text - Emily Erhold



Einer muss der Letzte sein

Die Geschichte des Skifahrers Gerd Fuetscher, der vielleicht einfach nicht zum Skifahren gemacht war.  

Es ist leise. Sehr leise. Das Maximum an Stille, das in diesem Zimmer möglich ist. Es ist kurz vor elf, der Mond scheint auf die schneebedeckten Berge und Gerd Fuetscher sitzt allein auf dem Bett. Sein Blick wandert zum Bullaugenfenster und wieder zurück zu seinen Händen. Unter den Nägeln des 16-Jährigen klebt Wachs. Er liebt diese Stille. Seit Monaten sucht er sie, aber er fürchtet sie auch. Denn umso deutlicher ist da dieses Kribbeln, dieses flaue Gefühl im Magen. Und umso drängender kommen ihm die Gedanken, die nach einer Erklärung für all das suchen, aber keine finden. Die Tür geht auf, Licht fällt in den Raum, seine Kollegen sind zurück. Gerd geht in den Keller, um seine Ski für den nächsten Tag herzurichten.

Seit über einem Jahr ist Gerd dort, wo viele österreichische Jugendliche hinwollen: im Skigymnasium Stams. Er hat die Aufnahmeprüfung bestanden, ist Mitglied im ÖSV-Jugendkader, auf Probe, aber immerhin. Beides sind wesentliche Schritte auf dem Weg zum Profi-Skifahrer. Wer es bis Stams schafft, kann ganz nach oben kommen. In den oberen Stockwerken des Internats, bei den älteren Jahrgängen, wohnen zu diesem Zeitpunkt Benni Raich, Rainer Schönfelder und Mario Matt. Es sind die späten Neunziger, alle drei werden Superstars. Einige andere werden hin und wieder kleine und größere Erfolge erzielen. Bei vielen der Schüler aber wird es sein wie bei Gerd: Es wird einfach nicht reichen. Andere werden je nach Sport schneller sein, weiter springen, besser treffen. Immer und immer wieder. Und irgendwann wird der Tag kommen, an dem sich jeder von ihnen fragt: Hab ich noch eine Chance, ganz nach oben zu kommen?

Am ersten Tag in Stams, im Sepetmber 1995, ist das Scheitern eine Möglichkeit, die es theoretisch auch für Gerd gibt, die aber unvorstellbar ist. Es überwiegt die Freude, die Aufregung. Gerd hat so vieles schon erreicht und sein Vater, der ihn begleitet und selbst auch Rennläufer werden wollte, so viel getan dafür. Als LKW-Fahrer fuhr er dorthin, wo sonst niemand hinfuhr, er machte Extraschicht um Extraschicht. Neben Technik, Material und Zeit ist eine Karriere im Skisport am Beginn auch ein bisschen eine Frage des Geldes.

Gerd und sein Vater gehen den langen Gang im ersten Stock entlang, wo die Jüngeren untergebracht sind. Gerd öffnet die Tür zu dem Zimmer, in dem er ab jetzt gemeinsam mit drei anderen wohnen soll. Was er sich hell und bunt und gemeinschaftlich vorgestellt hatte, wirkt erstaunlich kahl und grau. Aber immerhin ist er jetzt da. Als Gerd zum ersten Mal ein Skirennen gewinnt, ist er drei. Der Golm im Montafon ist sein Hausberg, hinter seinen Eltern macht er die ersten Bogen, bald fährt er ihnen schnurgerade und immer in der Hocke davon. Mit fünf kommt er zum Skiverein Tschagguns. Im Winter wird zweimal die Woche trainiert, im Sommer spielen die Ski-Kinder gemeinsam Räuber und Gendarm. Gerd zählt immer zu den Besten. Mit zehn wohnt er unter der Woche bei seiner Großmutter, um die Skihauptschule Schruns zu besuchen Weiterhin läuft es super.

Die Fabrik spuckt ihre Stars aus

Dann will er ans Skigymnasium in Stams. Die Aufnahms­prüfung schafft er knapp, weil der Cooper-Test – 12 Minuten durchlaufen – eine Qual für ihn ist. Er hasst es, zu laufen. Wer in Österreich ein erfolgreicher Skifahrer werden will, weiß aber von Anfang an, wie er es anlegen muss: Er braucht das richtige Training, das richtige Umfeld, die richtige Einstellung und Talent. Die Infrastruktur dafür ist aufgebaut. Die Fabrik, die immer wieder Superstars ausspuckt, funktioniert nach einem klaren Plan. Ist man erst einmal drin, ist ziemlich eindeutig, wie es Schritt für Schritt weitergeht. Auch die Regeln sind klar: Wer gewinnt, kommt weiter. Wer nicht gewinnt, fällt irgendwann raus. Nicht weiter überraschend. Als Kind akzeptiert man das. Es ist, wie es ist. Es braucht, was es braucht.

Wenn Gerd heute, nachdem seine Skifahrerkarriere ein plötzliches Ende genommen hat, darüber spricht, ist da kein Groll, kein Ärger über eine vielleicht vergebene Jugend. Er erzählt vor allem von einzelnen Momenten. Von kleinen Szenen, von Jubel und Ärger, Siegen und Niederlagen und den Situationen, die irgendwo dazwischen lagen. Wie er gedankenverloren hinter seinen Eltern eine Piste hinunterkurvt, so ganz ohne irgendwelche Ambitionen, ist zum Beispiel so eine Szene.

Oder dieses unglaubliche Gefühl, als er in seiner ersten Kinderrennserie mit sechs die Tschaggunser Vereinsmeisterschaften gewinnt und ganz oben steht auf dem Podest. Der Moment, als er zum achten Geburtstag ein weiß-blaues BMX von Puch geschenkt bekommt, 14 Kilo schwer, Ballonreifen, viel zu groß für Gerd, aber ein Heidenspaß abseits der Piste. Der erste Besuch bei seinem großen Idol Anita Wachter und wie er ihr als echter Fan einen alten Rennanzug abkauft. Der Stolz, als er seine ersten Rennski bekommt, Kästle Klassik, wie die von Anita Wachter. Oder die Sekunde, in der ihm klar wird, dass er die Bindung nicht richtig eingestellt hat, dass es sein ganz eigener Fehler ist, der ihn stürzen lässt, kopfüber die Piste runterschlittern lässt, sodass er dann beide Ski suchen muss mit einer vom Tränendampf komplett beschlagenen Brille. Vor den Clubkollegen, den Konkurrenten, den Trainern, dem Vater. Bei diesem Sturz ist er zehn.

Dieses Kribbeln, diese andauernde Übelkeit

Als Gerd mit 16 in Stams auf seinem Bett sitzt, aus dem Fenster schaut und nachdenkt, woher dieses Kribbeln kommt, diese andauernde Übelkeit, taucht auch dieser Sturz immer wieder in seiner Erinnerung auf. Seit Monaten läuft es nicht besonders für ihn. Er ist körperlich fit, daran liegt es nicht. Er weiß, dass er genügend Kraft zum Gewinnen hat. Aber er hat schon lange nicht mehr gewonnen, und er sucht nach Hinweisen, warum das so ist. Eine Sinnkrise? Die Pubertät? Kann er auf einmal nicht mehr verlieren? Will er vielleicht gar nicht wirklich gewinnen?

Hin und wieder landet er in seinen Überlegungen bei diesem einen Sturz. Er erinnert sich, wie unerträglich es für ihn war, die Erwartungen an ihn enttäuscht zu haben. Manchmal, in diesen stillen Nachdenkmomenten, glaubt er sogar, sich erinnern zu können, dass er die Bindung absichtlich falsch eingestellt hat. Dass er stürzen wollte, dass es irgendwie vorbei sein sollte und er ganz bewusst versagen wollte.

Versagen ist ein Wort, das im Leistungssport, wie jeder ihn aus dem Fernsehen kennt, nicht vorkommt. Verlieren, klar, das Verlieren gehört zum Sport dazu, es ist der logische Gegenpol zum Gewinnen, beides bedingt einander. Auch der Leistungsdruck gehört dazu, das Funktionieren auf Knopfdruck und der Ansporn, immer besser zu werden oder zumindest besser als die anderen. Schneller, höher, weiter. Aber zu versagen bedeutet eine Grenzüberschreitung: Diese Enttäuschung ist dauerhaft. Wer versagt, ist am Ende.
Mit zehn hat Gerd nicht versagt.

Kurz nach dem Sturz geht er auf die Skihauptschule. Es ist ein komplett durchgeplantes Leben, weg von seinen Eltern: Vormittags Unterricht, Mittagessen, von 14 bis 17 Uhr Training und am Abend noch Lernstunde. Das Training ist hart, aber das ist Gerd schon gewohnt. Sein Tag beginnt erst am Abend. Während seine Mitschüler im Internat schlafen, geht er einmal über die Straße zu seiner Großmutter. Brettljause, Kniffeln, Fernsehen. Jeden Abend gleich. Heute sagt Gerd, das habe ihm Halt gegeben. Mit 16, auf dem Bett in Stams, kommt ihm aber auch der Gedanke, dass die Geborgenheit bei seiner Großmutter den Nebeneffekt hatte, alles Negative zu überdecken. Vielleicht hätte er schon viel früher sehen können, dass er es nicht schaffen wird. Dass er die Erwartungen, die an ihn gestellt werden und die er auch selbst an sich stellt, nicht erfüllen wird. Selbst im Einzelsport ist man ja nie nur sich selbst gegenüber verantwortlich: Es gibt ein Team an Betreuern, es gibt die Eltern und Großeltern und Geschwister, die für Unterstützung sorgen und Entbehrungen auf sich nehmen, damit jemand, der über Talent verfügt, sich entfalten kann.

Freundschaften gibt es hier nicht

In Stams ist das von Beginn an anders. Hier gibt es keine Geborgenheit. In dem raumschiffartigen Gebäude mit den Bullaugenfenstern und braunen Teppichböden, mit den Stockbetten und Gruppenzimmern gibt es Wettbewerb, Druck und Hierarchien. Hier werden Skifahrer, Langläufer, Biathleten und Skispringer ausgebildet. Ein Tag gleicht dem anderen. Zwischen Schule und Training bleibt nicht viel Zeit. Gerd fühlt sich nicht wohl, zieht sich schnell zurück. Wenn sich Mitschüler davonstehlen, um fortzugehen, bleibt Gerd im Zimmer und lernt, weil er auch ein guter Schüler sein will. Wenn einer seiner Zimmergenossen wie so oft Streit sucht, wiegelt er das ab, weil er einfach seine Ruhe haben will. Nur einmal verlässt Gerd die Geduld. Als der andere ihn mal wieder in den Schwitzkasten nimmt, drückt Gerd ihn so lange an die Wand, bis er loslässt. Selbst im Zimmer der Jungen macht der Wettbewerb keine Pause. In der Schule, im Training und im Rennen regiert er sowieso.

Freundschaften gibt es hier nicht, zumindest nicht für Gerd. Von Anfang an zählt er zu den Schlechteren. In Stams heißt das: Er muss sich noch mehr anstrengen und hat immer schlechtere Bedingungen. Die Schlechteren bekommen die schlechteren Startnummern, sie fahren ihre Rennen fast aus Prinzip auf schon kaputten Pisten. Die Schlechteren bekommen auch die schlechteren Ski, weil die Sponsoren auf die Besseren setzen. Und die Schlechteren bekommen auch den späteren Termin, um ihre Ski im Keller herzurichten. Als seine Zimmerkollegen schon schlafen, fängt Gerd mit dem Präparieren seiner Ski an. Er blickt auf die Uhr. Wird immer nervöser. Wie soll er morgen alles geben, wenn er wieder nicht genug Schlaf bekommt? Wie soll er zeigen, dass er es drauf hat, gerade jetzt, wo er im Skikader schon auf Probe steht? Wie soll er den Druck zur Seite schieben, die ganzen Zweifel, die Unsicherheit, ob er überhaupt je hierher gehörte? Und wieso hört dieses Kribbeln nicht auf, diese Übelkeit?

Am nächsten Tag tragen die Skifahrer ihre Sachen vom Skikeller zum Bus, vom Bus zum Zug. Alles wiederholt sich. Gerd macht mit, wie er seit Jahren mitmacht. Bei der Rückfahrt merkt er, dass er gedanklich wieder abgleitet. Irgendwie passt sein Skianzug nicht. Zu klein, zu groß, einfach falsch, es wird ihm nicht ganz klar. Die Gespräche seiner Mitschüler sind wie leise gestellt. Er gehört hier nicht dazu. Das wird ihm auf einmal klar. Bei der Vorstellung, noch einmal als Letzter, mit der höchsten Startnummer eine pampige Abfahrt hinunterfahren zu müssen, wird ihm schlecht. Aber er macht weiter, so läuft das eben bei Menschen wie Gerd: Sie kämpfen weiter.

Das Ende kommt abrupt

Kurz darauf teilt sein Trainer Gerd vor den Kollegen mit, dass er nicht mehr im Kader ist und somit auch nicht mehr im Skigymnasium bleiben kann. Die mitleidigen Blicke ignoriert Gerd. Er spürt keine Erleichterung. Das Kribbeln und die Übelkeit verschwinden, das schon. Dafür ist jetzt aber die Angst da. Gerd denkt daran, wie viele Leute er enttäuscht hat: Er denkt an seine Eltern, die so viel dafür getan haben, damit er hier sein kann. Er denkt an seinen Großvater, der für das Gymnasium gezahlt hat, damit Gerd sich um nichts Finanzielles kümmern muss. Er denkt auch an Anita Wachter. Als er zum letzten Mal sein Zimmer in Stams betritt und weiß, dass er nie wieder erst um halb elf in den miefigen Skikeller muss, setzt die Erleichterung ein. Ohne sich zu verabschieden geht er noch einmal durch das Gebäude. Sein Vater holt ihn ab. Am liebsten würde Gerd sich entschuldigen, darüber reden, wieso es nicht gereicht hat. Aber das macht jetzt keinen Sinn mehr. Das Ende kam für niemanden ganz überraschend.

Heute sagt Gerd, dass es gut war, dass seine Ski-Karriere so abrupt aufhörte. Er hätte sich weiter ins Training verbissen, hätte sich weiter zurückgezogen, hätte dem Druck immer mehr nachgegeben. Von selbst aufgegeben hätte er nicht. Er wechselt ans Sportgymnasium Dornbirn. Er freundet sich mit Peter an, den er schon lange kennt, aber als Konkurrenten: Als Gerd sein erstes Skiclubrennen gewann, stand neben ihm auf dem Podest Peter, der Zweiter wurde. Er wurde nicht in die Skilaufbahn geworfen. Mit Gerd holt das Team ihrer Klasse bei den Schulskiweltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen noch einmal den zweiten Platz. Danach wird Gerd zwölf Jahre keine Ski mehr anrühren. Er wird BMX fahren, auch professionell, weil ihm das anders als das Skifahren immer unfassbar leichtgefallen ist. Auch unter Leistungsdruck, auch mit dem Anspruch, zu gewinnen. Mit 21 hört er aber auch damit auf. Man kann damit in Österreich kein Geld verdienen.

Ein paar Jahre später entdeckt er das sogenannte Tabata-Training, eine Art Ganzkörpertraining für sich. Und das früher so verhasste Laufen. Er zieht nach Wien und gründet sein eigenes Unternehmen, „X-Sanity – Verkörpere dein Ziel“, beginnt bei Marathons teilzunehmen und macht bei Spartan Races mit. Bei jedem Bewerb geht er an sein Limit. Das hat er beim Skitraining gelernt. Jetzt nützt er es – für den Sport, der wirklich sein Sport ist.

Diese Geschichte steht in Fleisch Nr. 46, jetzt im Zeitschriftenhandel erhältlich oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Erschienen im Winter 2017
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