Alberto Moravia – Agostino


Es ist ein kleines Buch:


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Es ist ein kleines Buch und eines, das ich irgendwann um sehr wenig Geld aus einer Kiste mit Mängelexemplaren erstand. Seine Geschichte, vor allem aber seine Grundstimmung sind seither in bester Erinnerung: Das Staunen über all die Dinge, die ein nie enden wollender Sommer am Meer unwiderruflich verändern kann.

Man muss ja kein Therapeut sein, um lange Sommertage und das Entsetzen über den Beginn körperlicher Veränderungen und seltsamer Gefühle in Verbindung zu bringen, es reicht ein gutes Gedächtnis. Sich mit Agostino zu identifizieren fällt auch beim Wiederlesen fast erschreckend leicht. Also trotz des fortgeschrittenen Alters.

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Agostino ist dreizehn Jahre alt und verbringt den Sommer mit seiner Mutter am Strand. Mit großem Stolz nimmt er die Blicke wahr, mit denen seine Mutter, eine jung verwitwete, reiche Römerin, bewundert wird. Eines Tages durchbricht sie ihre gemeinsamen Routinen. Sie nimmt die Einladung eines Mannes an, der sie wie sonst Agostino übers Meer rudert. Ihr Sohn bleibt am Strand zurück und weiß nicht wie er sich seinen Ärger erklären soll.

An einem der nächsten Tage lernt er einen anderen Jungen kennen. Einen, der nicht zu den Wohlbehüteten gehört, mit denen er sonst Zeit verbringt. Er raucht schon. Mit den Zigaretten seiner Mutter erkauft sich Agostino Zutritt zu einer Bande von Burschen, die ganz anders sind als er. Sie prügeln sich, sie stehlen, sie hecken Zeugs aus – und sie erzählen ihm von der Schönheit seiner Mutter wie von etwas, das er selbst noch nie gesehen hat. Sie erzählen ihm auch von den Dingen, die sie mit dem jungen Mann am Boot am Meer machen würde, wenn Agostino nicht dabei ist. Aufgestachelt von den anderen, den Fischersöhnen und Arbeiterjungen, entwickelt Agostino ein Eigenleben, das ihn vollkommen überfordert.

Loslassen

Aber die gewohnte Stunde, in welcher der Fremde sonst erschien, verstrich und der enttäuschte und gelangweilte mütterliche Ausdruck zeigte deutlich, daß sie nicht mehr mit seinem Kommen rechnete. Agostino hatte oft versucht, sich vorzustellen, was er wohl in einem solchen Fall empfinden würde und er hatte immer gedacht, seine Freude würde mindestens ebenso groß sein wie die Bitterkeit der Mutter. Er war daher erstaunt, nichts als eine leere Enttäuschung zu verspüren. Dadurch begriff er plötzlich, daß ihm jene Erniedrigungen und der Widerwille gegen die täglichen Ausflüge in der letzten Zeit allmählich eine Lebensnotwendigkeit geworden waren. Aus einem unklaren und unbewußten Wunsch heraus, die Mutter leiden zu lassen, fragte er sie mehrmals, ob sie denn heute nicht die gemeinsame Bootsfahrt mache.

S. 18

Moravia erzählt von pubertärer Überforderung und dem Beginn der Loslösung von den Eltern mit unendlich großer Empathie und schlichter Eleganz. Die Spannung entsteht daraus, dass Agostino nicht über ein Mädchen seine Sexualität entdeckt, sondern über die Spiegelung mit anderen Jungs und seiner Mutter. Wie direkt er all das beschreibt, sorgte beim Erscheinen des Romans 1945 für Widerstände. Das tut es in Zeiten allgegenwärtiger Feuchtgebiete nicht. Das Grundstaunen über das Erwachsenwerden, über Mann und Frau und alles, was sich daraus ableitet, ist in diesem kleinen Buch aber auch heute noch groß und großartig.
   

Alberto Moravia: Agostino. Übersetzt von Dorothea Berensbach, Wagenbachs Taschenbuch 511, 2005. Erstmals erschienen 1945 bei Bompiani Editore in Mailand.