Text - markus huber
Illustrationen – marlies plank 

 

Wenn es am Ende beginnt, Sinn zu machen
Zumindest ein bisschen. Man kann die Zukunft nicht vorhersagen, wer das Gegenteil behauptet, glaubt an Voodoo. Oder an die allumfassende Macht der Daten. So wie wir (zumindest auf den ersten zehn Seiten in Fleisch #36).
Und was, wenn alles im Leben Widerholung ist? Es muss jetzt gar nicht so sein wie für Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“, wir müssen nicht immer wieder den 2. Februar in Punxsustawney erleben, um sechs Uhr morgens aufwachen und dann darüber berichten, wie irgendwelche Wahnsinnigen eine zu groß geratene Ratte aus dem Baumhaus ziehen, nur um daraus ableiten zu können, wie lange es noch Schnee geben wird.

Wir müssen nicht innenpolitische Journalisten werden und die Pressekonferenzen nach der Ministerratssitzung covern, wir müssen nicht Gabalier-Fans werden und seine Facebook-Page liken, wir müssen noch nicht mal Red Bull Salzburg-Fans werden und hoffen, dass unser Verein in die Champions League kommt.
Es reicht, wenn die Wiederholung in einem größeren Zeitraum passiert, in – sagen wir – 10 Jahren. Oder 100. Oder 500. Wäre das nicht spooky?

Aber mal ehrlich: Wäre das nicht schon auch ein wenig geil?

Permanent würden wir dann nach Referenzen suchen, wir würden Archive durchforsten, weil wir wissen wollen würden, wie es nun weitergeht mit uns und der Welt und vielleicht auch den anderen, und ansonsten würden wir aber gar nicht mehr so viel tun, weil: Warum sollten wir auch? Ist ja eh alles vorbestimmt, und ob wir jetzt aufstehen und reinhackeln oder einfach weiterschlafen, würde daran nichts ändern, weil am Ende wartet Andie MacDowell. Im besten Fall.

Unbestreitbar hat das Vorteile: Ein Leben, in dem die Geschichte eine einzige Wiederholung ist, ist nicht unbedingt anstrengend. Man muss nicht wahnsin-nig viel nachdenken und hat deswegen gut Zeit für die wesentlichen Dinge, für Andie MacDowell zum Beispiel. (Oder im Fall von Red Bull: sich einen richtigen Fußballklub suchen, zu dem man hält, Anm.) Man kann auch sehr viel Geld sparen, als Privatperson für Schlauschwein- chenseminare und Ratgeberbücher und Weiterbildungen (weil wozu?), als Unternehmen für Umfragen und Forschung und Ähnliches, weil auch: Wozu?

Wenn alles eine Wiederholung ist, dann kommt die Zukunft nämlich nicht nur sowieso und auch nicht einfach nur, wie sie kommt – sondern in einem festgelegten Zyklus, als immer wiederkehrende Reprise.

Zugegeben, diese These ist geschichtswissenschaftlich nicht ganz unumstritten.

Wenn man vergleicht, wer heute noch sagt, dass „Geschichte Wiederholung ist“ und wer dagegen argumentiert, dann ist recht schnell klar, mit wem man lieber auf ein Bier gehen würde und wem man eher in die Abteilung Wünschelrutengänger und Voodoozauberer ver- räumt. Und beim ersten Draufblicken macht es ja auch keinen Sinn. Nur weil das Römische Reich untergegangen ist, muss nicht automatisch auch der Einfluss der USA schwinden. Und dass sich der Vielvölkerstaat der Habsburger vor knapp 100 Jahren aufgelöst hat, heißt für die Europäische zunächst einmal gar nichts.

Aber andererseits: Vor fast genau 100 Jahren starb mit Franz Joseph der letzte große Habsburger. Und wackelt in diesen Tagen Angela Merkel, die ja im Prinzip so etwas wie die Schutzpatronin dieses einigen Europas ist, nicht auch gewaltig, also zumindest im politischen Sinn? Und auch in Österreich. So wie vor 100 Jahren wird 2016 auch hierzu- lande mit Heinz Fischer nicht nur ein großer Staatsmann abdanken – sondern vielleicht mit Erwin Pröll (ok, Stand von Dezember 2015) ein frömmelnder Hitzkopf (passt eigentlich auf Andreas Khol eigentlich noch mehr!) sein Nachfolger werden. Und zu allem Überfluss war es auch im Sommer 1915 übernatürlich heiß.
Wenn das mal kein Zeichen ist.

Also wie ist das jetzt: Wiederholt sich die Geschichte nicht doch? Denn vielleicht ist alles nicht so ein- dimensional, vielleicht setzt die Reprise nicht einfach 1:1 ein, wiederholt sich die Geschichte weder, wie es bei Karl Marx hieß, erst als Tragödie noch in ihrer Farce.

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Vielleicht braucht es mehrere Faktoren, die dazu führen, dass sich Ereignisse wiederholen, weil Geschichte vielleicht viel moderner ist, als wir alle glauben. Vielleicht folgt sie nämlich dem heißesten Scheiß, der heute für viel Geld erhältlich ist: einem wirklich ausgefeilten Algorithmus. Und wenn das tatsächlich so wäre, wenn sich Geschichte also entlang einer feinen Linie an differenzierten Einzelentscheidungen zieht, dann müsste man sie eigentlich auch in den Griff kriegen. Wenn man nur tief genug in Big Data eindringt, dann wäre sie wohl auch vorherzusagen, so wie die Anzahl der Verkehrsunfälle beim Linksabbiegen von LKWs auf amerikanischen Bundesstraßen. Wenn Kriminalisten in Zukunft dank Big Data Verbrechen voraussagen können, bevor sie passieren, dann können wir doch auch nachschauen, wer österreichischer Fußballmeister wird. Die statistischen Abweichungen miteingerechnet.

Und wäre das dann nicht eigentlich auch ziemlich spannend? Wobei natürlich eine nicht ganz unwichtige Frage bleibt: Welche Faktoren müssen wir eigentlich miteinander ver- gleichen? Wenn wir zum Beispiel wissen wollen, wer im April zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt wird, welche Fakten aus den Untiefen von Big Data werden uns das verraten? Simple Umfragen („Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Wahlen wären?“) sind es, wie wir nicht erst seit den Wiener Gemeinderatswahlen von Oktober  wissen, ja eher nicht.

Es geht um genaue Analysen, es geht um Verknüpfungen von Daten, die zunächst einmal nur schwer miteinander in Verbindung gebracht werden können, deren Verknüpfung im ersten Moment sogar absurd erscheint, weil sie schier gar nichts miteinander zu tun haben, beim zweiten Hinschauen aber zum richti- gen Ergebnis führt. Wer wird österreichischer Bundespräsident?

Wir wissen es nicht exakt, aber es ist Fakt, dass nur dann ein ÖVP-Politiker gewählt wurde, wenn im Jahr zuvor ein Flugzeug der indonesischen Luftwaffe vom Himmel gefallen ist, gleichzeitig der Eurovisi- on Song Contest von einem skandinavischen Land gewonnen und außerdem ein Mexikaner Boxweltmeister im Superfliegengewicht geworden ist. Kann sein, dass das auf den ersten Blick rein gar nichts mit Erwin Pröll (bzw. Andreas Khol) zu tun hat, wir können aber gar nichts ma- chen – es ist so, der Algorithmus lässt nichts anderes zu.

Und wie wir gelernt haben, hat der Algorithmus immer recht.
Gott, ist das spooky. Aber schon auch ein bisschen geil.

Erschienen im Winter 2015
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