text - Saskia Jungnikl




Ein Stapel aus Holz

Die Autorin Saskia Jungnikl wollte dem Scheitern aus dem Weg gehen. Aber das hat sie nicht weitergebracht.  

Als Kind habe ich das Scheitern gestapelt. Ich bin im Südburgenland aufgewachsen, auf einem Bauernhof, mit einem großen Holzofen in der Küche, auf dem gekocht wurde, der das Haus geheizt und Warmwasser erzeugt hat. Jedes Jahr hat meine Familie einen Teil der Zeit damit zugebracht, Holz zu schneiden und Holz zu stapeln. Meine Mama hat gesägt, mein Vater hat gespalten, mein Bruder hat das Holz in die Scheibtruhe ein- und vor mir wieder ausgeladen und ich habe gestapelt. Stundenlang und Scheit um Scheit. Ich war die Meisterin des Scheiterns.

Weil man versucht, sich langweilige Arbeit spannender zu machen, habe ich mir eingeredet, ich nähme an einem Wettbewerb teil und die am schönsten gestapelte Wand würde gewinnen. Eine Holzwand wie ein Puzzle. Ich drehte und wendete die Scheite, ich probierte und verwarf, ich füllte Lücken und ließ unpassende Scheite passend machen. Scheitern will gelernt sein.

Es ist tatsächlich so, dass Scheitern von Scheit abstammt, aber das lernte ich erst viel später. Dinge zerfallen in Stücke, sie gehen zu Bruch. Ein Holzstück wird in Scheite geteilt, es birst in lauter Teile. Irgendwann ist es dann die berufliche Existenz, die zerfällt, oder Lebensträume, die nie Realität werden. Das wusste ich damals nicht, das Scheitern vollzog sich ausschließlich beim Bauen meiner perfekten Holzwand. Dann wurde ich älter und verstand Scheitern immer mehr als Versagen, denn das ist es, was man lernt.

Also bin ich ihm vorsichtshalber aus dem Weg gegangen.

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Mir egal. Wer sich keine Ziele steckt, der scheitert nicht. Eine Zeit lang sah ich das Scheitern vorwiegend in der Buchhandlung, eine ganze Generation an Schriftstellern scheint sich darauf zu konzentrieren, einem das Scheitern mit wohlklingenden Titeln schmackhaft machen zu wollen: „Die Schönheit des Scheiterns“, „Vom Glück des Scheiterns“, „Scheitern als Chance“, „Scheitern, scheitern, besser scheitern“. Doch tatsächlich ist es so, dass wir vielleicht unseren Freunden und Kollegen beteuern, ihr Scheitern würde nichts ausmachen, aber selbst wollen wir es nicht, denn natürlich ist Scheitern scheiße.

Sich ein Ziel zu setzen und es zu verfehlen ist unangenehm, eine Firma zu gründen und in den Sand zu setzen ist schmerzhaft, eine Liebe auf Lebenszeit anzupeilen und nach zwei Jahren zu begraben fühlt sich elend an.

Dem Scheitern aus dem Weg zu gehen klappte eine Zeit lang gut. Nur dahinleben, das kann ich, aber man bleibt antriebslos und es wird langweilig. Wer sich keine Ziele steckt, der probiert auch nichts aus. Der triumphiert nie. Der schafft sich nie Anker, die einen auf ewig daran erinnern werden, wie stark man sein kann, wenn man muss, denn der sitzt nie alleine im Dunkeln auf einer Kiste, blickt über eine erleuchtete Stadt, trinkt lauwarmes Bier aus der Dose, raucht dazu eine Zigarette und weiß nicht, wie alles weitergehen soll, um dann Monate später zu verstehen: Es ist weitergegangen, und wie!

Es ist so, wie es gemeinhin heißt: Das Scheitern ist nicht die Schwierigkeit, unser Umgang damit ist es. Wer scheitert und sich davon erholt, ist stärker, wer Misserfolge schneller abschüttelt, denkt kreativer. Wer seine Freunde um Hilfe bittet, wird sehen, dass zwar eine Sache schiefgegangen ist, ich als Mensch aber nicht schiefliege. Wir scheitern alle, und wir können darin verharren, uns davon beschämt fühlen, oder wir bemitleiden uns, schütteln es ab und nehmen etwas daraus mit. Im schlimmsten Fall ist das nur eine Erinnerung. Im besten Fall ein Leben, das wir sonst so nicht hätten. Und so stapelt man sein Scheitern aufeinander, nebeneinander und es entsteht eine Wand. Mit Brüchen und vielfältig und schön.

Heute staple ich mein eigenes Scheitern. Manchmal größer, manchmal kleiner, es passt zueinander und manchmal tut es das nicht. Was entsteht, ist meine perfekte Wand. Mein Leben.

Diese Geschichte steht in Fleisch Nr. 46, jetzt im Zeitschriftenhandel erhältlich oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Erschienen im Winter 2017
Share