James Salter – Alles, was ist

An manchen Ständen gab es selbstgemachte Limonade, an anderen Empanadas, Hot Dogs, Sushi oder verbranntes Huhn mit schwarzem Reis. Ältere Hippiefrauen flochten jüngeren Hippiefrauen bunte Bänder ins Haar. Im Vorbeigehen glitt die Musik des einen in die des anderen Standes über, Barbecues bruzzelten, und wo lustig behütete Menschen mit Greifzangen - so groß, als könnte man Mammuts damit die Zähne ziehen – Hünerspieße wendeten, zischte es. Zwischendurch konnte man bei Lotterien Autos gewinnen oder bei Google anheuern. Eine Fußgängerzone in San Francisco, ein Fest, dessen Anlass ich vergessen habe.

Vor der Buchhandlung City Lights (Ferlinghetti und Ginsberg hatten hier gelesen) hielten in Neonfarben gekleidete freiwillige Helfer Autos vom einbiegen ab. Drinnen war es erstaunlich still. Neben ein paar anderen Büchern nahm ich "All that is" von James Salter mit.


salter all that is


Vor Jahren hatte ich seinen Roman Lichtjahre gelesen. Im City Lights war es mir plötzlich unverständlich, warum ich diesem Autor nicht weiter gefolgt war. So viele Szenen hatte ich noch vor Augen, die  Freude über Bilder und Formulierungen und die scheinbar ohne Aufwand in Bann ziehende Grundstimmung zwischen Extase, Verzweiflung und Ernüchterung des Zwischenmenschlichen. Irgendwo in den Notizen aus dieser Zeit finden sich Buchzitate.

Und dennoch hatte ich Salter aus dem Blick verloren. Es ist wahrscheinlich kindisch, aber ich wollte gewissermaßen aufholen, bevor ich All that is lese. Seinen ersten Roman seit über 34 Jahren, der vor wenigen Wochen unter dem Titel Alles, was ist auch auf Deutsch erschienen ist.

Die Ordnung der Nachkriegswelt

Ich las also A Sport an a Pastime (Ein Spiel und Zeitvertreib, Link), Solo Faces (In der Wand, Link), die betörenden Kurzgeschichten in Dusk and other Stories und Cassada, die überarbeitete Fassung seines ersten Romans Hunters. Ich las mich in die Salter-Welt, deren Helden Kampfjet-Piloten sind, besser gestellte Söhne und Töchter, Glücksucher, die es zum Militär, nach Europa oder zu beidem zieht; gleichgültige, schwermütige oder taktierende Frauen. Für viele von ihnen ist der Krieg eine elementare, die nichts unberührt lässt. Oft scheint diese Welt beim Lesen zu zerstäuben, zu zerinnen; den einzigen Halt findet sie in der Intimität von Freundschaften, Beziehungen und Sex.

Jetzt also Alles, was ist. Salter ist 88 Jahre alt, der Roman wird als Alterwerk bezeichnet, was wahrscheinlich gerechtfertigt ist, sich aber falsch anfühlt, ohne es wirklich erklären zu können. Wahrscheinlich, weil dem Buch alles Onkelhafte fehlt: der grobe Strich, die große Gütigkeit, die Bildungsphrasendrescherei oder Sexszenen zwischen irre alten, irre gelehrten Männern und jungen, naiven, aber total frechen Studentinnen, wie das in anderen Alterswerken der Fall ist.

Die private vs. die absolute Zeit

Alles, das ist setzt um 1945 ein und erzählt bis Mitte der 1980er Jahre die Geschichte von Philip Bowman, Weltkriegsveteran, der durch Glück und Dreistigkeit studieren kann, eigentlich Journalist werden will, aber Lektor wird. Er heiratet und wird verlassen, es folgen weitere Beziehungen, mal mehr und mal weniger eng. Es entwickeln sich neue Freundschaften, von denen einige wieder verblassen, Erfolg stellt sich ein, aber viele seiner Schriftsteller bleiben von bescheidener Wirkung. Irgendwann findet er in Christine sein Glück. Das Haus, das sie nach seiner lebenslangen Suche nach einem Zuhause beziehen, nimmt sie ihm am Ende dank einer üblen Finte weg. Es bleibt ihm nichts.

Salter erzählt nicht streng chronologisch, er pickt aus diesem Leben Situationen und Begegnungen mit Menschen heraus, zoomt sie heran, lässt sie wieder aus seinem Erzählfeld verschwinden. Manchmal entscheidet sich etwas, manchmal ist es nichts, das gleich oder überhaupt von Belang ist. Fast lapidar entsteht so das Bild vom Nachkriegs-New-York, seiner intellektuellen Szene und des Zeitgeschehens. JFKs Tod ist ihm genau zwei Sätze wert. Nichts wird überhöht, jede Wertung obliegt dem Leser, der in Salters Netz der Sprache hängt und nicht weiß, ob er sich dort je sicher fühlen darf oder irgendwann durch die Lücken rutscht und hart am Boden aufschlägt – in so feinen Zügen ist sie gebaut.

Bowman, too, had been born in a great city, in the French Hospital in Manhattan, in the burning heat of August and very early in the morning when all geniuses are born, as Pearson once told him. There had been an unbreathing stillness, and near dawn faint, distant thunder. It grew slowly louder, then gusts of cooler air before a tremendous storm broke with lightning and sheets of rain, and when it was over, just rising, a gigantic summer sun. Clinging to the blanket at the foot of the bed was a one-legged grasshopper that had somehow found shelter in the room. The nurse reached to pull it off but his mother, still dazed from the birth, said don't, it was an omen. The year was 1925.

Niemand schreibt so unpeinlich über Sex 

Wer Lust darauf hat, wird bestimmt viele Parallelen zu Salters Leben finden (1925 geboren, Luftwaffenpilot, der Krieg als wichtigste Lebenserfahrung, Frauenheld, porträtierte Verleger sind realen Personen nachempfunden). Und wer keine Lust darauf hat, kann sich an großer Erzählkonsquenz und so kleinen Dingen erfreuen wie jenen wenigen Sätzen, mit denen etwa eine Affäre beginnt:

He watched her go to the ladies' room and then come back. She was wearing a print dress. She looked to him like a glorious feathered bird and he a fox.

Oder die gezielte Lakonie, die als Omen eingesetzt wird (wiewohl das Spiel mit Zeichen stellenweise fast persifliert wird):

They made love simply, straightforwardly — she saw the ceiling, he the sheets.


Man kann sicher mit der Macho-Keule auf dieses Buch einschlagen, wie es manche Kritikerinnen getan haben, man kann auf seine Männer- und Frauenbilder rotzen und sie ins Vergessen zwingen, einer angeblich überwundenen Welt zurechnen, von der auf gar keinen Fall etwas übrig bleiben darf, was nicht ins heutige Moralpuzzle passt. Man kann aber auch auf die leiseren Töne dieser Literatur achten, auf ihre unaufdringlichen Wahrheiten und immer wieder die Einladung annehmen, darüber nachzudenken, wie man das mit dem das Leben richtig leben hinbekommen könnte.

James Salter: "All that is". Alfred A. Knopf, 2013. Auf Deutsch: "Alles, was ist". Übersetzt von Beatrice Howeg, Berlin Verlag 2013.