Jeanette Winterson - Why Be Happy When You Could Be Normal?


Ich kann "wahre Geschichten" nicht ausstehen. Ich hab so viel mit der Wirklichkeit zu tun, dass ich zwischendurch gerne darauf pfeif. Mir wird außerordentlich unwohl, wenn sich Texte über diese seltsame Betroffenheitsschiene aufdrängen: Lies mich, sonst bis du ein schlechter Mensch. Einer ohne Mitgefühl. So hantierende Journalisten halte ich schwer aus, und auch Bücher, die sich über das Versprechen verkaufen, hier etwas ganz arg Echtes über den Autor zu erfahren, sind mir suspekt. Manchmal greif ich dann aber doch zu.

Winterson


Jeanette Wintersons "Why be happy when you could be normal?" sah ich an der Kassa liegen und kaufte es ausschließlich deshalb, weil man mich mit den ganz alten Tricks immer noch kriegt: Bücher hätten die Autorin gerettet, stand da.

Die Rettung


Winterson wuchs bei Adoptiveltern im kleinen Arbeiterort Accrington (Großbritannien) auf. Ihr Vater war damit beschäftigt, Geld zu verdienen, ihre Mutter beschäftigte sich vor allem mit Gott. Und Gottes Willen sei es nun einmal nicht, dass die Adoptivtochter lesbisch würde. Gottes Wille sei es auch nicht, dass sie Bücher liest, dass sie ihre eigenen Ideen hat und noch ein paar ganz andere Dinge. Gottes Willen ist nämlich nicht ganz berechenbar.  

When my mother was angry with me, which was often, she said, 'The Davil led us to the wrong crib'.

Jeanette übernachtet oft auf den Treppen vor der Haustüre, weil die Mutter sie aussperrt. Erst mit dem Milchmann kommt sie ins Haus. Jeanette hintergeht ihre Mutter, sie stiehlt ihr das Geld aus dem Vorhang, sie entwickelt ihren eigenen Dickschädel – und geht in die Bücherei. English Literature from A to Z. Mit Jane Austen fängt sie an, bei Nabokov beginnt sie zu zweifeln: Der mag ja keine Frauen, sagt sie der Bibliothekarin. Jeanette flieht vor ihren Adoptiveltern. Sie flüchtet sich in Beziehungen, sie entdeckt die Liebe, und sie traut ihr nicht. Mit der Unterstützung einer herrlich engagierten Lehrerin schafft sie es sogar nach Oxford.

Wollte ich das alles wissen, bis in oft sehr kleine Details? Nein. Fühlte ich mich manchmal wie der übelste Voyeur? Und ja, immer wieder war ich ein bisschen angepisst, weil ich jetzt sicher nichts mehr von dieser Autorin lesen kann, ohne dauernd ihre Lebensgeschichte im Kopf zu haben und Querverbindungen zu suchen. Und dennoch ist es ein Buch, das vielleicht nicht mehr lange präsent sein wird, das ich aber dennoch seltsam gerne las.

Petzende Nachbarn, ein Pfarrer als Verräter

Weil es sich nie in der Ich-Perspektive verliert, wie das journalistische Ich-Texte so gerne tun. Auf großartig humorvolle, sarkastische und teils auch liebevolle Weise bettet es die Biografie in das Arbeiter-England ein. Es erzählt über die Zusammenwirkung von gesellschaftlichen Normen und individuellen Wünschen, über die Ausweglosigkeit, die bittere Armut und das Patriachat, die hier immer noch herrschten, und den Trotz, mit dem Winterson dennoch aus alldem hinausfindet. Allein dafür, nun zu wissen, dass selbst im England der späten Sechziger Jahre Menschen trotz Arbeit Hunger litten, bin ich diesem Buch dankbar. Man vergisst zu schnell. Wir alle vergessen zu schnell.

Natürlich auch die Blüten der Gläubigkeit:   

There was a fierce debate about burial/cremation with or without the dentures. Like most evangelical groups, Elim believed in the resurrection of the body at the Last Trump – Mrs Winterson did not, but kept quiet. The question was, if you had had your teeth removed, and that was a fashionable thing to do until the 1960s, would you get them back at the Last Trump? If you did, would the falsies be in the way? If not, would you have to spend eternity with no teeth?
Seite 66


Jeanette Winterson: Why Be Happy When You Could Be Normal? Grove Press 2013, erstmals erschienen 2011. 

Warum glücklich statt einfach nur normal? Übersetzt von Monika Schmalz. Hanser, 2013.