Luiz Ruffato –
Es waren viele Pferde

Nicht dass ich etwas gegen Brasilien hätte. Es ist bestimmt ein interessantes Land, ein vielfältiges, wildes, dschungelhaftes, gespenstiges; bestimmt undurchschaubar und unüberschaubar. Aber die große Faszination, die viele Menschen für Brasilien hegen, die Sehnsucht, mit der sie davon sprechen, hat sich mir nie erschlossen. Nicht für die Strände, nicht für die Städte, Brasilia vielleicht ausgenommen. Nicht dass ich etwas gegen Brasilien hätte, aber ohne es irgendwie begründen zu können war es mir einfach nie besonders wichtig. 

Und dann kam irgendwann im vergangenen Winter Luiz Ruffatos "Es waren viele Pferde".   


ruffato


Es kam mit der Post und es kam in einer jener Trubelwochen, in denen zu wenig Zeit fürs Lesen bleibt, in denen die Augen so müde sind, dass aus dem Fernsehen Hörspiele werden, meist schlechte. Wochen, wie es auch die gerade vergangenen waren. Das Buch lag also ein bisschen herum, bis ich es aufschlug. Dann aber war ich auf einen Schlag (wie das in schlechten Fernsehfilmen gerne ist) mittendrin: in Sao Paulo.

In 69 kurzen Szenen, Gesprächen und Beschreibungen reißt Ruffato die Megacity auf, durchdringt sie, entblößt sie. Man trifft auf angehende Supermodels, auf Mütter, die um ihre Söhne fürchten, auf Glückritter und Schwerverbrecher. Es ist eine Reise ohne Reiseführer, in der man versucht, sich aus all den Wahrnehmungsfetzen ein Bild zu machen. Angefixt von dieser Erzählweise und heillos atemlos versucht man Ruffato zu folgen, versucht, die Lücken die er aufreißt, mit den eigenen Vorstellungen zu schließen. Immer wieder streift man am Klischee – und immer wieder boxt Ruffato im richtigen Moment wieder zu. 

DEUTSCHER – 46 Jahre, 1,77 m, 56kg, blond, weiß. Rentner, reiselustig. Sucht Kontakt zu dunkelhäutigen Frauen.
FAST PERFEKTE LIEBE – wenn du glaubst, wir seien nichts ohne den Blick – die Liebe – des anderen ... Du: bis 30 jahre, ca. 75 kg, 175 cm groß, magst kein Mittelmaß, bist männlich, zärtlich, niveauvoller Nichtraucher, gutaussehend. Ich: reif und besonders.
ANA KAZUE – 40 Jahre, suche sympathischen Ehemann.
CLAUDINEI – dunkler Teint, 33 Jahre, 1,71cm, 74kg, braune Haare und Augen. Fahrer. Sucht Kontakt zu blonder Frau zwischen 18 und 30, nur ernstgemeinte Zuschriften mit Foto und Telefonnummer.
S 94

20 Millionen Einwohner zählt Sao Paulo mittlerweile, ein nicht zu fassender Koloss, der sich je nach Licht, je nach Perspektive von einer anderen Seite zeigt. Mal ist es die Gewalt, die an die Oberfläche tritt, mal die Verlogenheit, der Turbokapitalismus, der Traum vom Reichtum; dann wieder das Festhalten an irgendwas, das irgendwer mal Tradition nannte, dann das Elend, die Liebe oder das, was dafür gehalten wird. 

Szene für Szene wechselt er die Geschichte, er wechselt den Ton und die Erzählform, greift zu Stichworten, zu Dialogen, zur Fachsprache und es gelingt ihm schwindelmachend gut. Tausend Bilder entstehen, ein schnell geschnittener Film, und so müde kann man gar nicht sein, dass sich dabei nicht schleichend ein unsanftes, kratziges Grundgefühl für Sao Paulo einstellt: Eine Zerrissenheit, mit mal kettenscharfen, mal von Meer und Wind besänftigten Kanten.

Unbedingt will ich dort nun hin.
(Immer noch diese große Sehnsucht nach der harten, tiefen, fordernden Stadt; an jeder Ecke die menschliche Tragödie und ein Tempo, das kein Zaudern erlaubt.)


Luiz Ruffato: "Es waren viele Pferde".
Assoziation A, Herbst 2012.