Ron Currie –
Everything Matters


Wir hatten keinen guten Start. Alles kam einfach ein bisschen zu dick aufgetragen. Zu direkt. Zu bombastisch. Ich mag's zum Beispiel nicht so gern, wenn man mir sagt, was ich denken soll. Vor allem nicht, wenn man sich gerade erst kennengelernt hat:

ron currie


Wir hatten keinen guten Start, und es ging auch nicht wahnsinnig gut weiter. Diese angestrengte Erzählweise, pffft. Ein Countdown, der bei 97 beginnt, und 97 gehört "der Stimme", die zu Junior spricht, den Protagonisten, der sich bei 97 noch in Utero befindet. 

"First, enjoy this time! Never again will you bear so little responsibility for your own survival. Soon you will have to take in food and dispose or your own waste, learn the difference between night and day and acquire the skill of sleeping"
sagt die Stimme.

Was packen wir in eine Biografie? Alles!

Junior, mit dem ich keinen guten Start hatte, hatte den auch mit sich selbst nicht: Blöderweise erfährt er von der Stimme nämlich recht bald, dass die Welt untergehen wird, in 36 Jahren und ein paar Hundert Tagen. Deshalb also läuft der Countdown. Und er läuft durchs Heranwachsen ins Erwachsenenalter hinein, er läuft durch wirklich alles, was man so in eine Biografie hineinpacken kann: Durch einen schrägen Onkel, der dem älteren Brüderlein Zugang zu Kokain verschafft, weshalb der mit nicht mal 12 geistig steckenbleibt, später aber dennoch Baseballstar wird. Dann gibt es da die ständig betrunkene Mutter und den psychisch kranken Vater, der auch noch an Krebs erkrant. Es gibt die Freundin, die von ihrer Mutter mißbraucht wird, es gibt ein bisschen amerikanische Kleinstadt und amerikanische Großstadt und Wissenschaft und den Glauben daran, den Krebs des Vaters zu heilen. Es gibt allerlei Anschläge und Paranoia und Gewalt.

Und über alldem wacht der Komet, der ja kommen wird, die Welt zu zerstören. Juniors Geheimplan sieht aber vor, rechtzeitig fortzufliegen. Klingt nach einem schlechten Actionfilm? Es gibt diesen schlechten Actionfilm!

Die späte Phase

Man mag das als überbordend empfinden, als burlesk, als unglaublich einfallsreich, gefinkelt und vollgesogen mit dem Saft der Gegenwart. Aber – es klappte einfach nicht zwischen uns. Wir hatten keinen guten Start, nein, und wir hatten auch keine gute frühe und mittlere Phase, aber ohne es an einer Zahl im Countdown festmachen zu können, begann sie irgendwann, die gute, versöhnliche, späte Phase. Blasse Charaktere, denen man kaum folgen kann und sich nur aus den eigenen Klischeevorstellungen modelliert? Geschenkt. Die Stimme? Geschenkt. Der total überraschende Trick, zum Schluss nochmal alles zu ändern? Geschenkt.

Weil es am Ende um alles geht. Und dieses alles so einfach ist.

Man muss dieses Buch nicht lesen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit darf man es auf gar keinen Fall nach einem Buch von William T. Vollmann lesen: Das ist ein bisschen so, als würde man auf kalten Wodka drauf warme Milch trinken. Nicht gut. Und der Milch gegenüber vielleicht unfair.


Ron Currie Jr: Everything Matters!, Penguin 2009.

Auf Deutsch erschien 2009 Curries Kurzgeschichtenband "Gott ist tot" bei Goldmann.