protokoll - martina bachler
  

Hast du Angst vor Altersarmut, Stefan Deisenberger? 

Ja, die habe ich. Sie lässt mich jetzt nicht ständig panisch werden, sie ist auch nicht ununterbrochen präsent, sie ist eher unbestimmt, diffus, aber sie ist eben da. Ich bin jetzt 40 Jahre alt und weiß, dass die Nische, in der ich mich bewege, nicht gerade riesig ist, und dass es gut seit kann, dass in ein paar Jahren einfach eine neue Generation übernommen hat. Dass ich dann vielleicht nichts mehr anzubieten habe, das funktioniert.

Das macht aber nur einen Teil der Angst aus. Der andere, eigentlich größere Teil besteht darin, dass ich mich frage, wie es gelingen soll, wirtschaftlich etwas zur Seite zu bringen. Mir ist bewusst, dass es vielen Kunstschaffenden deutlich schlechter geht als mir, dass ihnen noch weniger zum Leben bleibt. Auch meine Frau ist selbstständig und gemeinsam haben wir wenige Fixkosten und keine Schulden.

Geringe Fixkosten, keine Schulden

Das war nicht immer so, und ich habe schmerzlich gelernt, wie wichtig es ist, keine Schulden zu machen. Aber es ist manchmal belastend, überlegen zu müssen, was passiert, wenn ich einmal wirklich krank würde und zwei Monate nichts verdienen könnte. Das würde sich momentan irgendwie ausgehen, aber viel mehr bleibt da nicht. Das bedeutet, es ist auch sehr schwer, etwas auf die Seite zu legen, vorzusorgen, für dieses ominöse Später. 

Mit der Geburt unseres Kindes ist dieses Später natürlich wichtiger geworden. Es ist großartig, ein Kind aufzuziehen, aber man hat damit natürlich gleich noch deutlich mehr Verpflichtungen. Ich habe mich bei der Geburt unseres Kindes noch ernsthafter gefragt: Wie sieht meine Zukunft aus? Soll ich noch etwas anderes dazu machen, mich um neue Projekte und Geschäftsideen bemühen? Was geht jetzt nicht mehr? Soll ich in einen Bausparer investieren oder lieber in Studiotechnik, die, wenn man es gut angeht, sogar an Wert gewinnen kann? 

Ich denke, dass ich das mache, was ich am besten kann

Zusätzlich hat mich dann auch völlig die Lust auf live spielen verlassen. Unter anderem deshalb habe ich unlängst nach 16 Jahren bei Naked Lunch aufgehört. Alleine zu arbeiten, ohne sich laufend mit anderen absprechen zu müssen, finde ich momentan sehr wichtig für mich. Ich produziere jetzt Bands und mache Musik für TV und Film. Ich denke, dass ich das mache, was ich am besten kann, und dass es momentan recht gut funktioniert. 

Ich möchte nicht ausschließen, irgendwann etwas außerhalb der Musik zu machen. Ich möchte mir das sogar bewusst offenhalten. Allerdings weiß ich auch, dass es bei allem, was man tut, sieben bis zehn Jahre braucht, bis man wirklich gut darin ist. Das ist eine lange Zeit, wenn man nicht mehr 20 ist. Ich kann mir aber nicht mehr wirklich vorstellen, als Angestellter irgendwo von neun bis 17 Uhr zu sitzen und unter dem direkten Einfluss eines möglicherweise unangenehmen Vorgesetzten zu stehen. Dennoch rührt sich bei mir hin und wieder Sehnsucht nach dieser Ordnung. 

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, dass pünktlich zu Monatsbeginn einfach Geld überwiesen kommt. Aber die Aussicht auf einen bezahlten Krankenstand, die hat schon etwas. Klar könnte ich mich über die SVA zusatzversichern, aber ich empfinde das schlicht als nicht leistbar. 

Überhaupt ist das System SVA für kleine Selbstständige im künstlerischen Bereich eine sehr schwierige Angelegenheit. Kaum jemand hat nach drei Jahren jene Summe zusammen, die die SVA dann fordert. Dann kommen existenzbedrohende Ratenzahlungen, wenn man dann noch ein schwieriges Jahr hat, dann ist’s gelaufen. Der Künstlersozialversicherungsfonds bietet zwar eine spürbare Erleichterung, aber insgesamt stimmt dieses System nicht und eigentlich wäre da die Politik gefordert. 


Stefan Deisenberger, Jahrgang 1976, war 16 Jahre lang Keyboarder von Naked Lunch. Heute produziert er vorwiegend andere Bands, z.B. die aktuellen Alben von Garish und A Life A Song A Cigarette, und komponiert Filmmusiken, auch für ORF-Produktionen wie „Ochs im Glas“ oder die „Science Busters“. 


Dieser Text stammt aus Fleisch Nr. 40, jetzt im Zeitschriftenhandel oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  oder gleich hier. 

Erschienen im Winter 2016
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