Émile Zola – Das Geld

Es lag am Wort dümpeln. Im Herbst 2001 war ich zwischendurch mal der Meinung, dass  dümpeln eine größere Rolle spielen sollte, also eine, die über die Zustandsbeschreibung von Börsenkursen hinausgeht. Ich fand es lautmalerisch schön, mir gefiel das nachdrücklich Zwängerlische, mit dem man das Wort aussprechen muss, obwohl es ziemlich genau zwischen Aktivität und Passivität angesiedelt ist. Für mich klang das nach Bodenfisch, nach Sandwurm, nach düsteren, stinkigen Gesellen. Und damals klang das gut.

Zu Weihnachten 2001 fand sich unterm Weihnachtsbaum dann Das Geld von Émile Zola. Ein blütenweißes Insel Taschenbuch, knapp 600 Seiten lang, eine Spekulantengeschichte aus dem 19. Jahrhundert. Sicher super, aber nicht jetzt gleich, dachte ich. Mir war noch ein bisschen nach vor mich hin dümpeln, mit was Leichterem, was Jüngerem. Und das war natürlich Quatsch.

zola1


Hätte ich es nämlich damals schon gelesen, hätten mich ein paar Jahre später ein paar Dinge sicher weniger überrascht: Die Sache mit der Gier zum Beispiel. 

Aristide Saccard ist pleite, nach sehr vielen schwindligen Angelegenheiten von der Pariser Börse ausgeschlossen und hat einen neuen Plan: Entweder er kommt durch eine neue Frau wieder zu Geld und zurück an die Börse oder durch ein neues Projekt. Am besten aber durch beides.

Als Berater einer reichen Witwe, die Gutes tun will, wäscht er ein paar Flecken aus seiner verdreckten Weste, und als er von den Ideen seines Nachbarn erfährt, weiß er, dass es das jetzt ist. Sein großes Ding. Sein ganz großes Ding. Der Ingenieur Georges Hamelin will den gesamten Mittleren Osten mit Bahnstrecken und Straßen überziehen, er will Häfen bauen und den Handel fördern, er will das Christentum bringen und mit ihm Reichtum und Wohlstand.  Am Ende soll Jerusalem freigekauft werden und der arme Papst von Rom nach Israel übersiedeln.

Doch, ja, das ist eine große Idee 

Saccard ist begeistert. Das hat Pfiff, das hat Tiefgang, das hat Visionen, das bewegt die Reichen wie die Masse. So eine Idee kann gar nicht scheitern. Fortschritt, Reichtum, Wohlstand, Glück.

Er gründet die Banque Universelle, die den ganzen Wahnsinn finanzieren soll, holt sich die richtigen Leute ins Boot, er weiß, wem nach mehr giert, er weiß, wer es politisch noch weiter bringen will, wer wem was schuldet. Er checkt die Strohmänner und die geheimen Subverträge, investiert in Zeitungen, die quasi nur noch über die große Idee und die große Banque Universelle schreiben. Dass es ein paar Testimonials braucht, die bei der breiten Masse Vertrauen erwecken, weiß er ebenso wie von der Macht des Geheimnisses und der Insiderei. 

Bis einer draufgeht
 

Die Leute stehen schließlich in Schlangen an, um investieren zu dürfen, und manche Frauen wollen nicht nur das. Die Ärmsten der Armen stecken Saccard die Mitgift für ihre Töchter zu, verarmte Baronessen nehmen Hypotheken auf ihren letzten Besitz auf, alles nur, um beim großen Run dabei zu sein. Sogar Karoline, die Schwester des Bahningenieurs und Saccards Haushälterin, verliert ihren klaren Kopf.

Saccard sieht sich drauf und dran, es endlich den großen, jüdischen Banken heimzahlen zu können, die an der Börse bisher noch jedes Mal über ihn triumphierten. Er lässt sich auf amouröse Abenteuer ein, die sich weit außerhalb seiner eigentlichen Liga befinden, genießt die Bewunderung am Pankett, liebt den Handel, die steigenden Kurse, den täglichen Rausch.

Der Kurs steigt binnen drei Jahren auf über 3.000 Francs, ein Ende der Hausse ist nicht in Sicht. Zumindest nicht für die, die draußen sind, die sich außerhalb des Spielfelds bewegen, der engen Kreise. Die drinnen stehen, ahnen oder wissen, dass der Kurs nur noch durch Selbstkäufe der Banque gestützt wird. Dass Strohmänner aktiv sind. Dass wichtige Mitspieler schon die Seiten gewechselt haben und auf fallende Kurse spekulieren.

Der große Krach

Dann knallt es. Ein Gerücht reicht, und das große Verkaufen beginnt. Die Investoren, die zwischenzeitlich dachten, ihr Einsatz hätte sich verhundertfacht, verlieren alles. Die Mitgiften, die Altersvorsorgen, das kleine Extra – alles futsch. Saccard wird verhaftet und verurteilt. Karoline besucht ihn im Gefängnis, er fragt nicht um Vergebung, er verspricht Rache und schmiedet schon am nächsten Plan.

zola2

Zola zeigt in Das Geld nicht nur, was ziemlich prototypisch an der Börse passieren kann, wie Hypes entstehen und wie es fast zum Geschäft gehört, dass diese Geschäfte gar nicht jeder verstehen soll, der investieren soll und sich gerne anstecken lässt. Von all dem Fortschrittsglauben, vor allem aber von der Aussicht auf schnelles Geld.

Alle laufen mit

Das gesamte gesellschaftliche Spektrum findet in diesem großartigen, schwindelerregenden Roman Platz. Nicht ohne Grund: Die Verlockung ist für jeden, egal wie viel er schon besitzt, gleich groß. Nicht aber das Risiko. Den einen geht es ums Dabeisein, wenn etwas Großes passiert - ihr Einsatzkapital bestätigt ihren Status, das frühe Eingeweihtsein ihr Gewicht. Die anderen wollen bloß nichts zu versäumen, den Fuß in die Tür der Oberen bekommen, ein bisschen Gerechtigkeit für sich selbst. Niemand aber will so wirklich wissen, worum es eigentlich geht.

Das weiß auch kaum jemand außer Saccard, der Spieler. Ihm ist klar, dass nichts dahinter steckt, dass es die großen Bahnlinien zwischen Aleppo und Damaskus nicht geben wird. Damit es sie aber geben kann, muss er hoch pokern und überzeugen – weil es das ist, was die Menschen beeinflusst und eine neue Wirklichkeit schaffen kann. Eine, in der die Kurse steigen.

Das ist das Fatale an einem Spekulanten wie Saccard: Er weiß, dass er das Spiel sehr weit treiben kann, bis er verliert.

"Brauchen wir denn im Haushalt der Familie gemünztes Geld? Dort sehen Sie nur die gemeinsame Arbeit und den Austausch ... Wozu also das Geld, wenn einmal die Gesellschaft nur noch eine große, sich selbst regierende Familie ist?"

Saccard: "Ich sagen Ihnen, es ist eine Narrheit! ... Das Geld vernichten! Aber das Geld ist ja das Leben selbst! Nichts mehr wäre ohne Geld vorhanden, gar nichts mehr!"


 

Émile Zola: Das Geld. Übersetzt von Leopold Rosenzweig. Insel Taschenbuch.