Jonas Lüscher –
Frühling der Barbaren

Es gibt einen einzigen Grund, um mit (international tätigen) Bankern Mitleid zu haben: wie kaum eine Berufsgruppe kann man sie fast immer auf ihre Klischees reduzieren. Sie sind die letzten, die im Flugzeug das Handy vom Ohr nehmen, und die ersten, die den Laptop aufklappen. Sie bestellen mit Vorliebe Vodka in Flaschen, auch wenn sie nur zu dritt am Tisch sitzen. Ihre Hauptsorgen sind die unerträglichen Wohnverhältnisse in Bezirken wie Kensington oder Cologny, Genf, die Unzuverlässigkeit von Fluglinien und die hohe Bojendichte in der Bucht vor St. Tropez.

So wie es einen Cheerleader-Effekt gibt, gibt es auch einen Banker-Effekt: Nur unter sich und in Gruppen sind sie die Spitze der Gesellschaft, jung, bestens gebildet, reich, erfolgreich. Einzeln haben sie den Esprit einer Boxershort und scheitern beständig daran zu erklären, was sie beruflich tun. Manche haben, ich schwör's, sogar ganz üble Pickel.
Von ihrer ständigen Massentäuschung handelt die großartige Debüt-Novelle des Schweizers Jonas Lüscher.


Jonas Luscher


Auf kaum mehr als 100 Seiten entlarvt er die Banker-Klischees, die degenerierte Gesellschaft, die ihre Dominanz erst ermöglicht, und die Konsequenz, mit der diese Gesellschaft sich über sich selbst wundern kann, ohne je handelnd einzugreifen.

Und das beste daran: Er kommt ganz ohne das Occupy-Wallstreet-Pathos aus, das mir gerade in die Tasten gerutscht ist.

Denn er erzählt.

Tote Kamele

Genauer: Er lässt erzählen. Preising, ein Schweizer Unternehmer, Erbe, und froh darüber, dass einer seiner Mitarbeiter das Unternehmen auf Vordermann gebracht hat, erzählt einem Namenlosen Ich-Erzähler von einer Reise nach Tunesien. Das klinger komplizierter als es ist, eröffnet aber die Möglichkeit, wie mit der Kamera immer wieder mal ein bisschen vom Hauptgeschehen wegzugehen, ein bisschen Distanz zu schaffen.

Was passiert ist? Preising ist nach Tunesien gereits und hat die Einladung in ein Urlaubsresort in einer Oase angenommen. Dort soll eine britische Hochzeit stattfinden, das Resort ist voll mit Bankern aus der Londoner City, wo auch das zukünftige Ehepaar arbeitet. Lauter junge Menschen in den besten Jahren, in den besten Kleidern, mit den besten Köprern. Sie strahlen Erfolg aus.

Preising lernt die Eltern des Bräutigams kennen, sie ist Englisch-Lehrerin, er Soziologe. Beide sind erstaunt über ihren Sohn, sowohl über seinen Beruf, als auch diese hohle Ethno-Glamour-Hochzeit, auf der nichts echt ist, alles hohl.

Der Untergang

Am Morgen nach der Hochzeit geht Großbritannien pleite, das Pfund sinkt ins Bodenlose, die Hochzeit wird aufgrund der neuen Wechselkurse auch mit Bankergehältern, nein, mit einem ganzen Bankerleben nicht mehr bezahlbar. Im Sekundentakt erhalten die hübschen jungen Männer und Frauen ihre Kündigungen. Ihre Kreditkarten werden gesperrt. Die Wirtschaft bricht zusammen. Der Brautvater, der Soziologe, glaubt, jetzt endlich kommt seine Zeit. Die Leitung des Resorts sperrt das Pool, der Koch ist mit dem Schlüssel für die Kühlanlagen geflohen. Die Banker fangen an, zu Barbaren zu werden. Sie schlachten ein Kamel.

Und Preising fliegt nachhause.

Was für ein Buch!


Jonas Lüscher: "Frühling der Barbaren". C.H. Beck 2013.