text - TEAM FLEISCH 


Das siebte Bier

Kategorie: Food / Body&Soul
Gesehen: wochentags, 23.00-23.30, Katscheli


An Tagen, an denen man auf ein Feierabendbier geht, gibt es diesen einen Moment, an dem die Weichen noch einmal neu gestellt werden. Er kommt je nach Tagesverfassung schon bei Bier Nummer fünf, manchmal erst beim siebten. Meistens eher beim siebten.

Im Wesentlichen gibt es dann zwei Möglichkeiten. A) Man lässt es sein, zahlt und geht heim. B) Man macht weiter und bestellt noch was. Für A) spricht, dass ein Feierabendbier gerne unter der Woche genommen wird und der Tag darauf ein Arbeitstag ist. Weil es aber mit dem richtigen Pegel schwer vorstellbar ist, dass man am nächsten Morgen wirklich verkatert sein könnte, neigt man öfter zu B). Und das ist eigentlich immer die richtige Entscheidung.
Warum?

siebtebier

Zu diesem Zeitpunkt hat man in aller Regel schon ziemlich viel Spaß gehabt, viele wichtige Dinge besprochen, aber eben immer noch das Gefühl, dass es einiges zu sagen gäbe: „Wie ist das jetzt bei euch mit Kindern?“ „Ich habe letztens mein Klo repariert. Wusstest du, dass …“ „Also mich berührt so ein Terroranschlag irgendwo in England oder Frankreich ja kaum noch. Aber vielleicht ist das eh gut, weil …“ „Amazon Prime ist, was das Filmangebot angeht, wesentlich besser als Netflix. – Bringt uns nichts. Wir schauen ja praktisch keine Filme mehr.“ „Dass das in den USA tatsächlich gerade passiert, ist immer noch kaum zu glauben.“ „Die neue Pizzeria am Yppenplatz ist nicht schlecht, egal, was im Standard steht!“ Das muss alles geklärt werden. Aber muss es wirklich noch an diesem Abend sein?

Weil meistens ist es dann ja auch so, dass die Argumentationslinien, die man sich im Kopf zurechtlegt, beim Reden verschwimmen, irgendwo anders hinführen oder plötzlich enden. Ab dem siebten Bier darf zwar fast alles gesagt werden, aber man kann viele Sachen nicht mehr sagen, wie man gerne würde. Aber trotzdem: Es muss noch an diesem Abend sein. Denn es gibt kein besseres Setting als leicht bis ziemlich angetrunken abends in einer Bar, um so viele unterschiedliche Themen kurz anzustreifen und dabei gemeinsam so viele Stimmungen am Tisch zu durchlaufen – lautes Lachen über blöde Scherze, hitziges Diskutieren, Streiten, emotional werden.

Psychohygienisch ist das sehr wichtig. Auch wenn es körperlich gesehen wahrscheinlich gesündere Möglichkeiten gibt, Yin und Yang in Einklang zu bringen – das achte Bier muss sein.

Objekt Nummer 16 findet sich als eines von 77 Dingen, die daneben, aber ziemlich super sind, in Fleisch Nr. 42, jetzt im Zeitschriftenhandel erhältlich oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Erschienen im Sommer 2017
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