Thomas Pynchon – Bleeding Edge


"That thumb drive? it's OK, safe to copy, just a lot of text, looks semiofficial."


"And now your friends have seen it before I have."

"They ...uh, they don't read that much, Mom. Nothing personal. A generational thing."


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Es wäre substantieller Quatsch, noch irgendetwas Substanzielles zu Thomas Pynchons neuem, bisher nur auf Englisch erschienenen Roman sagen zu wollen. In den USA haben unter anderem Jonathan Lethem und Michael Chabon darüber geschrieben, großflächig nahmen ihn auch deutsche Feuilletons auseinander, jeder hat dazu eine Meinung, vielleicht sogar  Argumente, eine Zitatliste mit Pynchon-Detailwissen oder zumindest die 140 Zeichen, um auf Twitter zu sagen, Pynchon, das sei auch so einer, der das Internet halt wieder nicht verstanden hat, der alte Sack.

Normalerweise sind das gute Gründe, das Lesen auf später zu verschieben, ins Unbestimmte, wenn die Aufregung um manche Bücher abgeklungen ist und die Fremdmeinungen dazu nur mehr lose im Gedächtnis vertäut sind.

Bleeding Edge aber wollte ich sofort lesen. Nicht, weil es DER NEUE PYNCHON!!! ist, mit tausenden hingeworfenen, wahren oder erfundenen Popkulturverweisen, auf die sich die nimmermüden Factchecker jetzt wieder stürzen werden wie sonst nur die Twitterjournalisten auf FPÖ-Behauptungen. Mich reizte, was Pynchon als der große Abgetauchte zu diesem ganzen Internetzeugs zu sagen hat, das neben 9/11 im Mittelpunkt von Bleeding Edge steht.

Paranoia? Aber ja doch.

Der Roman spielt im New York des Jahres 2001, er setzt knapp vor dem großen Unglück und kurz nachdem die erste Internetblase geplatzt ist ein, deren klebrige Rückstände in der "Silicon Alley" das Setting der Geschichte bilden. Getragen wird sie von der Privatermittlerin Maxine Tarnow, spezialisiert auf Wirtschaftsbetrug, Mutter zweier Kinder und halbgetrennt von einem Broker, der aber immer mal wieder bei ihr in der Upper West Side aufschlägt (und am Ende sogar bleibt). Die schlagfärtige, sympathische Maxine wird auf hashlingrzs angesetzt, eine Internet-Sicherheitsfirma, die trotz der Krise floriert. Sie gehört Garbiel Ice, der ein Unternehmen nach dem anderen übernimmt und bei dem viel zu viele Fäden zusammenlaufen, als dass er zu den Guten gezählt werden kann.

Maxine stößt auf ungereimte Geldflüsse, irgendwas mit dem Mossad und undefinierten Arabern, plötzlich spielt die russische Mafia mit, irgendwoher kommt Filmmaterial, das nach 9/11 mit 9/11 in Verbindung gebracht wird. Es gibt den Auftragskiller und die Verbindung zum FBI; es gibt DeepArcher, das von kalifornischen Freunden mehr aus Jux entwickelte Deep Net jenseits der Internetoberfläche, wo alles noch möglich ist; es gibt die abgedrehte Hippiemutter und die abgedrehte Yuppietochter, die mit dem bösen Internetmilliardär verheiratet ist; es gibt streng geheime Experimente mit Kindern zu Zeitreisen, ganz viel WASP-Gespräche, Yiddish-Kitsch, 60er-Jahre Filmreferenzen, die Sitcom Friends und überhaupt ganz viel New-York-Wild-Meltingpot-Nostalgie.

Über alldem und unter alldem und oft überhaupt nicht lokalisierbar schwingt eine stellenweise fast heitere Angst mit: Angst vor dem Unbekannten, das irgendwie zu groß werden könnte, Angst davor, das Zeug, das gerade abgeht, einfach nicht mehr zu verstehen, Angst vor dem Versäumen von Möglichkeiten, davor, dass der Staat zu mächtig wird und das Internet auf Handys kommt, die überall und immer überwachbar sind, so wie Gabriel Ices Mitarbeiter, denen ein Chip eingepflanzt wurde. Ups.

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All das ist über weite Strecken überbordend, grell überzeichnet bis schamlos übertrieben, mal comedy-schablonenhaft, mal boshaft, zynisch, heillos absurd und sich in Verschwörungstheorien suhlend. Ein Pageturner, viel unterhaltsamer als die ganz echte Welt, die Pynchon "Meatspace" nennt – manchmal aber gleich ermüdend (so viele Referenzen, so schnelle Schnitte, so viel Leerlauf). Natürlich gibt es keine Antworten auf gar nichts, aber immer wieder ein paar schöne, dem Meatspace abgelauschte Rationalisierungsversuche.

Heidi has been working on an article for the Journal of Memespace Cartography she's calling "Heteronormative Rising Star, Homophobic Dark Companion", which argues that irony, assumed to be a key element of urban gay humor and popular through the nineties, has now become another collateral casualty of 11 September because somehow it did not keep the tragedy from happening. "As if somehow irony", she recaps for Maxine, "as practiced by a giggling mincing fith column, actually brought on the events of 11 September, by keeping the country insufficiently serious-weakening its grub on "reality".
S. 335

Pfuh.

Es ist substanzieller Quatsch, ein Buch auf das hin lesen zu wollen, was sein Autor zu einem bestimmten Thema zu sagen hat. Allein schon die Phrase ist scheußlich. Sie drückt auf besonders feige Weise den Abscheu davor aus, auf ein Buch als Erklärung zu hoffen, wenn man selbst dieser Schreihalswelt so überdrüssig geworden ist, sie stellenweise nicht versteht und sie verstehen zu wollen sich wie eine Pflichtübung anfühlt, von der man sich keinen großen Erkenntnisgewinn mehr erfhofft.

Eine Pflichtübung, aus der Pynchon, mittlerweile unglaubliche 76 Jahre alt, Literatur macht, die sich an keiner Stelle wie ein Alterswerk liest, sondern wie ein ordentlicher rechter Haken in die Magengrube herumgrantelnder Kulturpessimisten: Ihr könnt Euch noch so sehr in andere Zeiten wünschen, ihr Luschen, dem Jetzt entkommt ihr ja doch nicht.

Man setzt sich natürlich substantiell in die Nesseln, wenn man zugibt, lieber mit Pynchon über NSA, Überwachung, individuelle wie gesellschaftliche Freiheit und Demokratie nachzudenken als mit den "Internet-Intellektuellen", die "das aufregende Neue" als ihren Verbündeten und allgegenwärtiges Totschlagargument zur Seite haben. Es erscheint mir, dadurch ein umfassenderes Bild zu bekommen. Gerade weil das bedeutet, sich einmal mehr die große Farce einzugestehen, in der wir herumirren und uns selbst gerne für blöder verkaufen als wir eigentlich sind.   

"It's depressing. I thought Comic-Con was peculiar, but this was Truth. Everything out there is just a mouseklick away. Imitation is no longer possible. Hallowe'en is over. I never thought people could get too wised up. What'll happen to us all?"

"And because you tend to be a blamer..."

"Oh I blame the fucking internet. No question."
S. 374

Thomas Pynchon: "Bleeding Edge",
Penguin Press 2013.