David Markson –
Wittgensteins Mätresse


"In Wirklichkeit war es Helen Frankenthalers Name, der meinen Blick fesselte, auf diesem Plakat nicht weit entfernt von der Via Vittorio Veneto. Ich erinnere mich nicht, je in einer Ausstellung mit Georgia O'Keefe gewesen zu sein.
Obwohl es vielleicht tatsächlich Kierkegaard war, der das sagte, über die Angst als die Grundbefindlichkeit des Daseins. Wenn es nicht Kierkegaard war, war es Martin Heidegger.
In jedem Fall vermute ich, dass es etwas Ironisches hat, raten zu können, ob etwas von Kierkegaard oder von Martin Heidegger gesagt wurde, wenn ich doch überzeugt bin, dass ich nie ein einziges geschriebenes Wort von Kierkegaard oder von Martin Heidegger gelesen habe.
Ein guter Teil des eigenen Gepäcks schien nicht einmal der eigene zu sein, wie ich vielleicht woanders angedeutet habe."
 


markson


David Marksons 1988 veröffentlichter Roman "Wittgenstein's Mistress" gilt als Geniestreich der Postmoderne, im Frühjahr erschien er zum ersten Mal übersetzt ins Deutsche. Die Erzählerin, Ende Vierzig, ganz genau sagt sie das nicht, vielleicht weiß sie es auch nicht mehr, ist der letzte Mensch auf der Welt, sie hat alles bereist, hat in den großen Museen gelebt, hat Autos, deren Bremsen sich lösten, in andere Autos rasen sehen, jetzt schreibt sie, sie erinnert sich, sie hält sich an Erinnerungsfetzen fest, an Homer, Picasso, Brahms, an der Kunst, an ihrer Familie. Vielleicht aber ist sie auch geisteskrank, vielleicht stimmt nichts von alldem und in anderen Momenten alles, und was ist das dann überhaupt, übrigens, mal so ganz nebenbei, die Wahrheit? 

Das große ICH

Das Buch gibt tausend Rätsel auf, Jelinek und Foster Wallace weisen in den Nachworten darauf hin, und irgendwann werde ich mich damit auch auseinandersetzen, beim zweiten, dritten vierten Mal Lesen dieses präzise formulierten, verwirrenden und zwischendurch auch erschöpfenden Romans voller philosophischer Anspielungen und Fragen, voller Verzweiflung und der ihr entwachsenden Komik.

Aber beim ersten Mal überwog der Rausch. Wie die Erzählerin sprang ich von Stadt zu Stadt, von Wittgenstein zu Nietzsche, von Homer zu Brahms zu Picasso, wie die Erzählerin ließ sich dann auch mein Gedächtnis nicht lenkten und folgte seinen eigenen Spuren, den vielen Orten, den Gedanken, Szenen aus Büchern und Theatern, den tränenreichen und den gleichgültigen Abenden, der Überforderung, in die Musik mich zu stürzen vermag, der kleinen wortwörtlichen Ohnmacht bei Mahler und den Gesprächen, den Auseinandersetzungen, der großen geteilten Freude und der großen Dankbarkeit für das Teilen der Freude.

Ich habe anderer Menschen Angst vor der Einsamkeit nie verstanden, und seit dem ersten Lesen dieses Buchs verstehe ich sie noch weniger. Ein Leben reichte nicht, mir das schon jetzt Erlebte, Gesehene, Gehörte und Gelesene immer wieder in Erinnerung zu rufen, um es endlich zu begreifen, oder, was die schönen Seiten betrifft, sie endlich angemessen zu würdigen. 

David Markson: Wittgensteins Mätresse. Wittgensteins Mätresse. Übersetzt von Sissi Tax. Berlin Verlag, 2013.