William T. Vollmann –
The Atlas


Leider gibt es William T. Vollmanns Roman "The Atlas" nicht auf Deutsch, aber es gibt ihn, seit 1996 gibt es ihn schon und auch in 17 Jahren noch wird es ihn geben und auch dann noch wird er eine Entdeckung sein, die dem Entdecker die Welt verändert.

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San Francisco, California, U.S.A. (1993)

In those nights he was living on Mission Street because so many people swarmed there that he could hope someone might actually smash through his soul-eye's smooth flat window to kill him or make him free, but instead the people just flowed down his pane like gray rain.

(The best way to shoot H, S. 275)


In The Atlas versammelt Vollmann Geschichten um eine Vielzahl von Orten, die fast immer den Erzähler im Fokus haben, ihn, Vollmann, und ihn, den Erzähler, dem man Vollmann zu sein abnimmt. "The World According to me", warnt er vor. Rund um die Kerngeschichte The Atlas gruppiert, spielen sie lose zusammenhängend in San Francisco, und Hanover, New Hampshire, sie spielen in Thailand, Burma und Kambodscha, im Sarajewo der Kriegsjahre, im Berlin der 90er und in Nairobi. Sie erzählen von Nutten und dem immer wiederkehrenden Amerikaner, von Puffmüttern und grobschlächtigen Zuhältern, von Drogen, Verführung und vom Rausch, von der Gosse, vom Glauben an den weißen Retter und der Verzweiflung des weißen Retters in der Fremde, vom verdammten Geld und vom verdammten Krieg.

Sie handeln von verlorenen Frauen mit alten, faltigen Geschlechtsteilen, in die sie Heroin spritzen. Sie sind so nahe dran an alldem und sind so weit weg von der gepflegten Altbauwohnung mit Balkon, dessen Türe zärtlich offensteht, während wir beim Ficken rauchen (Hinweis: Zitat).

Phnom Penh, Cambodia (1994)

What did she say?
She was afraid maybe you were angry with her.
No, I'm not angry. What did she say?
She said maybe at night very very busy in restaurant.
You think she meant the good busy or the bad busy? he said.

I don't know. I'm very sorry, she replied, her face filled with pity.
He said nothing.
Have you been to the restaurant?
No, he said. I don't want to see you.
(Butterfly Stories, S. 89)


So fragil sind die sanften Stellen.

Doch nichts in diesem Buch grenzt auch nur an das, was wir bürgerlich-gesättigte Normalität nennen, nicht an die College-Elite oder die gepflegte Mittelschicht des Großteils der zeitgenössischen amerikanischen Literatur. Die Erzählweise variiert, sie variiert auch in der Qualität, aber das ist vollkommen egal, wenn man liest, wie ich lese: Schnell und aufgedreht und glücklich über jeden neuen Gedanken und jedes neues Bild und glücklich sogar über die langen Stellen, die man total gut herausstreichen könnte, heute total gut und schnell herausstreichen würde, um den Text zu kondensieren, zu straffen. Damit einem der E-Reader dann nicht sagt, hier, guck mal, da steigen die Leute aus, weil da wird's fad – kannst Du das umschreiben?
Ich brauche diese Stellen, um mitzukommen, um aufzuholen beim Verarbeiten der Bilder, die Vollmann mir zuwirft.

Ein brutales Buch

The Atlas ist ein brutales Buch. Es ist ein großartiges Buch. Es ist stellenweise unerträglich, es ist unerträglich heftig und direkt, es stinkt fast, es ist sicher auch berechnend, es steuert sicher auf den wohligen Ekelschauer hin, wenn es nach übersäuertem, alten Mann stinkt, es stinkt nach whiskyverkatertem Mann mit Panamahut und einem weißen Leinenhemd, auf dem sich die Schweißflecken abzeichnen knapp überm Bauch, um den sich das Hemd spannt. Es stinkt nach einer Gosse, die heute verschwunden ist aus dem Stadtbild von San Francisco und New York, die man nicht mehr sieht oder nicht mehr sehen will.

Es macht Angst, weil solche Männer Angst machen, weil solche Frauen Angst machen, nein, es macht mir Angst, weil es mich vollkommen überschüttet und überfordert mit der Wucht, mit der es eine Welt zeigt, deren Wunden pochen, und nicht abrückt von den pochenden Wunden und die sie tragen nicht verurteilt und nicht entschuldigt und man so zurückgeworfen ist auf das, was ist, dass man es kaum glauben kann (wie wenig man weiß, wie wenig man kennt, wie wenig man ist. (Pathos zum Schluss.). 


William T. Vollmann: The Atlas. Penguin, 1996.

Auf Deutsch erschien im Frühjahr das ebenfalls, aber ganz anders wunderbare "Europe Central" bei Suhrkamp.