text - Christoph Wagner
Fotos – heinz tesarek



Ein fucking Zeichen

Daniel Nageler war jemand im österreichischen Eishockey. Im Nationalteam, bei den Vienna Capitals, beim VSV. Jetzt ist er 31 und spielt in Dunaujvaros, irgendwo in Ungarn, fünfeinhalb Stunden weit weg von zu Hause. Viele sagen, das ist nichts, der Nage, der hätte einfach aufhören sollen. Aber so einfach ist das nicht.  

Daniel Nageler ist auf der Suche nach Muskatnuss. Er steht in einem Aldi unweit vom Trainingszentrum seines neuen Teams Dunaujvaros Acelbikak und schildert einer Verkäuferin die Zubereitung von Erdäpfelpüree. Potato! Milk! Butter! Die Frau versteht kein Wort. Sie versteht kein Englisch und auch kein Deutsch. Auf Ungarisch würde es gehen, aber das kann Daniel Nageler nicht. Er könnte jetzt nur sagen: Ein Brot, bitte. Das hat er irgendwann mal aufgeschnappt, in den vergangenen paar Monaten Dunaujvaros. Aber immer nur Brot kaufen, das geht auch nicht.

Seine Frau Pia hat derweil das eine Auge auf den Kinderwagen mit Tochter Cataleya, das andere am Smartphone. Der Google-Übersetzer, im Ausland oft großer Freund, hier öfter kleiner Feind, weil er bei Sprachen, die so kompliziert sind wie Ungarisch, mit diesen vielen „Ös“ und „Üs“ und dem „dzs“, einfach nicht zurechtkommt. Für Muskatnuss schlägt er „szerecsendió“ vor. Das könnte sogar stimmen, trotzdem kann die kleine Verkäuferin im dunkelblauen Polo nicht helfen. Oder sie will nicht. So wie die Mitarbeiter bei Interspar, bei Lidl oder Real. Die Nagelers werden heute keine Muskatnuss bekommen. Was schlecht ist für das Erdäpfelpüree.

Vor ein paar Monaten, im Sommer 2017, war die Eishockeykarriere von Daniel Nageler eigentlich so gut wie vorbei. Beim Villacher SV nach fünf Jahren aussortiert, vom gemeinsamen Training ausgeschlossen, lief er jeden Tag alleine die Gail entlang, den Schotterweg runter zu einem Grünstreifen. Liegestützen, Cross-Overs, Burpees, also aus dem Stand in die Liegestützposition, runter, beim Raufdrücken hochspringen, wieder runter, noch einmal, immer weiter. Irgendwie fit bleiben, vielleicht ergibt sich ja noch was. Aber lange sah es nicht danach aus. Weil sein ehemaliger Manager nicht in die Gänge kam und weil den Nage, wie ihn seine Kärntner Fans nennen, scheinbar keiner mehr wollte.

Zumindest in der Erste Bank Eishockey Liga (EBEL) nicht. Irgendwann kam sogar das Gerücht auf, er könnte wieder zu seinem früheren Stammverein ESC Steindorf wechseln, aber das wäre ungefähr so, als würde der Zeit-im-Bild-Moderator Tarek Leitner Zeltfeste in Linz-Umgebung moderieren, kurz nachdem ihn der ORF abgesägt hat. Steindorf, das ist Kärntner Liga, das Ausgedinge für alle, die gern Hockey spielen und darin mal ganz gut waren, aber irgendwie nicht ganz wahrhaben wollen, dass es für ganz oben nicht mehr reicht.

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504 Spiele hat Nageler in der EBEL gemacht. Eben für den VSV und davor für die Vienna Capitals. Dabei hat er 52 Tore geschossen und 78 aufgelegt, was kein überragender Wert ist, vor allem weil es immer weniger wurden. Aber Nageler hat vorrangig andere Qualitäten. Er gilt als echtes Kampfschwein, als wilder Hund, als einer, der sich immer reinhaut, zu hundert Prozent. Er ist ein Spieler, der für die Mannschaft arbeitet, schnell ist, mit guter Übersicht und Routine. Das macht ihn, sagen seine Trainer hier in Ungarn, vor allem in der Defensive so stark.

Die Zeit in diesem Sommer spielte gegen Nageler. Ende Juli stand er immer noch ohne Verein da. Aber vor ein paar Wochen, bei einem Inlinehockey-Turnier in Kärnten, schien sich zumindest etwas ergeben zu haben, eine kleine Hoffnung. Als nämlich dort einer vom Inlinehockey-Nationalteam erfuhr, dass er immer noch keinen Vertrag hat, sagte der: „Ich check dir was.“

Dunau-was, Dunau-wie, Dunau-wo?


Ein paar Tage später fuhren sie von Villach aus sieben Stunden lang irgendwohin in den Osten Tschechiens, in eine Eishalle zu einem deutsch-tschechischen Trainer, der während der Saison eben bei Dunaujvaros unter Vertrag stand. Nageler spielte vor und bekam kurze Zeit später in Ungarn die Chance auf ein Try-Out. Aber Dunau-was, Dunau-wie, Dunau-wo? Gerade erst hatte sich Nageler mit seiner Frau eine Eigentumswohnung in Villach gekauft, im Erdgeschoß eines schönen Hauses, mit kleinem Garten dabei, auch das mit dem Kindergartenplatz für ihre eineinhalbjährige Tochter hatte endlich geklappt. Die junge Familie war glücklich in Villach und als sie das erste Mal Dunaujvaros googelten, sich Bilder der 48.000-Einwohnerstadt im Internet ansahen, wussten sie, dass das schwierig werden würde. Oder wie sie sagen: eine Herausforderung. Häuser in Abgasgrau, alle ziemlich ähnlich, Ost-Platte halt. So wie Städte nun mal aussehen, die im Kommunismus aus dem Boden gestampft wurden. Praktisch, aber einfach überhaupt nicht hübsch. Nur debile Touristen würden das hier besichtigen wollen, sagte einmal ein ungarischer Historiker über Dunaujvaros. Und das kann man auch genau so sehen.

Es sprach also viel dagegen, nach Dunaujvaros zu fahren, vorzuspielen für eine Liga, die als deutlich schwächer gilt als die EBEL, in der man verdammt wenig Geld verdient, gerade so viel, um überleben zu können, einem wenige Leute zuschauen und dann auch noch fünfeinhalb Stunden von zu Hause entfernt ist. Mit einer kleinen Tochter, einer Frau, die bei dem Gedanken, einmal ins Ausland zu gehen, sicher an viele Länder dachte, aber wahrscheinlich nicht an Ungarn. Einem rechten Daumen, der noch vor nicht allzu langer Zeit fünf Nägel zur Stabilisierung brauchte, damit er nicht einfach an der Hand runterhängt. Und das im Alter von 31. Einem Zeitpunkt in einer Karriere, zu dem man als Profisportler beginnen sollte, darüber nachzudenken, was später einmal sein wird. Vor allem dann, wenn dieser Sport Eishockey ist. Ein Sport, der in Österreich irgendwo zwischen gar nicht davon (Volleyball) und gut davon (Fußball) leben liegt, weit weg von ausgesorgt oder sicherer Zukunft. Und trotz allem: Als der Anruf kam, dass die Eishalle trotz über 30 Grad bespielbar ist, borgte sich Nageler den weißen Fabia seines Vaters und fuhr los.

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Fünf Monate später steht Daniel Nageler in seiner kleinen 50-Quadratmeter-Wohnung in Dunaujvaros und knöpft sein weißes Hemd zu. Am Matchtag, sagt er, taucht man ein bisschen schicker in der Halle auf, das gehört dazu. Die Wohnung ist komplett mit weißem Fliesenboden ausgelegt, es gibt glänzende Fronten in der Küche und an der Wohnwand, auch die Kunstledercouch ist weiß. Nageler bekommt sie während der Saison kostenlos vom Verein gestellt. Davor, erzählt er, lebten zwei Spieler gemeinsam hier, beide waren noch da, als Nageler im Sommer zu spielen begann und anfangs in einem abgeranzten Hotel wohnen musste. Mit kleinen Zimmern und schimmliger Sauna.

Dann wurde aber zuerst der eine, dann der andere rausgeschmissen, was aber gar nicht so unüblich ist im Eishockey. Und so bekamen schließlich die Nagelers die Wohnung an der Hauptstraße. Sie war bereits fix, fertig eingerichtet, als sie einzogen. Ein ganz eigener Style, sagt er, aber es passt schon, er und seine Familie fühlen sich mit Ausnahme vom Bett, in dem man jede Feder spürt, trotzdem wohl. Es ist kurz nach halb vier Uhr nachmittags an einem Sam- stag, die ganze Familie sitzt um den Küchentisch und aus der rechten hinteren Ecke im Wohnzimmer summt Kronehit über eine Internetradio-App. Kronehit vor allem deswegen, weil seine Frau, eine Wienerin, einfach keine Lust mehr auf Radio Kärnten hat.

Daniel Nageler ist gut drauf und er hat auch allen Grund dazu. Zehn Spiele in Folge haben er und sein Team zuletzt gewonnen, in der Tabelle sind sie Dritter, was nicht übel ist im Vergleich zum Vorjahr. Und er ist Leistungsträger, spielt fix in der ersten Linie, aber nicht mehr wie in Villach am Flügel, sondern als Center.

Er soll also Tore schießen, Bullys gewinnen, Verteidiger auf sich ziehen und den Torleuten die Sicht nehmen und so entscheidend stören, dass die Flügelleute oder Verteidiger leichter treffen können. Er ist hier, das sehen sogar Menschen, die wenig Ahnung von Eishockey haben, einfach das bisschen besser als die meisten anderen. Und das tut ihm gut. Als Spieler sowieso, aber auch als Mensch, sagt seine Frau. So etwas zu spüren wie Wertschätzung, das gab es im Berufsleben von Daniel Nageler in letzter Zeit nämlich nicht so oft.

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In Villach wurde er zuletzt von der ersten in die dritte und vierte Linie verfrachtet, bekam immer weniger Eiszeit. Die Leute sagten am Ende, wenn der Nage alleine auf das Tor zuläuft, weißt du schon, dass der daneben geht. Natürlich bekommt man das mit, sagt Nageler, du bist plötzlich der Chancentod und der will man wirklich nicht sein. Die Leute begannen Fragen zu stellen: Daniel, was ist mit dir? Daniel, wo ist dein Feuer hin? Daniel, warum fährst den Check nicht fertig? Selbstvertrauen ist im Sport etwas Unabdingliches. Das weiß jeder, der eine Sportart mehr oder weniger ernsthaft ausgeübt hat.

Daniel Nageler war irgendwann so weit, dass er nicht mehr selbst auf das Tor schießen wollte, er wollte auch den Puck nicht mehr halten – schnell, schnell, weg damit, nur keinen Fehler machen. Scheibe rüber und rauswechseln. Es gab Spiele des VSV, da hat man Daniel Nageler gefühlt öfter mit der erhobenen Hand gesehen (das Zeichen, dass er ausgewechselt werden will) als mit dem Schläger am Puck. Das passiert, sagt er, wenn die Angst zu versagen dich nicht mehr loslässt.

Eishockeyspieler gelten, warum auch immer, als ein bisschen einfach gestrickt, als harte Jungs. Wenn man sie so ansieht, man könnte glauben, diesen Männern, mit den Schultern so breit wie ein zweitüriger Schrank, würde nichts nahegehen. Sie wären hart im Nehmen, am Eis sowieso, aber auch überall anders, würden einfach hinfahren auf den Check und den anderen wegräumen, voll draufziehen, wenn der Puck kommt. Wenig nachdenken, einfach machen. Aber so ist es nicht. Eishockey, sagt Daniel Nageler, ist viel mehr als brutales Handwerk.


"Wins are earned, not given!"



Es fällt ihm schwer, darüber zu sprechen, über eine Zeit, in der er so an sich zweifelte, dass er am liebsten alles hingeschmissen hätte und arbeiten gegangen wäre. In einem ganz normalen Job, wie ein normaler Mensch eben. Nageler hat sich auf die Fernsehbank gesetzt und rutscht angespannt hin und her. Er lehnt sich nach links, aber viel öfter nach rechts, lässt sich von seiner Tochter mit Keksen füttern. Über Hochs spricht es sich leichter als über Tiefs, sagt er. Und, ja, natürlich hat er darüber nachgedacht, einfach aufzuhören, es war doch sehr okay das alles, so wie es bis jetzt gelaufen ist.

Hört man ihm genau zu, ist es wirklich verwunderlich, dass Daniel Nageler hier sitzt, in Dunaujvaros und in zweieinhalb Stunden alles auf dem Eis geben wird. Denn Nageler ist eigentlich auch sauer, sehr sogar. Nicht so richtig auf den VSV, okay, ein bisschen vielleicht. Aber vor allem auf das System, in dem er seit seiner Jugend steckt. Immer wieder, in Zwischensätzen, rutscht es ihm heraus, wie scheiße er diese Branche manchmal findet. Wahrscheinlich will er das eigentlich gar nicht erzählen, aber nichts sagen, wenn schon einer fragt, geht jetzt auch nicht.

Du wirst oft behandelt wie ein Stück Fleisch, sagt er dann, oft wusste er nicht mal mehr, wer er ist, ob er überhaupt noch als Mensch gilt. Wer nicht performt, fliegt sofort raus. Nageler ist jemand, der wenige Sätze sagt, ohne dabei zumindest ein bisschen zu grinsen. Ab, Danke!, der Nächste, blafft er, den Oberkörper nach vorne gelehnt, die blauen Augen weit aufgerissen. Und trotzdem merkt man deutlich: Er ist mit dem allen noch nicht fertig.

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In Ungarn, irgendwo zwischen Stalinstraße und Eishalle, hat Daniel Nageler, so wie es aussieht, sein Selbstvertrauen jedenfalls wiedergefunden. Es ist kurz nach halb vier und Nageler steht zur Verabschiedung in der Eingangstür seiner Wohnung. „Der Papa geht jetzt ein bisschen spielen“, sagt er zu seiner Tochter. „Und was macht er dann?“ Das Kind, auf dem Arm der Mutter sitzend, glupscht ihn an. „Er schießt ein Tor – bravooooo!“, ruft er. Dann fährt er mit seinem Dienstfahrzeug, ein blau-silbernes Mountain-Bike, Modell „Super Bike“, das er vom Verein bekam, in wenigen Minuten die Straße hinunter zum Stadion. Zwei Stunden vor Anpfiff ist in der Kabine schon einiges los.

Spieler huschen über den dreckigen roten Teppichboden rüber ins Massage-Kammerl und wieder zurück. Nagelers Platz ist ganz rechts in der Ecke, ein Randplatz, so wie er es mag. Es läuft laute Prolo-Musik, irgendwas zwischen 120 und 180 beats per minute, super allegro, und es riecht nach verschwitzten Socken, die man am Vortag in der Sporttasche vergessen hat. Ein Spieler hat sich einen lilafarbenen Proteinshake über sein Trikot geschüttet und versucht es jetzt mit angezogenem T-Shirt, aber untenrum splitternackt am Waschbecken mit Handseife und der grauen Seite dieser gelben Schwämme sauber zu kriegen. Auf der Taktiktafel steht: Wins are earned, not given! Und: Physical on Key Players! Physical ist doppelt unterstrichen. Es dauert nicht lange, bis alle da sind: die Trainer, der Kapitän und der verplante Zeugwart Samu, der Sechser-Träger Mineralwasser schleppt.

Zwölf Stunden im Bus

Das Team in der anderen Kabine kommt aus Rumänien. Der HSC Csíkszereda ist in Miercurea Ciuc zu Hause, was bedeutet, dass die Spieler zumindest zwölf Stunden im Bus saßen, bevor sie heute auf das Eis gehen. Das ist hart, sagt Nageler, da weiß man am Ende nicht mehr, wie man sitzen soll, und steigt vollkommen gerädert aus. Insgesamt zwei rumänische Mannschaften spielen in der ungarischen „Ersten Liga“. Csíkszereda eben und eine Mannschaft aus Brasov. 13 Stunden, erzählt er, sind sie das letzte Mal dort hingetuckert, quer durch Ungarn und Rumänien, über Straßen, die teilweise so schlecht sind, dass es einen pausenlos durchschüttelt. Nageler nimmt sich dann eine aufblasbare Unterlagsmatte mit in den Mannschaftsbus, so eine, wie man auch beim Zelten verwendet, und legt sich damit in den Zwischengang. Die Filme, die im Bus abgespielt werden, sind meistens auf Ungarisch. Manchmal schreit er „English please!“, das bringt aber eher wenig und egal ist es irgendwie auch, wenn man ein Tablet dabeihat.

Auch in der Kabine hört man großteils Ungarisch. Nageler und die anderen Ausländer, vier Tschechen, zwei Ukrainer und jeweils ein Este, Rumäne, Amerikaner und Kanadier, verstehen davon wenig. Ob gerade etwas Wichtiges gesagt wurde oder nicht, erahnen sie an der Reaktion der anderen. Etwa 45 Minuten vor Anpfiff werden einige Spieler ruhiger. Nageler schließt die Augen, schlägt die Hände über das Gesicht. Er lässt die Pupillen hin- und herkreisen, zuerst langsam, dann ganz schnell. Einatmen, Pupillen rauf und runter, dann die Nase fixieren. Es soll ihm helfen, seine Energie zu sammeln. Die Ansprache des Coaches, einem kernigen, eher reservierten Ami, dauert keine 20 Sekunden. Defense first, sagt er laut, so laut, dass andere für diese Lautstärke schreien müssten.

Dann sagt der Kapitän noch irgendwas auf Ungarisch. Angeblich ist es immer dasselbe, zumindest klingt es immer gleich, sagt Nageler. Irgendwann hat er es sich mal übersetzen lassen.

Es ist Samstagabend und es sind 950 Zuschauer in die Halle gekommen. 4.000 hätten theoretisch Platz im Dunaujvarosi Jegcsarnok, aber das heute so viele gekommen sind, sagt Pia Nageler, ist wirklich gut. So viele Zuschauer hat sie, seitdem sie hier sind zumindest, noch nie gesehen. Gemeinsam mit ihrer Tochter sitzt sie immer links hinten auf der Höhe des Tores, meistens alleine, eine echte Verbindung zwischen den Spielerfrauen, so wie damals in Villach, gibt es hier nämlich nicht. Trotzdem ist sie bei jedem Heimspiel dabei. In der Halle ist es bitterkalt, unten am Eis kann man seinen eigenen Atem sehen, oben auf der Tribüne nicht. Daniel Nageler steht in der Starting-Five, erste Linie, Center. Beim Rausgehen schubst ihn ein anderer Spieler, so wie sich Teamkollegen schubsen, um sich noch ein bisschen anzustacheln. Nageler gibt alles, beißt, so wie man es von ihm kennt.

Im ersten Drittel kassieren sie das 0:1, versteinerte Mienen in der Pause, neue Anweisungen vom Coach. Das zweite Drittel läuft besser, Dunaujvaros bekommt das Spiel in den Griff und dreht mit zwei Toren die Partie. Und auch Nageler hat Chancen. Ein guter Schuss wird aber vom Tormann über das Tor gelenkt, ein guter Pass nicht verwertet. Irgendwann während des dritten Drittels hält es ihn auch während der Wechselpause nicht mehr auf seinem Sitz. Er hängt über der Bande, kaut ununterbrochen auf der Innenseite seiner Lippe, atmet schwer und brüllt. Come on! Defense! Two more minutes! Am Ende gewinnt Dunaujvaros mit 3:1, Hunderte Schoko-Riegel werden aus dem Publikum auf das Spielfeld geworfen, es ist der elfte Sieg in Serie.

Coach Morgan sieht sich in der Kabine um, er schweigt, die Spieler sehen ihn erwartungsvoll an. „Ihr habt euch euren fucking freien Tag verdient“, schreit er durch die Kabine. Und: „Das war ein fucking Zeichen an alle da draußen!“ Dass Daniel Nageler und seine Familie seit einem halben Jahr hier in Ungarn herumhängen, ist auch ein fucking Zeichen. Es ist ein Zeichen an alle Vereine da draußen, dass es ihn noch gibt, dass er noch da ist, dass er noch nicht genug hat und dass er es wahrscheinlich noch kann, wenn man ihm ein bisschen gut zuredet.

Der Traum vom Eishockeyspieler

Daniel Nageler ist 31 und lebt weiter den Traum, den er hat, seit er ein kleiner Junge ist. Dafür steht er sechs von sieben Tagen die Woche auf dem Eis und sitzt manchmal 13 Stunden am Stück in einem Bus nach Rumänien, um zwei Tage später wieder 13 Stunden retour zu fahren. Er und seine Familie, seine Frau, seine Tochter und sogar der Kater, der jetzt nicht mehr in einen Garten kann, sie alle wären wahrscheinlich lieber woanders, wenn sie es sich aussuchen könnten. Weil es natürlich Tage gibt, an denen sie aufwachen und sich fragen: Was zum Teufel machen wir eigentlich hier?

Manchmal denkt Daniel Nageler darüber nach, ob überhaupt jemand mitkriegt, was er hier macht. Ob die Nachricht, die er so verbreiten will, bei den richtigen Adressaten ankommt. Hin und wieder postet er Fotos von seinen Spielen auf Facebook und hofft, dass nicht nur seine Freunde und Fans, sondern auch ein paar Clubverantwortliche mitbekommen, was er in diesen Tagen so treibt. Und selbst wenn, ist es auch gut möglich, dass alles ganz anders ist und Daniel Nageler es einfach nicht mehr ist, also gut genug für die EBEL oder eine andere bessere Liga. Dass er sich falsch eingeschätzt hat und vielleicht mit seinen 31 Jahren wirklich drüber ist, wie so viele glauben. Wer weiß das schon?

Als Pia und Daniel Nageler vor drei Jahren vor dem Altar standen, sie in Weiß mit schwarzem Einsatz, er im grauen Anzug, sagte sie: „Ich gehe mit dir überall hin, bis ans Ende dieser Welt.“

Ziemlich sicher hat sie dabei nicht mit Dunaujvaros gerechnet. Aber wohl mit einem Abenteuer. Heute Nachmittag werden sie versuchen, im Baumarkt Glühbirnen zu kaufen. Sie sind zuversichtlich, dass das klappt.

Diese Geschichte steht in Fleisch Nr. 46, jetzt im Zeitschriftenhandel erhältlich oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Erschienen im Winter 2017
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