text - Martina Bachler
Game of Drones
Österreich hat gerade 18 sogenannte Späh-Drohnen bestellt. Damit kann das Bundesheer in Zukunft in Katastrophengebieten sogenannte Aufklärungsarbeit leisten. Im Prinzip können Drohnen, diese ferngesteuerten Miniflugzeuge, aber deutlich mehr. Und das ist eigentlich beklemmend.
Scott Breton zum Beispiel. In der Früh steht er auf, fährt zu seiner Firma in einem Vorort von Syracuse, New York, und setzt sich an seinen Arbeitsplatz. Dutzende Monitore hat er dann im Blick, er beobachtet Bilder aus weit entfernten Erdteilen, oder wie er sagt: „Ich sehe Mütter mit Kindern, Väter mit Kindern, Väter mit Müttern, Kinder, die Fußball spielen.“ Er sieht das alles, schätzt ein, und manchmal drückt er einen Knopf. Dann fährt er nach Hause, zu Frau und Kind, und am nächsten Tag beginnt alles von vorne.
Oder aber Brandon Bryant. Fünf Jahre fuhr er täglich in einen Container nach New Mexico und verfolgte das Geschehen in Afghanistan auf insgesamt 14 Bildschirmen, so lange, bis er nicht mehr konnte.

Wenn man heute eine Geschichte über Kriege liest, dann kommt man an Typen wie diesen beiden nicht vorbei. Bretons Geschichte etwa steht in der New York Times, Bryants Weg vom Drohnen-Piloten zum Burnout-Patienten hat der Spiegel-Redakteurin Nicola Abé gerade beinahe den wichtigsten deutschen Journalistenpreis gebracht.
Und es stimmt ja auch: Die Existenz von Typen wie Breton und Bryant ist faszinierend – und schockierend zugleich. Da sitzen die Piloten von heute nicht mehr in Kampfjets, die zumindest theoretisch noch abstürzen oder abgeschossen werden können, sondern sie hängen irgendwo in den USA vor Bildschirmen rum. Sie machen das, was Millionen von Computerspiel-Kids auch tun, nur ist ihr World of Warcraft real.
Und für die Gegner nicht nur im Pixeluniversum letal.
Virtueller Krieg, reale Probleme
Man muss gar nicht unbedingt Pazifist sein, dass einen diese Art der Kriegsführung, vorsichtig gesagt, irritiert. Nicht, weil eine solche Situation das Töten vielleicht einfacher und wahrscheinlicher macht – die Drohnenpiloten kämpfen mit massiver psychischer Belastung, sie haben ihre Opfer ja über Tage beobachtet, sie kennen ihre Namen, ihre Frauen, ihre Kinder. Sondern, weil diese Art der Kriegsführung etwas irgendwie Obszönes an sich hat, etwas, das man am ehesten vielleicht feige nennen könnte. Und selbst Drohnenpiloten erzählen, dass sie sich den Kampfanzug anziehen, um sich irgendwie in die Kampfsituation zu versetzen. Auch ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kameraden vor Ort ist für Typen wie Breton oder Bryant nichts Ungewöhnliches.

Dabei sind Drohnenpiloten so etwas wie die Helden unserer Zeit.
Einer Zeit, die eigentlich keine Helden mehr kennt, weil die postheroische Gesellschaft sich losgesagt hat von den nimmermüden Kriegern, den Kämpfern für Land, Ideologie oder Religion, den Heroen, die für ihren Einsatz ausgezeichnet werden und nicht für ihre Leistung.
Im Idealfall machen sie nämlich einfach nur ihren Job, und den machen sie gut: Sie schalten Terroristen aus, die sich irgendwo im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan verstecken, sie machen das bewusst und ohne den Stress, selbst abgeschossen zu werden, und können zivile Opfer so besser vermeiden. Sie sind billiger und ziemlich sicher auch effizienter als riesige Trupps, die man stattdessen in diese Gegenden geschickt hätte. Sie bringen weder sich selbst noch andere Soldaten in Gefahr und sie verhindern dadurch, dass es zu Hause heißt: Nicht noch mehr Opfer, nicht noch mehr Soldaten. Und sie machen das still, leise, fast unbemerkt. So wie die Waffen es sind, die sie bedienen.
Afghanistan, 2012: 33 US-Drohnenangriffe – pro Woche.

Aus amerikanischer, wahrscheinlich sogar aus gesamtwirtschaftlicher Sicht mag das alles ziemlich richtig klingen. Die USA halten das seit den Anschlägen vom 11. September 2001 so, mit Drohnen führen sie ihren Kampf gegen den Terror in Pakistan, Afghanistan, Somalia und im Jemen. Die Argumentation: Wenn sich die New Yorker ständig bedroht fühlen müssen, soll es den Menschen in Gebieten, in denen sich mögliche Terroristen verschanzen, auch nicht anders gehen. Wenn sich die Terroristen und Selbstmordattentäter an keine Kriegsregeln halten, dann ist ihnen mit Fairness auch nicht zu begegnen. Im vergangenen Jahr flogen die Amerikaner allein in Afghanistan durchschnittlich 33 Drohnenangriffe die Woche, im Jemen, einem Land, in dem offiziell keine amerikanischen Militärs unterwegs sind, seit Jahresbeginn wöchentlich einen.

Argumente, die offenbar überzeugen: Neben den USA und Israel wollen nun auch die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Nordkorea, Indien, Russland, China und sogar die Europäische bewaffnete Drohnen nicht nur einsetzen, sondern auch entwickeln. Und bis zu einem gewissen Grad ist das wahrscheinlich nachvollziehbar. Dass sich die Leute massenweise und freudenstrahlend in einen Krieg schicken lassen, ist heute eher selten der Fall. Und wenn man sich die Erfahrungen anschaut, die gerade wir in unseren Breiten mit inbrünstig von ihrer Sache überzeugten Helden machten, ist das wahrscheinlich auch besser so.
Aber dennoch: Töten?
Mit einem Joystick?

Um das irritierend zu finden, muss man sich gar nicht der Selbstzerfleischung widmen und die ferngesteuerten Drohnenals Symbol für eine grassierende Verantwortungslosigkeit und Bequemlichkeit hernehmen: Von wegen wir wollen Sicherheit, aber nichts dafür geben; wir wollen möglichst viele Klamotten, aber bloß nicht wissen, wie vieleArbeiter in Bangladesch oder Pakistan dafür sterben; wir wollen Fleisch essen, aber nichts über Schlachtungen hören; die Oma in guter Erinnerung behalten, ihr aber sicher nicht mehrmals am Tag den Arsch abwischen; kurz: Von wegen wir sind die Weicheier, für die uns die Gotteskrieger wahrscheinlich halten.

Um das irritierend zu finden, reicht es, sich die Gegenseite anzuschauen:
Selbstmordattentäter, die bereit sind, ihr Leben zu geben. Eine Gesellschaft, in der es um Stolz, Ehre und Loyalität geht, nicht um Technologie, Opfer- und Kosteneffizienz. „Die Kritiker von Drohnen wünschen sich oft den ästhetischen Genuss von High Noon und gleichzeitig das Wohlbefinden, sich auf der moralisch richtigen Seite zu befinden“, sagt jedoch der deutsche Politologe Herfried Münkler, der sich eingehend mit der Thematik befasst. Nirgends zeigt sich die Perfidie, das Gute zu wollen, aber die Nebeneffekte nicht in Kauf zu nehmen, so stark wie an der Drohne. Schon jetzt gilt sie als die Waffe des 21. Jahrhunderts, eine Waffe, deren Befürworter gerne auf ihre „Humanität“ hinweisen, weil sie weniger zerstörerisch als andere Waffen ist.


Wahrscheinlich stimmt es, dass wir uns an Breton und Bryant als den neuen Inbegriff des Kriegers erst gewöhnen müssen. Mit dem edlen Ritter und tapferen Kämpfer, der genauso wie sein Opfer im Krieg sein Leben riskiert, haben sie nichts mehr zu tun, auch wenn sie es sind, die schlussendlich den Knopf drücken.
Der Einsatz von Drohnen hat aber noch andere Schönheitsfehler: Etwa, dass der angebliche bessere Schutz der Zivilisten nur bedingt gegeben ist, weil etwa laut einer Ende 2012 von der Stanford und der New York University veröffentlichten Studie zwischen 2004 und 2012 allein in Pakistan bis zu 3.325 Menschen durch amerikanische Drohneneinsätze starben und davon 881 Menschen Zivilisten waren, und nur zwei Prozent der getöteten Militärs tatsächlich führende Mitglieder von Al-Kaida. Oder dass sich ihnen niemand ergeben oder sie mit gleichen Mitteln abwehren kann. Oder dass es kein definiertes Kriegsgebiet gibt und die Drohnen deshalb überall erwartet werden können, aber nicht unbedingt erwartetwerden müssen.
Ein nie erklärter Krieg.
Oder dass dieser moderne Krieg, wie ihn die USA führen, gar keiner ist, weil sie keinem der betroffenen Staaten je den Krieg erklärt haben. Das Völkerrecht und die Genfer Konventionen kommen hier also gar nicht zur Anwendung. „All die ethischen Einwände greifen in einem solchen Zusammenhang nicht“, sagt Münkler. Stattdessen werden von der CIA und der Regierung sogenannte„ to-kill“-Listen erstellt, auf denen sich Namen möglicher oder tatsächlicher Terroristen finden, die auf Befehl getötet werden sollen. Ohne dass sie angeklagt würden, ohne dass ihnen ein rechtsstaatlicher Prozess gemacht würde. Seit 2013 muss die CIA übrigens nicht einmal mehr exakte Namen ihrer Ziele wissen – es reicht, wenn sie als Personen verdächtigt werden, „an Komplotten gegen die Sicherheit der USA“ beteiligt zu sein.
Und das ist, gelinde gesagt, irritierend.
Und wirklich irritierend wird es, wenn man sich fragt, was passiert, wenn all die Staaten, basierend auf wackeligem rechtlichem Terrain, ihre Drohnen rund um die Welt schicken. Oder wenn es wirklich gelingt, dass Drohnen bald ganz auf den Menschen verzichten können und zu Killerrobotern werden.
Aber darüber wollen wir jetzt lieber noch nicht nachdenken.
Erschienen im Frühjahr 2013
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