Interview - Martina bachler
  

Haben Sie Angst, dass es keine Wahrheit mehr gibt?  

Katharina Neges, Philosophin: Nein, die hab ich nicht, sogar im Gegenteil. Der Glaube an Wahrheit ist eine potenziell gefährliche Angelegenheit.

Die Wahrheit ist die Wahrheit und die ist den Menschen doch zumutbar, oder?

Die Frage ist missverständlich.

Sie müsste in Wahrheit wie lauten?

Zum Beispiel könnten Sie fragen: Haben Sie Angst davor, dass Menschen glauben, die Wahrheit gefunden zu haben.


Haben Sie?

Habe ich, ja. Wenn Sie fragen, ob es keine Wahrheit mehr gibt, dann sagen Sie, dass es die Wahrheit zuvor gegeben hat. Wahrheit ist aber die Idee einer Korrespondenz unserer Überzeugungen mit der Welt, wie sie wirklich ist. Wenn diese Vorstellung je sinnvoll war, dann ist sie es noch. Ich glaube aber, dass wir ohne dieses Konzept besser dran sind. Der Philosoph und Physiker Heinz von Foerster sagte einmal: „Wahrheit bedeutet Krieg.“

Wir aus den Medien können das nicht gut finden. Wir dienen doch der Wahrheit.

Sie dienen Ihrer Wahrheit. Man kann sich das so vorstellen: Wenn zwei Menschen miteinander in Konflikt stehen, von denen beide glauben, die Wahrheit zu kennen, müssen sie zu guter Letzt streiten. Beide gehen davon aus, dass ihre Auffassung die Wahrheit ist. Wir gehen immer davon aus, dass unsere eigenen Überzeugungen die richtigen sind. Besonders unsere moralischen Überzeugungen sind uns so wichtig, dass wir nicht wollen, dass andere widersprechen. Das macht gewaltbereit. Je eher wir unsere eigene Auffassung für die Wahrheit halten, desto naheliegender ist die Anwendung repressiver Mittel.

Ist es das, was mit der Spaltung der Gesellschaft im Zuge des Bundespräsidentschaftswahlkampfs gemeint war?

Ja, das kommt dem nahe. Ein ganz anderes Beispiel ist etwa das Verbotsgesetz: Wir haben eine Überzeugung, die uns so wichtig ist, dass wir eine davon abweichende Auffassung sogar verbieten. In diesem Fall finde ich das gut, weil ich die vom Gesetz verteidigte Auffassung teile.

Kurz zusammengefasst: Es gibt also nicht die eine Wahrheit, sondern viele?

Ich bevorzuge, das Konzept der Wahrheit ganz aufzugeben. Es hat mehr geschadet als genutzt.

Gut, aber wie reden wir dann etwa über tatsächliche Flüchtlingszahlen oder Strafdelikte?

Wir können über alles auch ohne Wahrheitsanspruch reden und stattdessen mit Rechtfertigungen argumentieren. Das heißt, wir müssen erklären, wie wir zu unseren Aussagen kommen, und können dann über die Methoden streiten, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Wir haben aber in den Wahlkämpfen dieses Jahres auch gesehen, dass scheinbar wahr wird, was möglichst oft wiederholt wird.

Wiederholung schafft Glaubwürdigkeit, das stimmt. Die Sozialen Medien machen dabei aber übrigens nichts, was nicht Medien auch zuvor schon gemacht haben. Wenn ich eine Printzeitung abonniert habe, habe ich auch deren Sicht auf die Welt abonniert. Und es ist kein Zufall, dass diese sich häufig mit der eigenen deckt. Zumindest in einer Hinsicht hat sich die Problematik aber verschärft. Viele dieser über Soziale Medien geteilten Nachrichten haben keine Autoren, die auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft werden können. Dadurch verstärkt sich der Eindruck, dass das Geschriebene mehr ist als das, was der eine oder die andere behauptet.

Wie lässt sich das intelligent durchbrechen?

Indem wir immer wieder bewusst mit Menschen, die andere Überzeugungen als wir selbst haben, das Gespräch suchen. Da ist das Konzept von Wahrheit nicht sehr hilfreich. Wenn ich überzeugt bin, die Wahrheit zu kennen, dann ist das das Ende der Diskussion. Was dann folgt, ist entweder ein Gesprächsabbruch oder der Versuch zu missionieren. Es ist nur so, dass jeder, der an Wahrheit glaubt und eine Überzeugung hat, denkt, dass die Wahrheit auf seiner Seite ist.

Gerade im Wahlkampf ging es sehr viel darum, wer die Wahrheit auf seiner Seite hat.

Wahrheit ist ein interessantes rhetorisches Mittel. Das liegt mitunter daran, dass der Begriff Wahrheit zwei Gegenteile hat: Das Gegenteil von Wahrheit ist zum einen Unaufrichtigkeit, also die Lüge. Das ist die moralische Seite. Das andere Gegenteil von Wahrheit ist das inhaltlich Falsche, das was inhaltlich nicht vertretbar ist. Wenn ich also meinem Kontrahenten vorwerfe, was er sagt, ist nicht wahr, dann greife ich nicht nur die einzelne Aussage an und sage: Das ist unrichtig. Sondern ich stelle seine moralische Integrität infrage.

Also: Besser nicht über Wahrheit reden?

Ja, besser nicht.

Katharina Neges, Jahrgang 1990, ist Universitätsassistentin für Theoretische Philosophie an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt und Lehrbeauftragte an der Uni Wien sowie die Uni Graz. Sie forscht und publiziert zum Thema Wahrheit.
 

Erschienen im Winter 2016
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