Albertine Sarrazin – Astragalus


Die meisten schönen Dinge haben ihre Eigenheiten. Die rote Lampe etwa hatte es mit ihrem Halsgelenk. Sie begann mit diesem Tick als ich zum ersten Mal Jean Genets Notre Dames des Fleurs las. Ständig knickte sie ein, jedes Mal wieder richtete ich sie wieder auf, weil sie ihr Licht statt in mein Buch auf ihre Beine richtete. Ich verrenkte mich, bezog die verkrampftesten Körperhaltungen, um mit der einen Hand das Buch zu halten und mit der anderen die Lampe. Nur, um bloß nicht aufstehen zu müssen und den Schraubenschlüssel zu holen. Ich hätte ja das Buch aus der Hand legen müssen.


albertine sarrazin

 

Als 1965 Astragalus und gleich noch ein zweiter Roman der damals 27-jährigen Albertine Sarrazin in Frankreich erschienen, klebte an ihr sofort das Genet-Etikett. Wie er war sie im Knast, wie er schrieb sie sich frei, wie er schrieb sie sehr autobiographisch. Auch bei der nun aufgelegten neuen Übersetzung wird nicht mit Hinweisen auf Genet gespart. 

Und das ist Quatsch. Erstens, weil Genets Literatur wesentlich weiter geht, weil sie die Welt auf den Kopf stellt, Gut und Böse vertauscht, unmoralisch und moralisch, weil sie Grenzen auslotet und mit großer Konsequenz sprengt, weil sie sprachlich so viel überbordender ist, so viel direkter und kräftiger. Und zweitens, weil dieses Buch und seine Autorin für sich allein stehen können.

Nur ein kleines bisschen Ironie

Anne, die Protagonistin des Romans, bricht sich beim Sprung über die Gefängnismauer das Sprunggelenk (genauer: den Astragalus genannten Teil des Sprunggelenks). Der junge Julien sammelt die 19-jährige Verletzte auf und versteckt sie bei seiner Familie. Sofort gibt es zwischen den beiden ein großes Einverständnis, das vielleicht noch nicht  Liebe, zumindest aber Schicksal ist. Wie Anne befindet sich Julien auf der schiefen Bahn. Ihren Krankenhausaufenthalt finanziert er mit Raubzügen.

Die beiden gehen nach Paris, Anne kommt bei einer Freundin Juliens unter, hält die Enge der Wohnung nicht aus und geht auf den Strich, um ihr eigenes Geld zu verdienen. Sie ist jung, sie ist hübsch, aber ihr Fuß ist versteift. Julien gibt es immer noch, aber er scheint fern, scheint mehr Wunsch als wahr. Er betrügt sie, während einer ihrer Freier sich rührend um sie sorgt. Ständig lebt sie in der Angst, erwischt zu werden und in der Hoffnung, nicht aussichtslos zu lieben.

So viel Würde

Es passiert nicht sehr viel in diesem Buch. Sämtliches Bonnie & Clyde-Gehabe lässt es aus, ebenso Unterschichts- oder Armutsklischees. Sogar Selbstekel ist Anne relativ fremd. Viel zu sehr ist sie (und ist auch ihr Umfeld) damit beschäftigt, die Macht über ihr eigenes Leben zu erhalten. Lieber lebt sie ungewiss als angekettet. Lieber ist sie dem Verbrechen und der Prostitution nahe als finanziell abhängig.

Ungefähr in der Mitte des Buches angelangt dachte ich, ich hätte das gerne schon früher gelesen. Früher, also jünger. Und das ist natürlich Quatsch. Mit Anne lebt man sowieso mit. Sarrazin gelingt es, so bestimmt zart zu erzählen, dass die Stärke wie die Schwäche Annes durchscheint, die dem Leben alles abtrotzen will, ohne dabei die Geduld zu verlieren. Mit wenigen Sätzen zeigt sie Millieus ohne Klischees. Ihr Blick ist weder gleichgültig, noch schicksalsergeben, sondern genau. Diese Genauigkeit verhindert jedes falsche Urteil, sie bewahrt die Würde.

Sarrazin wurde durch die Veröffentlichung dieser Bücher in Frankreich zum Star. Ihre Lebensgeschichte – Kind von Teenager-Eltern, aufgewachsen bei Adoptiveltern, früher Missbrauch, viele Besserungsanstalten, ein Raubüberfall, mehrere Gefängnisaufenthalte, Prostitution – hat dabei ebenso fasziniert wir deren verschriftlichte Umsetzung. Sie starb 1967 an den Folgen der Komplikationen bei einer Nierenoperation.      



Albertine Sarrazin: Astragalus, übersetzt von Claudia Steinitz mit einem Nachwort von Patti Smith, Hanser Berlin, Wiederauflage 2013.