eingepflanzte Chips jederzeit auffindbar ist, wird niemand mehr entführt. Wird jeder winzigste Punkt Welt jederzeit in Echtzeit überwacht, zahlt es sich für niemanden mehr aus, ein Verbrechen zu begehen.

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Von neuem Selbstvertrauen befeuert, schläft Mae dann noch hin und wieder mit einem Typen, der auch zu The Circle gehört, aber immer irgendwie abtaucht und für niemanden ganz nachvollziehbar ist. Und zwischendurch macht sie sogar Karriere: Sie es, die vordergründig die "Idee" hat, wie der Kreis sich schließen kann und ganz The Circle ganz nebenbei zur Weltmacht werden soll. Sie wird von ihrem geheimnisvollen Lover gewarnt, sogar von ihrer total karrieregestählten College-Freundin, die The Circle in der Zwischenzeit aufgesogen und wieder ausgespuckt hat wie ein Gulli eine mickrige Legofigur in Zeiten der Schneeschmelze. Doch Mae zieht es durch.

Aus der Hand geben

In irgendeiner der US-amerikanischen Rezensionen zu Eggers Roman stand, er würde sich vor allem in Deutschland sicher gut verkaufen. Also im Land der hysterischen Internetkritiker, der "German Angst" verfallen und Modernisierungsverweigerer. Überhaupt wurde dem in San Francisco ansässigen Schriftsteller und Verleger vieles aus The Circle um die Ohren gehauen: Zum Beispiel, dass er sich einen Dreck darum gekümmert hat, mal so ein Social-Media-Unternehmen von der Nähe anzusehen oder ob der ganze Circle-Kram technisch überhaupt Sinn macht.

Kann man sich natürlich alles fragen, wenn man möchte. Aber auch wenn man sich beim Lesen immer wieder vor Augen führt, jede Form von Alarmismus zu unterdrücken, weil das nie die beste Ausgangsposition für eine halbwegs intelligente Auseinandersetzung mit der Welt ist, wird man das Buch kaum aus der Hand legen können. Obwohl es zugegebenermaßen nicht Eggers bestes Buch ist, obwohl ihm literarische Finesse fehlt und man manchmal das Gefühl hat, ok, hier wird einfach die Auswirkung eines Phänomens anhand einer Familie durchdekliniert.  

Man liest es auch nicht wegen des Konzern-Dadaismus, der altbekannt ist, nicht wegen der Die-Welle-artigen Gleichförmigkeit, in die wir offenbar allesamt so leicht stürzen, nicht wegen der ziemlich klaren Aufteilung in Gut und Böse, und schon gar nicht wegen Mae, zu der sich aufgrund ihrer totalen Ferngesteuertheit so richtig gar keine Beziehung aufbauen lässt.

Das Gute sehen, immer nur das Gute 

Die große Stärke des Buches ist die Perfidie, mit der technische Neuerungen als Vorteil für alle verkauft und gegen die Freiheit des Einzelnen ausgespielt werden. Ob das aus der Absicht auf Weltherschafft heraus geschieht, wie es manche Alarmisten den Silicon-Valley-Leuten gern unterstellen, oder aus einer Entwicklung heraus, die sich irgendwann verselbstständig heraus, ist letztendlich egal. Die moralische Erpressung wirkt dennoch.

Jemand der sich weigert, seine Gesundheitsdaten herzugeben, gilt als Verräter - er verhindert, dass die Forschung auf einen großen Datenpool zurückgreifen und in Zukunft noch mehr Leben retten kann. Jemand der nicht will, dass seine Betriebsärztin rund um die Uhr seine Daten überwacht, weil er Angst davor hat, dass andere Menschen über seine Krankheiten bescheid wissen oder auch nur über einen einfach schlechten Tag, ist ein Kollegenarschloch, das nicht den gleichen Einsatz zeigt wie die anderen und das System bescheißt.

Und es mag sein, dass Kindesentführungen und Morde verhindert werden können, wenn jedes Kind einen Chip in sich trägt und rund um die Uhr überwacht wird. Aber die Debatte, zu welchem Preis dieses Unheil verhindert werden soll, wird nicht geführt. Das sollte sie aber dringend. Möglichst offen, möglichst breit. Denn die Zukunft, wie Eggers sie ohne eine solche Debatte zeichnet, ist erstens düster und zweitens ziemlich nahe. 


Dave Eggers: The Circle. Knopf und McSweeney's, 2013.