Jane Bowles –
Two Serious Ladies


Schöne Frauen am Cover sind fast immer ein Grund dafür, ein Buch nicht zu lesen, es erst gar nicht zu kaufen oder in die Hand zu nehmen, und das ist jetzt natürlich keine wissenschaftlich belegte Aussage, sondern bloß ein bisschen Lebenserfahrung, ein bisschen Stolz (weil ich nicht gern Teil einer Zielgruppenanalyse bin, auch nicht der dabei vernachlässigte) und ein bisschen Grundskepsis (vor dem Bild an sich, ganz unironisch).

Darüber, ob das jetzt irgendwie sexistisch ist oder nicht, dürfen sich gerne andere Menschen den Kopf zerbrechen (ich fände auch Cover mit schönen Männern doof, ich finde sie nur so gut wie nie vor, Stichwort: Wolf Haas), mir jedenfalls ist das bisher ein ganz guter Kompass gewesen, aber zum Glück halte ich mich nicht immer dran.

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Sonst hätte ich ja etwa von Ingeborg Bachmann nur jene Bücher in Uraltausgaben lesen können, die bei den Eltern im Regal stehen, sonst hätte ich den jüngsten Roman von Wolf Haas versäumt, und ziemlich sicher auch Two Serious Ladies (deutscher Titel Zwei sehr ernsthafte Damen) von Jane Bowles.

Das hätte mich um die Bekanntschaft mit drei erstaunlichen Wesen gebracht: Miss Goering und Mrs. Copperfield, den beiden Protagonistinnen, und Jane Bowles, der Autorin.   

Christina Goering (ja, nach Jesus und Göring benannt) und Frieda Copperfield kennen sich aus der besseren New Yorker Gesellschaft. Miss Goering ist die junge Erbin einer vermögenden Industriellenfamilie, lebt allein in ihrem Haus, bis sie die etwas spröde Miss Gamelon bei sich wohnen lässt. Ihre Tage bestehen im wesentlichen darin, im Garten herumzusitzen und sich über irgendetwas zu mokieren. Miss Goering am liebsten über Miss Gamelon, Miss Gamelon über Miss Goering. Mit einem faulen, verfressenen Loser zusammen ziehen die beiden schließlich in ein Haus auf eine Insel. Fad bleibt es auch dort. 

Trinken in Colón

Mrs. Copperfield fährt mit ihrem Mann nach Panama. Er will in den Dschungel, sie will eigentlich gar nichts. Sie landen in Colón, quartieren sich nicht im gepflegten, amerikanischen Teil ein, sondern dort, wo die Seemänner und die Anzugträger hingehen, dort wo getrunken wird, gesungen, gevögelt und dafür bezahlt. Mrs. Copperfield ist enorm angezogen von dieser Umgebung. Sie verliebt sich in eine junge Frau namens Pacifica, bleibt die meiste Zeit über im Bordell, wo ihre Geliebte arbeitet, und haut die Besitzerin mal aus einer sehr misslichen Lage heraus.


Miss Goering beginnt damit, die Bekanntschaft mit Unbekannten zu suchen. Sie lässt sich auf eine Affäre ein, die sie sofort beendet, als ein anderer Mann sie für eine Prostituierte hält, weil sie versuchen will, diese Rolle anzunehmen. Als er sie in einem Restaurant über Stunden allein an einem Tisch sitzen lässt, während er in Geschäftliches verwickelt ist, ruft sie ihre Freundin Mrs. Copperfield an, die zurück aus Panama und in der Nähe sein muss. Sie kommt, ausgehungert, verwahrlost und aufgebracht, weil sich die Geliebte, die sie aus Panama mitgebracht hat, mit einem Mann trifft.

"Don't be insane", said Mrs. Copperfield. "I can't live without her, not for a minute. I'd go completely to pieces."

"But you have gone to pieces, or do I misjudge you dreadfully?" (said Miss Goering)

"True enough," said Mrs. Copperfield, bringing her first down on the table and looking very mean. "I have gone to pieces, which is a thing I've wanted to do for years. I know I'm as guilty as I can be, but I have my happiness, which I guard like a wolf, and I have authority now and a certain amount of daring, which, if you remember correctly, I never had before."
S. 270

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Jane Bowles war 26 Jahre alt und aus dem bürgerlichen jüdischen Idyll ausgebrochen, als sie 1943 ihren ersten und einzigen Roman veröffentlichte. Gemeinsam mit ihrem Mann Paul Bowles, der damals noch vor allem Komponist war, zählte sie sofort zur New Yorker Avantgarde. Der Knabe im Bild oben rechts ist Truman Capote; in Brooklyn Heights lebten sie eine Zeitlang imselben Haus wie William H. Auden, Benjamin Britten, Carson
McCullers und der Burlesque-Tänzerin Gypsy Rose Lee; lange, bevor es der Lieblingsexilort für Schriftsteller wurde,  zogen die Bowles nach Tanger in Marokko.

All das hielt mich beim Lesen aber nicht davon ab, mich ständig in der Zeitzone zu irren und die Romanszenerie immer mal wieder in ein ganz anderes Jahrhundert und nach Großbritannien zu verlegen. Dieses dauernde Miss und Mrs. brachte mich durcheinander.

Was ist das, eine Serious Lady  

Überhaupt bleiben Miss und Mrs., genauso wie alle anderen Charaktere, sehr schwer zu fassen. Lesend jagt man nach ihnen, vorsichtig wie nach einem Marienkäfer, den man gerne kurz auf seiner Hand trüge. Sie sind nicht berechenbar, ihr Verhalten erklärt sich auch ihnen selbst oft nicht. Weil sie alles und daher gleichzeitig nichts überraschend kann, entwickeln sie eine Coolness, die sich der Kaltblütigkeit nähert, und bleiben dennoch Zerrissene.

Eine Serious Lady sei eine Frau, die ihren Charakter zu einer offenen Frage mache, schreibt die britische Literaturkritikerin Lorna Sage im Vorwort des Buches. Goering und Copperfield versuchen das beide, indem sie sich fallen lassen, den Schmutz suchen, den Ekel und den Selbstekel.

Was sich nach übelstem Selbstfindungskitsch oder dem ewigen Missverständnis anhört, dass ein Durchzapp-Sexualleben irgendwas mit Freiheit und Freigeistigkeit zu tun hätte, liest sich stellenweise unfassbar komisch und gewieft, dann wieder trocken, hart und fast abstoßend. Bowles Prosa ist elegant, ist ausgefuchst und windet sich – so wie ihre Protagonistinnen – vor jeder Einordnung. Zwei Tage nach dem Fertiglesen ist die Begeisterung für das Buch zwar ein bisschen abgeklungen. Was erst rauschhaft war, fühlt sich jetzt irgendwie schal an. Geblieben ist jedenfalls die neuerliche Ahnung davon, was für ein wichtiger Teil der Freiheit es ist, seine eigenen Fehler machen zu können, ohne dass einem ständig irgendeine Gratis-App, die Privatversicherung oder sonstwer sagt: So nicht, Menschenskind, du bringst dich ja um!

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Das Werk der 1973 nach Schlaganfällen und langer Krankheit verstorbenen Autorin ist überschaubar: Neben dem Roman gibt es nur ein Theaterstück und eine Handvoll an Kurzgeschichten. Bowles' Mann Paul, der angeblich durch sie das auch Schreiben für sich entdeckte, war wesentlich produktiver. Er war irgendwann auch prominenter als seine Frau, die ebenso offen Frauen liebte wie er Männer, die soff und süchtig nach Tabletten war, immer unstet, und laut ihren Freunden immer rastlos, immer auf der Suche, wonach auch immer.

PS: Aus heutiger Sicht erstaunt es übrigens sehr, wie es in den 1950er- und 60er-Jahren möglich war, dass eine weiße Frau in Marokko eine Beziehung zu einer verschleierten Marktfrau haben konnte (siehe Foto oben).          

 

Jane Bowles: Two Serious Ladies, Sort of Books. Auf Deutsch erschienen Bowles' gesammelte Werke 2012 bei Schöffling.