Denis Johnson - Resuscitation of a Hanged Man


Provincetown liegt an der Spitze von Cape Cod, der Halbinsel, die sich etwas südlich von Boston wie eine Sichel in den Ozean schiebt. Ort um Ort fuhren wir das Cape ab, immer wieder ließ sich mal rechts, mal links das Meer sehen. Es stürmte noch, aber zumindest hörte es zu regnen auf, während die Dämmerung einsetzte. Wir waren spät dran. Wir hatten noch kein Zimmer, keine Vorstellung, wo wir schlafen sollten, aber das Bild eines Ortes im Kopf, der ein bisschen freier ist als andere, ein bisschen wilder vielleicht, ein bisschen abseitiger.

Wegen "Resuscitation of a Hanged Man" (Deutscher Titel: "Wiederbelebung eines Gehängten") von Denis Johnson, das in Provincetown spielt.

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Und dann donnerte es. Und es blitzte. Mit seinem dämlichen Campanile, seinen New-York-Style Parkgebühren und den mit Touristen vollgestopften Straßen fühlte sich das abendliche Provincetown an wie ein etwas hübscheres, etwas lauteres, aber eben doch: wie Krumpendorf. Und auch schwule Rentner sind eben doch: Rentner.

Ein Roman ist ja kein Reiseführer

Seit den 1980er Jahren, in denen das Buch angesiedelt ist, ist natürlich etwas Zeit vergangen. Auch die auf der Karte eingezeichnete Fährenroute von Boston nach Provincetown hätte ein Hinweis sein können: Überschaubar geschäftig war es hier vielleicht einmal. Jetzt tobt hier der Touristenwahnsinn.  

In Denis Johnsons Roman ist das noch anders. Da ist Provincetown zwar das kleine Paradies amerikanischer Homosexueller, aber dennoch verschlafen. Ruhig. Ein bisschen zurückgeblieben sogar.

Johnson erzählt von Lenny Englisch, der nach einem Selbstmordversuch in Kansas in Provincetown ein neues Leben anfängt, weil er hier einen Job angeboten bekommen hat.

"He came there in the off-season. So much was off. All bets were off. The last deal was off. His timing was off, or he wouldn't have come here at this moment, and also every second arc lamp along the peninsular highway was switched off."

So beginnt der Roman. Dann fährt English in eine Verkehrsinsel und muss ein Taxi in die Stadt nehmen. English arbeitet für Ray Sands, der eine kleine Radiostation und eine Privatdetektei betreibt. Er springt als Tontechniker ein, übernimmt aber bald seine erste Detektivaufgabe: Ein Mann glaubt, dass seine Frau fremd geht – mit einer anderen Frau. English verkabelt ihre Wohnungen, hockt in Bäumen hört den beiden Frauen zu. Er betritt eine für ihn fremde Welt.

Eine Kapsel Ekel

Und wahrscheinlich ist für English jede Welt fremd, weil er nie versucht, sie für sich zu erschließen. Weil ihm alles immer nur passiert. Leanna, die Frau, mit der die Ehefrau ihren Mann betrügt, passiert ihm. Dass er immer tiefer in den Fall hineinrutscht, den Sands ihm übertragen hat, passiert ihm. Und irgendwann findet er kaum mehr hinaus aus den Verwicklungen zwischen einem verschwundenen Künstler, versoffenen, kauzigen Exkollegen, Vietnamverfechtern, dem Tod seines Arbeitgebers und seinen Recherchen zu einer Neonazi-Verschwörung rund um seinen verstorbenen Chef und den katholischen Priester. Denn irgendwann hat er sich eben doch ein bisschen eingemischt.

Dann glaubt er, die Stimme Gottes zu hören.

Hier kippt der Roman des großen amerikanischen Autors, dessen "Train Dreams" mir im Frühjahr nächtelang bis in die Träume gefolgt sind. Lenny English, den ich keine Minute lang mochte, der durch nichts sympathisch wurde, wird hier albern. Denis Johnsons grandiose Erzählsprache, ihr Rhythmus und die Genauigkeit, mit der er den Kauz und alle anderen Figuren zuvor sprechen ließ, verstummt hier irgendwie. Sie wird übertönt von der Absurdität. Der Roman beginnt zu wuchern, und das ist schade.

Seine Wirkung hat er dennoch, und als der Wind den nassen Sand gegen die Fenster hebt, wird Lenny English, diese Kapsel Ekel, die jedes Mitgefühl unterdrückt, fast  spürbar.

Denis Johnson: Resuscitation of a Hanged Man. Picador 1991. 256 Seiten. 

Wiederbelebung eines Gehängten. Suhrkamp 1994.