M. Agejew – Roman mit Kokain


Meistens gibt es einen Grund dafür, dass jemand tut, was er tut, dass jemand ist, wie er ist, wir haben das zumindest so gelernt, 100 Jahre Psychoanalyse, mehrere Regalmeter russischer Literatur, Hitlerbiografien und Frauenzeitschriften und so weiter, ganz wurde all das von der zur großen Ausrede werdenden Neurowissenschaft ("freier Wille = totaler Humbug") und ihrer Vollidioteninterpretation ("es ist sowieso alles vorherbestimmt und sogar Facebook weiß, ob meine Beziehung hält oder zerbricht") noch nicht abgelöst.

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Das hat etwas total Beruhigendes, das hat etwas total Erleichterndes, weil alles Böse dadurch erklärbar ist und ertragbar wird. Also hofft man immer darauf, auf diese Hinweise, auf die "schwere Kindheit", die "Scheidung der Eltern", die "Ablehnung der Kunstschule". Bei Agejews Roman mit Kokain hofft man mal besser nicht.  

Man will das Buch gelegentlich durchs Zimmer pfeffern (siehe Spuren am oberen Umschlagende), man will seine Träume schützen, weil sich manche Szenen früher oder später ganz sicher bis dorthin fräsen werden. Wadim Maslennikov, der Protagonist des Romans, ist ein Ekel, das man immer wieder nehmen will und schütteln will, bis das Gute in ihm zum Vorschein kommt, das da doch irgendwo hocken muss, irgendwo nervennetzweit drin in diesem "lischnij tschelowek“, diesem „überflüssige Menschen", diesem Verwandten von Eugen Onegin oder Grigorij Petschorin, und dann sollte das Gute vor ihm hintreten und sagen: "Hey, du Arsch, glaubst du jetzt endlich, dass es mich gibt?"

Affäre mit Kokain

Aber nix da. Mit großer Kälte und Kalkül behauptet sich Maslennikov, der beim Einsetzen des Romans fast noch ein Kind ist, in der Oberliga seines Moskauer Elite-Gymnasiums, steckt lustvoll ein Mädchen mit Syphilis an, verleugnet und demütigt seine Mutter und überhaupt jeden, der ihm irgendwie ein bisschen Glück sein könnte, denn: wozu Glück suchen, das ohnehin nie von Dauer sein kann. In Zeiten der großen Veränderungen – erster Weltkrieg und Oktoberrevolution – ist er ein dekadenter Dandy, ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, aber auch reuselig, nur halt immer ein bisschen zu spät. 

Dann verliebt er sich. Glaubt man zunächst gar nicht. Sonja – selbstbewusst, verheiratet – bringt sein gesamtes Ich-Gefüge (und auch das des Romans) durcheinander, verlässt ihn aber. Dem Ich-Rausch setzt er jetzt mit Kokain noch eins drauf, und erst spät, in einem letzten Aufbäumen von Lebenswillen will er sich für einen Entzug anmelden. Ein Funktionär des postrevolutionären Russlands ist jedoch der Meinung, dass ein "solches Geschöpf" keine "Bedeutung" mehr habe für "diese Gesellschaft". Es ist ein ehemaliger Schulkollege.

Maslennikov stirbt mit knapp 20 an einer Überdosis. Ein Arzt findet seine ins Sakko eingenähte Lebensgeschichte, er fügt ihr das Ende hinzu. Diese Konstruktion ermöglicht die stellenweise unerträglich radikale Innensicht des Romans, die Nähe zum Erzähler, zu seinen Entscheidungen, zu seinen Gedanken. Es steckt dort viel Trotz drin, viel Nihilismus; seine Seelentheorie ("nur wenn die Seele sich zu höchstem aufschwingt, wird sie überhaupt erst auch zum niedrigsten fähig") ist auch in der Formulierung ganz vollgesogen mit der Unbeholfenheit erster, aber ungemein ehrgeiziger Denkansätze, immer absolut, immer auf dem Weg zur Welterklärung. Auch die Erzählweise wirkt trotz einiger grandioser Wortbilder manchmal unbeholfen, zumindest unbeholfener, als es wahrscheinlich beabsichtigt ist.

Geheimnisse, wie sie damals waren

Roman mit Kokain (das russische Wort für Roman hat als Zweitbedeutung übrigens "Affäre") erschien 1936 im Pariser Exil und war ein kleiner Skandal. Es war klar, dass es sich bei M. Agejew um ein Pseudonym handelte, lange wurde dahinter Nabokov vermutet, doch vor wenigen Jahren wurde er als Mark Levi identifiert.

Schon dessen Lebensgeschichte liest sich wie ein Roman: 1924 wurde er von den Russen offenbar als Spion nach Deutschland geschickt, danach ging es nach Paris, nach Istanbul. Als er 1942 verdächtigt wurde, für den russischen Geheimdienst zu arbeiten und an einem Attentat auf den deutschen Botschafter in Ankara beteiligt zu sein, wurde er aus der Türkei ausgewiesen, konnte jedoch nicht zurück nach Moskau und musste sich in Eriwan ansiedeln. Dort arbeitete er als Germanistik-Dozent. Seine Familie wusste nichts von dem Roman, den er als 34-Jähriger veröffentlich hatte. Als sie ihn Jahre nach seinem Tod lasen, erkannten sie jedoch viele von ihm erzählten Anekdoten wieder. Aus dem Moskauer Gymnasium, aus den Kokainkellern im Berlin der 1920er Jahre. 


M. Agejew: "Roman mit Kokain", erstmals aus dem russischen Original ins Deutsche übersetzt von Valerie Engler und Norma Cassau. Manesse 2012.