text - Martina Bachler
Illustrationen – valerija ilchuk



Ja 

Liebe? Nicht wirklich. Eine gute Tat? Ganz bestimmt. Sandra heiratet Thomas, damit er in Österreich bleiben kann. Die Geschichte einer vielleicht nicht ganz so guten Idee.

Ein Donnerstag Ende Jänner, es ist sonnig, wie fast jeden Tag, das bisschen Wind sagt, dass es noch Winter ist, ein paar Quellwolken flattern vom Meer her über die Berge hinweg. Schnell füllt sich die kleine Wohnung von Sandra und Thomas. Es gibt Sekt, Brot und Käse. Ein paar Kniffe am Kleid, ein bisschen Gezurre am Anzug; wo sind die Blumen, habt ihr die Ringe? Dann macht sich die Hochzeitsgesellschaft auf den Weg zum Standesamt. Sie zieht die Hauptstraße des spanischen Dorfes entlang, ein paar Bekannte, die Sandra und Thomas in den vergangenen Monaten kennengelernt haben, schließen sich der Prozession an.
Es ist ein wahnsinnig schöner Tag.
Sandra sagt Ja, Thomas sagt Ja. Alle fallen einander in die Arme.
Thomas ist gerettet, Sandra ist erlöst.

Es ist ein wahnsinnig schöner, glücklicher und leichter Tag, ein großes Durchschnaufen vor dem tiefen Atemzug, der dann den finalen Sturm auslöst. 

Als Sandra Thomas kennenlernt, ist sie 23. Sie arbeitet für ein Unternehmen, das sie ständig in der Welt herumschickt, seit kurzem studiert sie auch. Mit einer Freundin besucht sie einen Wiener Salsaclub. Am Rande der Tanzfläche stoßen sie auf eine große Runde, mit einer jungen Frau kommt Sandra ins Gespräch. „This is my boyfriend, Thomas“, sagt die junge Frau und schiebt den großen, ruhigen Mann neben sich ein paar Zentimeter nach vorne. „Nice to meet you“, sagt Sandra. Thomas kommt aus Nigeria, er ist schwarz.

Sandra hat, sie weiß nicht, warum, immer ein großes Interesse an Nigeria gehabt. Eine Art Sehnsuchtsort sei das für sie gewesen, sagt sie heute, ein Land, in das sie unbedingt einmal reisen wollte. Nicht einfach nur so, schon gar nicht beruflich. Nigeria, das hatte sie sich aufheben wollen.

"Liebe kann doch auch viele Formen annehmen."

Sie wird in den kommenden Jahren zweimal nach Nigeria fliegen. Sie wird dort Thomas’ Familie kennenlernen und ein bisschen besser verstehen, wer er eigentlich ist. Sie wird dort Dokumente abholen, die er braucht, damit sie heiraten können. Dafür wird sie noch ganz andere Dinge tun, von denen sie nicht gewusst hat, dass sie notwendig werden würden. Dinge, die Geld kosten werden, Zeit und Nerven. Dinge, die sie von ihren Freunden und ihrer Familie entfremden werden und manchmal auch von sich selbst.
Alles, damit Thomas in Österreich bleiben kann. Nach über sieben Jahren, als Sandras Mann, endlich legal. Sie wird dabei an Grenzen stoßen und sie überwinden, und sie wird an diese eine, große, zwischenmenschliche Grenze stoßen, an der nichts mehr geht, außer man geht.
Aber da wird sie schon Ja gesagt haben.

Ob sie ihn geliebt hat? Als Thomas sie das vor ein paar Monaten fragte, sagte Sandra: „Wenn es dir das leichter macht, sage ich jetzt, ich habe dich nie geliebt. Ich habe das alles nicht aus Liebe getan.“ Also: Ob sie ihn geliebt hat? Sie weiß es nicht. Es ist zu viel passiert. Rückblickend wirkt manches verschwommen, einiges hat sie auch praktisch verpackt und von sich geschoben. „Es ging nicht anders“, sagt Sandra. Und: „Liebe kann doch auch viele Formen annehmen.“

Am Anfang war da jedenfalls keine Liebe. Thomas hatte eine Freundin, Sandra kein Interesse. Irgendwann treffen sich die beiden wieder, im Frühling 2010 ist das, sie sind beide Single. Eine Nacht in einem Club, ein Kuss auf der Tanzfläche. „Da darf jetzt echt nichts passieren, das wird alles nur kompliziert“, hat sich Sandra davor noch gedacht.
Wenn Sandra das heute erzählt, muss sie lachen. Sie bekommt Grübchen um den Mund, senkt manchmal kurz den Kopf. Es wurde ja alles gigantisch kompliziert. Sandra ist 30, sie ist groß und schlank und strahlt eine unaufgeregte Art von Stärke aus. Ihr Blick ist offen, immer interessiert, und wenn sie spricht, scheint manchmal die niederösterreichische Heimat durch. Sie arbeitet in der Flüchtlingshilfe.
Schon als in den 1990ern Flüchtlingskinder aus dem ehemaligen Jugoslawien in ihre Schule kamen, hat sie zu helfen versucht. Gleich nach der Matura hat sie ihren Job angenommen, der sie um die Welt schickte. Es ist kitschig, aber: Je mehr sie davon sah, desto klarer war ihr auch, da gibt es viel zu tun.
Warum hätte ihre Erfahrung mit Thomas daran etwas ändern sollen?

"Lebend bringt mich niemand aus Österreich raus"

Der erste Kuss verfliegt, Sandra und Thomas halten lose Kontakt, sie beginnt eine Beziehung zu jemand anderem. Im Frühling 2012 ruft wieder mal Thomas an. Sie treffen sich vor der Hauptuni. Als sie ihn umarmen will, schreckt er zurück, als hätte er Schmerzen. Da sieht sie die Schnittwunden an seinen Händen. Thomas war mit Freunden in einem Lokal. Als die Polizei kam, nahm er ein Glas, zertrümmerte es und schlug mit dem spitzzackigen Stumpf auf sich ein. Er wurde in die Psychiatrie gebracht, bei der ersten Gelegenheit schlich er sich von dort fort.
„Das war sein Plan für den Fall, dass er erwischt wird“, sagt Sandra. Es hat sie unfassbar mitgenommen. Da war dieser längst Freund gewordene Mensch, der arbeiten wollte, aber nicht durfte, der frei leben wollte, aber immer auf der Hut sein musste, der Österreich und wofür das Land steht, mehr schätzte als die meisten Staatsbürger.
„Lebend bringt mich niemand aus Österreich raus“ war ein Satz, den Thomas oft sagte, erzählt Sandra. Sie bewunderte ihn für diesen Satz, auch wenn er ihr das Gefühl von Ohnmacht gab.

Anfang März 2013 steigen Sandra und Thomas in ein Flugzeug nach Madrid, um in Spanien zu heiraten. Heiraten, das kann manchmal sehr schnell gehen. Die Wiener Standesämter bieten eine Fünf-Minuten-Variante an: Ja sagen, unterschreiben, fertig. Jemanden zu heiraten, der über keine Papiere verfügt, spielt in einer ganz anderen Liga. Thomas bräuchte, zum Beispiel, einen Pass.

Heiraten also. Sandra hatte 2012 ein Semester in Indien verbracht, sich dann von ihrem Freund getrennt und war zum Abschalten noch ein paar Wochen im Ausland gewesen. Thomas war immer irgendwie dabei, via Skype, via Mails. Er wurde wichtiger. Im Herbst zog er bei ihr ein, weil es für ihn im sechsten sicherer war als im zehnten Bezirk. „Irgendwann dachte ich: Jetzt ist es auch schon egal, jetzt kann ich ihn auch heiraten und ihm wirklich helfen, ihm die Chance auf ein angemessenes Leben geben“, sagt Sandra heute. Erst zögerte Thomas, doch bald willigte er ein.

Auf der Reise nach Madrid werden sie nicht kontrolliert. Bei einem seiner Cousins kommen sie unter. Sie sind zu sechst in der kleinen Wohnung, Sandra und fünf Männer aus Nigeria. Es gibt kein fließendes Wasser und keinen Strom, wie nirgends in der riesigen Siedlung dieses Madrider Vororts. Hier leben nur Migranten, alle sind arbeitslos. In den schäbigen Bars, in die sie manchmal gehen, um einfach nur zu trinken, ist Sandra die einzige Frau. Sie kauft mehrere Gaskartuschen, damit es irgendwie warm wird in der Wohnung. Während sie ihre Bachelorarbeit fertig schreibt, organisiert sich Thomas einen Pass bei der nigerianischen Botschaft. In Wien hat er ohne weitere Papiere keinen bekommen, das hat Sandra schon einmal für ihn probiert. Hier aber geht’s, wie sie es aus Erzählungen wissen: mit Bestechung.

Heiraten in Spanien

Sie ziehen nach Barcelona. Um Geld zu sparen, wohnen sie in einer WG in einem Viertel, von dem niemand, der nicht dort lebt, glauben würde, dass auch das Europa ist. Gewalt, Drogen, Bedrohungen. Auf das katholische Paar aus Bolivien, das schnell genug von Thomas’ nacktem Oberkörper hat, folgt als Mitbewohner ein Senegalese, der sich prostituiert.
Bald treffen sie ein Paar, das den gleichen Plan hat wie sie. Sie Österreicherin, er Nigerianer, Hochzeit als Ziel. Seit vier Jahren sind sie deshalb schon hier. Sandra weiß jetzt: Das kann also dauern.

Gedacht war das anders. Pass checken, Bestätigungen checken, dass keiner von beiden verheiratet ist, in Spanien Ja sagen, dann den Aufenthaltstitel bekommen, nach Hause fahren, den österreichischen Aufenthaltstitel bekommen, fertig. Drei, vier Monate, länger sollten sie nicht weg sein. Länger sollte Sandra nicht zwischen Deutschland, der ganzen Welt, Wien und Barcelona herumfliegen, und länger sollte sie Thomas auch nicht finanzieren müssen.

Wahrscheinlich ist das der Zeitpunkt, an dem es beginnt, kompliziert zu werden. Thomas fängt an, regelmäßig zu kiffen. Sandra fängt an, zusätzlich zu ihrem Job eine Ausbildung in Wien zu machen, und jede freie Minute geht für Recherchen zu Hochzeits- und Aufenthaltsbedingungen drauf. Sie priorisiert, sie organisiert. Wie zum Beispiel kann sie den spanischen Behörden ein Gehalt nachweisen, wenn sie es von einer deutschen Firma auf ein deutsches Konto bekommt? „Ich hab’ so viele Checklisten gemacht, mein Leben bestand fast nur noch aus einer Reihe von Dingen, die ich in der richtigen Abfolge zu erledigen hatte“, sagt Sandra. Es darf ja nichts schiefgehen in diesem Plan.

Sandra sucht also einen Ort, an dem das mit dem Standesamt unkomplizierter ist als in Barcelona. Sie schreibt deshalb Briefe an katalanische Bürgermeister, sie mietet Autos, um sich Orte, die in Frage kommen, anzusehen, sie verhandelt mit einer Maklerin über die 30 Quadratmeter überm Supermarkt, dessen Scannerkassen-Pieps-Pieps bis heute in ihrem Kopf festsitzt. Thomas sagt, sie könne halt besser Spanisch. Er sagt, würde er mit der Maklerin verhandeln, würden sie die Wohnung nicht bekommen, er sei ja schwarz. Als sie den Vertrag unterschrieben hat, sagt er: „Du hast dich über den Tisch ziehen lassen.“

"Wir gegen den Rest der Welt, so fühlte sich das an"

Irgendwo zwischen Madrid, Barcelona und ihrem spanischen Dorf liegt trotz erster Schönheitsfehler der Zeitpunkt, an dem sie das Paar werden, von dem Sandras Familie und Freunde denken, dass sie es längst wären. „Wir gegen den Rest der Welt, so fühlte sich das an“, sagt Sandra heute. Sie wollten schlauer sein als der Staat, den sie als unfair und menschenfeindlich empfanden, das hat sie zusammengeschweißt. Und ein bisschen wollte zumindest sie auch zeigen: Eine Österreicherin und ein Nigerianer, doch, das kann auch gut gehen.

Ein Abend auf dem kleinen Balkon in der Wohnung auf dem Dorf. Thomas hat das Baguette besorgt, das Sandra gerne mag, auch Käse und Wein. Sie überlegen, ob sie morgen erst laufen und dann zum Strand gehen sollen, oder doch umgekehrt. Ein entspanntes Wochenende liegt vor ihnen. Sandra ist von einer Geschäftsreise zurückgekommen. Sie ist in Barcelona gelandet, dann mit dem Zug und schließlich mit dem Bus gefahren. Wieder einmal hat sie ihren Koffer durch das halbe Dorf gezogen, bis sie zu Hause war. Irgendwann holt Thomas eine jener Rechnungen hervor, die Sandra als Spesen einreicht. Es sind chinesische Schriftzeichen drauf, mit der Hand hat jemand etwas ergänzt. „Das ist dein Lover, oder? Einer deiner vielen Lover!“, sagt Thomas.

„Zuerst war es Eifersucht“, sagt Sandra heute. Sie hatte sogar Verständnis. Die Einsamkeit, die Langeweile. Keine Arbeit, keinen Anschluss, und sie immer weg, Geld verdienen, die Ausbildung machen. Er hatte eine Bankomatkarte zu ihrem Konto. Zweimal die Woche fuhr er nach Barcelona, um Gras zu besorgen. Sonst kümmerte er sich nur um die Wohnung, während Sandra eine Anwältin auftrieb und dann, in Abstimmung mit den Behörden und ihren Fristen, nach und nach alle Dokumente zusammensuchte.

Zuerst ist es Eifersucht, dann wird es Paranoia.

Thomas’ Unterstellungen werden drastischer. Er pendelt zwischen Dankbarkeit und Verachtung, nennt sie abwechselnd seine Retterin und einen Dämon, vor dem man die Welt bewahren müsse. Immer öfter glaubt er, sie lüge ihn an. Sagt, sie wolle ihm Fallen stellen, damit er auffliegt. Oft ist Sandra froh, wenn sie ihren Koffer wieder durch das Dorf ziehen und fortreisen kann. Mit ihrer Familie spricht sie selten. „Es ist anstrengend, aber in Ordnung“, sagt sie, wenn jemand sie fragt, wie es ihr geht. Manchmal sagt sie sich das auch selbst. „Ich kann jetzt ja nicht einfach abhauen, alles abblasen, dann sitzt dieser Mensch ja auf ewig in Spanien fest, wo er niemals hinwollte“, ist ein Gedanke, an dem sie sich festhält, wenn er aufblitzt.

Sommer 2013. Sandra landet am Flughafen Abuja. Sofort erkennt sie in der Frau, die mit großem Abstand hinter den anderen Wartenden steht, Thomas’ ältere Schwester. Sie fahren in die Wohnung ihrer Familie. Drei kleine Kinder sorgen für Wirbel. Sandra hat eine Reisetasche voller Handys, Kleidung und Schuhe mit. Es ist bei weitem nicht alles, was sich Thomas’ Verwandte gewünscht haben. Europa, das ist in ihrer Vorstellung eine Art Konsumparadies, erfährt Sandra. Warum hat sie kein Auto? Warum will sie nicht reich werden? Warum sagt sie, sie spare, wo sie nur könne, damit sie irgendwie durchkommen?

Mit Thomas’ Schwester kann Sandra auch über das reden, worüber Thomas selbst nie redet: seine Kindheit. Er ist eines von sechs Kindern, seine Eltern haben den Biafra-Krieg erlebt, den nigerianischen Bürgerkrieg Ende der 1960er Jahre, der zwei Millionen Menschen das Leben kostete. Es gab in Thomas’ Familie Gewalt, es gab Spannungen. Ein älterer Bruder ging nach Irland, um ein neues Leben zu beginnen und Geld nach Hause zu schicken. Thomas kam nach Österreich. Da war er 21. „Ich konnte mir nach diesen Gesprächen besser vorstellen, was er erlebt hat“, sagt Sandra heute. Zuvor kannte sie nur seine Scham. Ohne Arbeit war er sich in Österreich seiner Familie gegenüber wie ein Versager vorgekommen. Er hatte den Kontakt abgebrochen. Als Loser konnte er auch nicht zurück. Sobald er legal arbeiten dürfe, würde sich sein Verhältnis zu seiner Familie ändern, dachte Sandra. Aber dafür musste sie durchhalten. Durchhalten, durchhalten, durchhalten.

Ein Loser kann nicht nachhause zurück

Natürlich hatten sie, bevor sie nach Spanien gingen, darüber gesprochen, wie das werden würde, wenn der eine von der anderen so abhängig ist. „Aber es sollte ja nur ein paar Monate dauern“, sagt Sandra, sie nahmen das nicht so ernst. Und Thomas schwor: Wenn sie sich scheiden lassen wolle, würde er auf alle Ansprüche verzichten. Allein dafür, dass sie ihn heiratet, müsse er ihr ewig dankbar sein. Was „Wir gegen den Rest der Welt“ eigentlich heißt: Er hat sich ihr ausgeliefert, sie trägt die Verantwortung, und keiner kommt da mehr raus.

Kurz vor Weihnachten 2013 kommt Post vom Gemeindeamt des kleinen spanischen Dorfes. Wie immer nimmt Thomas sie entgegen. Alle Vorgaben sind erfüllt, auch die spanische Botschaft in Nigeria, die eigens dafür Leute in Thomas’ Heimatort schicken musste, kann endlich bestätigen, dass er noch nicht verheiratet ist. Als er Sandra deshalb anruft, ist sie gerade in Tokio. Drei Wochen brauchen sie, um die Hochzeit zu organisieren. Es sind wahnsinnig schöne, glückliche Wochen voller Erleichterung. Jetzt sollte doch alles schnell gehen. Jetzt fehlt ja nur noch die Aufenthaltserlaubnis in Spanien, mit der sie zurück nach Österreich gehen können.

Sechs weitere Monate. Warten, hoffen, verzweifeln.

Aber es folgen weitere sechs Monate. Sechs Monate in Spanien, die sich noch viel länger anfühlen, weil sie nicht mehr mit ihnen gerechnet haben. Mit der Hochzeit ist das Ziel erreicht. Die Erschöpfung tritt ein, sie ist groß und wird größer, sie befeuert Thomas’ Provokationen und beraubt Sandra ihrer Abwehrmechanismen. An den guten Tagen weichen sie einander erfolgreich aus. An den schlechten ist es kein Trost, zu wissen, dass es nur mehr um eine Urkunde geht, um eine kleine Formalität. Die Ungewissheit darüber, wann sie kommt, führt direkt in die Ungewissheit, ob sie überhaupt kommt.
Haben sie sich zu früh gefreut? Hat Sandra einfach Scheiße erzählt? Sandra hat doch ganz offenbar die ganzen Monate über nur elaborierte Scheiße erzählt, um ihn zu quälen, um ihn zu erniedrigen und ihren Spaß dabei zu haben, da ist sich Thomas jetzt wirklich ganz sicher.
Manchmal sei sie knapp davor gewesen, sich zu kneifen, sagt Sandra heute. Manchmal habe sie wissen müssen, dass sie da ist, bei Verstand ist und weiß, es ist alles nur mehr eine Frage der Zeit.

Bald werden sie von spanischen Einwanderungsbeamten getrennt voneinander befragt. Ganz wie im Film, nur ausgetüftelter. Wer ist letzte Nacht zuerst eingeschlafen? Wer hat das Licht ausgemacht? Und immer weiter hinein ins Detail. Als Sandra solche Fragen mit Thomas durchspielen will, nimmt er sie nicht ernst. Natürlich nicht. „Ich dachte, in diesem paranoiden Zustand wird er nie wieder arbeiten können“, sagt Sandra heute. Sie dachte nicht daran, was das für sie bedeuten würde, wenn er tatsächlich nie wieder arbeiten kann. Sie dachte: Erst mal nach Österreich kommen, dann schauen wir weiter. Erst mal durchatmen.

Sie – natürlich sie – hat ihre Rückkehr vorbereitet. Wer mit einem Nicht-EU-Bürger verheiratet ist, der noch kein Aufenthaltsrecht und keine Arbeitserlaubnis hat, muss ein Einkommen nachweisen, das beide Ehepartner ernähren kann. Es geht dabei zu diesem Zeitpunkt um rund 1.200 Euro plus die Miete für einen angemessenen Wohnraum. Das wäre sich bei Sandra nicht ausgegangen. Ein Kredit kam nicht in Frage, sie hätte nachweisen müssen, dass sie ihn zurückzahlen kann. Ihre Eltern sprangen ein, sie kauften in Wien eine kleine Wohnung.

Zwei Jahre hat sich der Sturm aufgebaut. Jetzt ist er da.

Mitte 2014 ist es so weit. Sandra und Thomas fliegen zurück nach Wien. Sein Aufenthaltstitel und seine Arbeitserlaubnis in Österreich sind beantragt. Ein letztes Mal warten, dann können sie sagen: Wir gegen den Rest der Welt, und wir haben gewonnen. Drei Wochen nach ihrer Rückkehr geht seine Paranoia so weit, dass Sandra die Wohnung verlässt. Da ist der Sturm, der sich in den letzten zwei Jahren, in denen sie nur für ihr gemeinsames Ziel gelebt haben, aufgebaut hat, und er ist fatal.

Thomas dreht durch vor Angst, sie könnte ihn bei der Fremdenpolizei verraten. Sandra hätte dafür aber gar keine Kraft. Sie hat keine Kraft, ihn sofort aus der Wohnung zu schmeißen, und geht deshalb selbst. Sie hat keine Kraft, ihre Zukunft zu verhandeln, und sie hat definitiv auch noch keine Kraft für die Frage: War es das alles wert? In den ersten Wochen nach der Trennung kann sie sich nicht vorstellen, mit diesem Menschen in derselben Stadt zu leben. Nur durch die Vermittlung einer Bekannten können sie miteinander reden. Er geht, gibt die Wohnung frei. Also: War es das alles wert?

Sandra sagt, es gehe ihr heute gut. Weil sie noch verheiratet sind, ist Thomas immer noch bei ihr gemeldet, aber das sei fürs Erste okay. Sie bekommt seine Post, gibt sie weiter. Sandra sagt, manchmal sei sie traurig, weil sie es nicht geschafft haben. Es gibt ja beides: glückliche interkulturelle Ehen und Menschen, die das mit der Scheinehe zumindest auf einer freundschaftlichen, pragmatischen Ebene hinbekommen. Ihnen gelang weder das eine noch das andere.

Sandra sagt, manchmal sei sie traurig, weil sie das Gefühl habe, erklären zu müssen, dass es bei ihnen nicht nach dem schnell unterstellten Muster abgelaufen ist: Macho aus Afrika nutzt naive Österreicherin aus. Sie ist nicht naiv, sie hat sich nicht blenden lassen, aber sie hat sicher unterschätzt, was diese Form von Hilfe bedeuten kann.

Als 2016 sein Vater stirbt, fliegt Thomas nach Nigeria. Er hat einen Pass, er bringt seiner Familie Geschenke mit, die er so wie den Flug von seinem Lohn bezahlt hat, und er weiß, dass er ohne Probleme zurück nach Österreich reisen kann. Es ist ein trauriger Anlass, der diese Familie zusammenbringt, aber er macht sie auch glücklich. Und das hat zu einem großen Teil mit Sandra zu tun.  
 

Dieser Text erscheint in Fleisch Nr. 41, dem großen Heft zu Engagement, jetzt im Zeitschriftenhandel oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Erschienen im Frühjahr 2017
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