text - Martin Thür
  

Haben Sie Angst, nicht ernst genommen zu werden, Martin Thür? 

Politiker regelmäßig zu interviewen ist mein Job. Erwin Pröll ist mit Interviews zurückhaltender. Der niederösterreichische Landeshauptmann gibt eher selten Wiener Medien Auskunft. Als ich noch Nachrichtenredakteur bei "ATV Aktuell" war, gab es ein paar Gelegenheiten, etwa nach einem Hochwasser oder bei einer Landeshauptleutekonferenz. Stets hat er mir danach gesagt, ich möge doch Dominic Heinzl schön grüßen.

Bei einem Bundesparteitag der ÖVP erwische ich ihn wieder, bitte ihn um ein kurzes Interview und frage auch nach den Spekulationsverlusten bei den niederösterreichischen Wohnbaugeldern. Der Landeshauptmann dreht sich um und geht wortlos weg. Ich folge ihm mehrere Minuten, stelle Fragen. Ohne Erfolg.  
Die ATV-Nachrichten zeigen die gesamte Szene in voller Länge. Seither lässt der Landeshauptmann Dominic Heinzl nicht mehr grüßen.

Nicht ernst genommen zu werden, als Jausengegner verlacht oder ignoriert zu werden, das passiert jedem, der im Privatfernsehen in Österreich groß geworden ist. Seit 14 Jahren arbeite ich bei einem Sender, dessen Image ein anderes ist als – sagen wir mal - jenes der FAZ oder von Ö1.

ATV ist vor allem ein Unterhaltungsprogramm, mit Kuppelshows und Reality-TV, aber auch mit Nachrichtenberichterstattung, Wahlsondersendungen und Polit-Talks. Würde ich in der Marketingabteilung arbeiten, würde ich sagen, der Sender ist so bunt wie das Land. Manchmal laut und schrill, manchmal ernsthaft, hin und wieder nachdenklich.

Es geht nicht um das Medium, es geht um den Job, den man macht

Sagen wir es, wie es ist: Nicht alles ist grandios bei ATV, aber weniger wegen des Images. Die Ressourcen sind knapp, um den Stellenwert politischer Berichterstattung muss man täglich kämpfen. Aber es hat auch enorme Vorteile, hier zu arbeiten. Die Wege sind kurz und engagierte Menschen können schnell viel erreichen. 

Seit gut einem Jahrzehnt produziert unser Chefredakteur mit einem kleinen Team in einem noch kleineren Studio die mit großem Abstand quotenstärkste Nachrichtensendung des Privatfernsehens. Als im Sommer 2014 ein neuer Polit-Talk gesucht wurde, war ich innerhalb von zwei Monaten TV-Moderator meines eigenen Konzepts.  

Aus purer Angst, beim falschen Medium zu arbeiten, vergessen einige Journalisten ihren Job. Alle Medien brauchen Menschen, die gut schreiben, erzählen und die Welt da draußen beschreiben und vermessen können. Menschen, die nicht für Klicks ihre Prinzipien vergessen.

Wir sprechen von „Echokammern“ auf Facebook und schieben zur Seite, dass es dieses Phänomen im Journalismus längst gibt: sich selbst bestätigende Systeme, die nicht immer mit der Wirklichkeit, die sie beschreiben sollen, in Einklang sind. Wir brauchen nicht noch mehr Journalisten, die gefallen wollen, weder dem eigenen Umfeld noch den Werbekunden oder den Usern auf der Facebook-Seite eines Politikers.

Man kann guten und man kann schlechten Journalismus machen, man kann hetzen und kampagnisieren oder man kann aufklären und verständlich sein, vom Lokalblatt bis zur Hauptnachrichtensendung, beim Privatsender wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Journalisten sollen nicht nach Bestätigung suchen

Guter Journalismus muss unabhängig von der Finanzierungsform des Mediums versuchen, sich nicht den niederen Instinkten zu ergeben. Gratiszeitungsjournalisten und öffentlich-rechtliche Radiogestalter haben im Kern die gleiche Aufgabe, genauso wie Privatfernsehmenschen und Onlineschreiber: ihr Publikum sachlich richtig über den aktuellen Stand der Welt zu informieren und ein kleines bisschen klüger zu machen.

Ich glaube, das gelingt der ATV-Infoabteilung. Ein immer selbstbewussteres Publikum verlangt zu Recht, dass der Journalismus die komfortable Zone der Selbstbestätigung verlässt. Umgekehrt gilt dann aber auch, dass wir dem Publikum zumuten müssen, Fakten anzunehmen, egal, wie sehr sich die eigene Meinung dagegen sträubt.

Wir brauchen mehr Journalisten in allen Medien, die nicht die Bestätigung suchen, sondern den Widerstand, weil die Wahrheit vielleicht am Weg dorthin liegt. Dafür braucht es nicht unbedingt die Bezeichnung „Qualität“ im Titel, das kann und muss manchmal auch laut sein und auffallen wollen. Aber es braucht immer das Bekenntnis der Journalisten, versuchen zu wollen, ein möglichst umfassendes Bild der Welt zu zeichnen, es sich nicht bequem zu machen in der eigenen Weltsicht, in der alle anderen entweder Boulevardfuzzis oder Bobos ohne Ahnung von der echten Welt sind.


Martin Thür, Jahrgang 1982, arbeitet, seit er 20 ist, in der Nachrichtenredaktion von ATV. Bekannt wurde er mit dem 2014 eingeführten Interviewformat „Klartext“. Thür ist eine fixe Größe auf Twitter. 



Der Text stammt aus Fleisch Nr. 40, der Angstummer. Es gibt sie jetzt im Zeitschriftenhandel oder – auch als Einzelheft – über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
und hier.

Erschienen im Winter 2016
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