James Salter – Solo Faces


Die großzügigsten Bäume der Welt sind Zedern. Ganze Nachmittage kann man unter ihnen verbringen, ohne je dem Schatten nachzuwandern, so weit spreizen sie ihre Äste. Man kann sich ganz darauf konzentrieren, von Genf aus stundenlang den Mont Blanc zu betrachten. Nichts anderes zu tun als zu beobachten, wie er je nach Licht und Temperatur näher und weiter weg scheint. Immer ist er da, immer schneebedeckt, immer imposant. Wenn dann noch der Mond darüber aufgeht, die Nacht blau färbt und die Schneedecke silbrig, wird's fast kitschig.

Etwas, das in der Prosa von James Salter nicht passieren kann. Nicht einmal dann, wenn es um Männerfreundschaft und Bergsteigen geht, um zwei Amerikaner am Mont Blanc.


salter solo

 

Verne Rand verlässt das Hippie-Kalifornien der 70er-Jahre, um in die Schweizer Alpen zu gehen. Er fährt nach Charmonix, er richtet sich mehr schlecht als recht ein. Nach und nach erkundet er die Wände, lernt er die Leute kennen. Die Touristen, die Bergführer, die Saisonarbeiter, und diejenigen, die immer hier wohnen. Er lernt Französisch. Er spricht nicht viel. Am liebsten ist er allein. Der Sommer geht zu Ende, und Rand bleibt.

"September light fell on everything. A lazy burning sun filled the days. Cowbells ringing mournfully in the high meadows, the closed lives of the local people, the cool green forests – these seemed to spell out the season. The peaks were turning darker, abandoning their life. The Blaitière, the Verte, the Grandes Jorasses far up the glacier, he began to look at them another way, without eagerness or confusion. There was a different sky above them, a sky that was calm, mysterious, its color the blue of last voyages."

Sein alter Freund Jack Cabot und dessen Frau Carol tauchen auf. Cabot hat wie immer einen Plan, er hat sich eine neue Aufgabe gesucht. Er will auf den Dru: 

dru

Cabot waited,
"The Dru", he said.
"Are you kidding? Something easy you mean."
"Right up the middle."

Sie machen es, sie schaffen es auch, aber sie schaffen es nicht ohne Spannungen. Nicht ohne dass etwas am Berg zurückbleibt, das ihre Beziehung verändert. Denn Rand überholt Cabot, und Cabot fällt.

As if in obedience, slowly he was bowing. His legs went slack, his arms slipped away. Without a sound he performed a sacred act - he began to fall.

Sie werden berühmt

Cabot will auf den Eiger. Er stellt eine Gruppe zusammen. Rand gehört nicht dazu. Mit seiner Freundin Catherine geht er daraufhin nach Paris. In einer Zeitung liest er, dass es bei der Eiger-Tour zu einem tödlichen Sturz gekommen ist.

Es gibt keine Schuldfragen in diesen Zusammenhängen. Natürlich gerät man in die Falle von Salters präzise platzierten Auslassungen und stellt sie trotzdem. Genauso wie man die Frage nach den Gründen stellt, die Rand antreiben, die ihn nicht zur Ruhe lassen kommen. Die ihn zurückwerfen auf ein Leben, das sich auf eine einzige Sache konzentriert: das Bezwingen der Berge.

Der Roman zieht einen guten Teil seiner Spannung daraus, dass sich nie ganz auflöst, was genau Cabot damit zu tun hat. Warum Cabot zu einer Art verbündeten Gegenspieler wurde, warum er für Rands Leben so ein Impetus ist. Sämtliches Männerfreundschaftsgetue lässt Salter aus. Und die Frauen, die es auch gibt, sind nichts, worauf Rand sich einlässt. Sie ziehen ihre Schlüsse daraus. Sie bleiben oder sie gehen, bevor er geht. 

Rand fährt zurück nach Charmonix. Er hört, dass ein Bergsteiger am Dru schwer verletzt wurde. Mit einem zweiten Helfer geht er los. Am Eiger hatter er nicht helfen können, jetzt wird er zum Helden.

When he woke he was famous. His face poured off the presse of France. It was repeated on every kiosk, in the pages of magazines, his interview read on buses by working girls on their way home. Suddenly, into the small rooms and houses, the ordinary streets, he brought a glimpse of something unspoiled. For two hundred years France had held the idea of the noble savage, simple, true. Unexpectedly he had appeared. His image cleansed the air like rain. He was the envoy of a bred one had forgotten, generous, unafraid, with a saintly smile and the vascular system of a marathon runner.

Als er erfährt, dass Cabot in Kalifornien gestürzt ist, dort, wo Rand zuletzt geklettert war, geht Rand zurück in seine Heimat. Cabot ist querschnittsgelähmt, sitzt im Rollstuhl. Das Glück des Überlebens zählt nichts. Rand kann nicht glauben was er sieht. Sagt, Cabot habe aufgegeben, er könnte stehen, er könnte gehen, wenn er nur wollte. Es kommt zu einem Showdown, an dessen Ende Carol Einschusslöcher in der Wand vorfindet. Rand ruft bei seiner Familie an. Es scheint Probleme mit seinem Bruder gegeben zu haben. Er hat nichts gelernt, er hat keinen Job. Und jetzt hat er keinen Gegner mehr.

Salters Sätze sind ohne Schnörkel. Sie zu lesen ist wie eine Gitarrensaite anzuschlagen, die lange nachschwingt. Sie zwingen zum langsamen Lesen, sie haben eine eigenwillige Rhythmik, sie sind komponiert. Er nach und nach entsteht der Ton, entsteht das ganze Bild, das nie herkömmlich ist. Man erblasst manchmal vor dieser Perfektion, sie versetzt in Unruhe, weil man sich ihrer Wirkung nicht entziehen kann. Das galt schon für "Lichtjahre", das galt besonders für "A Sport and a Pastime"

Manchmal wünscht man sich, der Autor möge doch für einen kurzen Moment die Kontrolle verlieren, so offensichtlich, durch harte Arbeit geschliffen sind diese Sätze an manchen Stellen. Und so geschliffen ist auch der Erzählfokus. Salter braucht keine fünfzehn Stränge, die sich verwirren und entwirren. Er braucht keine Meta- und Subebenen. Er betreibt eine Studie, kurz und intensiv und so klar wie verstörend. Salters Figuren bleiben, so wie der Mont Blanc, immer da, immer anders, immer in ihrer Eigenart imposant. Auch wenn vieles an ihnen aus einer deutlich anderen, älteren Welt ist. 


James Salter: Solo Faces, North Point Press, 1979.