interview - christoph Wagner
  

Haben Sie Angst, blad zu werden, Manuel Ortlechner? 

Wenn man jeden Tag, sagen wir, vier Stunden trainiert, dann ein-, vielleicht zweimal die Woche ein Match spielt, verbrennt das ja eine Menge Kalorien. Während der Karriere muss man sich als Fußballer also sehr bemühen, dick zu werden, oder?
Auf jeden Fall. Aber ich muss auch sagen: Danke nach oben, dass ich solche Gene mitgekriegt habe. Ich kann wirklich reinhauen, was ich will, es hat sich noch nie ausgewirkt. Zumindest bis jetzt.

Als Profi hattest du sicher Ernährungspläne, die du einhalten musstest.
Jajaja, natürlich. Ich bin ja jetzt 20 Jahre in dem Business gewesen und da gab es x Trends, die kamen und gingen. Ich muss dir echt sagen: wuaahhh, gähn. In der Regel würde es reichen, wenn sich jeder Mensch einfach normal und ausgewogen ernährt, sich nicht zu viel auf den Teller auflädt. Aber natürlich habe ich auch Dinge in meiner Ernährung optimiert, da bin ich ehrlich. Aber das hab ich gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass es mir etwas bringt.

Was denn?
Ich hatte eine Zeit, da bin ich von normalen Nudeln auf Dinkelnudeln umgestiegen. Und ich schaue auch, dass der Mix aus Kohlehydraten und Eiweiß stimmt. Das ist keine Hexerei und ich bin super damit gefahren. Ich war in meiner Karriere fast nie verletzt oder krank. Also mir muss keiner erzählen, dass ich mich glutenfrei ernähren soll. Aus welchem Grund? Leide ich an Zöliakie? Nein. Bei einem Djokovic ist das natürlich was anderes.

Novak Djokovic hat vor einigen Jahren seine Ernährung radikal umgestellt und wurde dann fast unschlagbar. Weil das bei ihm so gut funktioniert hat, hat ihm das die halbe Sportwelt nachgemacht.
Ja, weil es en vogue war, oder das ist es noch immer. Aber es macht überhaupt keinen Sinn. So viele haben das wieder abgebrochen, weil sie sich kraft-, saft-, lust- und freudlos gefühlt haben. Kaum haben sie aber wieder normal gegessen, war wieder alles gut.

Du wirkst regelrecht emotional bei diesem Thema.
Ach, emotional ist übertrieben. Aber wir sollten im Verein diese Djokovic-Sache auch einmal machen. Und man kann über Fußballer sagen, was man will, aber bei solchen Themen wirkt die Kopfwäsche extrem schnell, das habe ich dann in der Kabine gemerkt. Aber ich war und bin Gott sei Dank immer einer, der alles kritisch hinterfragt hat.

Und du hast dich also geweigert?
Ja. Warum hätte ich das machen sollen? Meine Frau ist Ärztin, wir haben gemeinsam Papers zu dem Thema rausgesucht. Es gibt Tausende Studien, die belegen, dass es kein Problem ist, wenn ich ein Semmerl esse.

Ja, schon. Aber ist das als Profi nicht ein Problem, einfach zu sagen: Nein, ich mache diese Vorgabe des Vereins nicht?
Das war ein Riesenproblem. Und vor allem, dass ich das so offen gesagt hab, dass das für mich ein Blödsinn ist. Aber ich blieb dabei und stand dazu. Das waren schwierige Stunden.

Gibt es eigentlich so eine magische Zahl? Also zum Beispiel, wie viel Körperfett man haben darf?
Es gibt irrsinnig viele Messungen. So acht Prozent sind in unserer Branche in Ordnung. Viel weniger ist aber auch nicht gut, weil du musst im Spiel von irgendwas zehren können.

Und was ist, wenn man mehr hat?
Der Klassiker ist die Zeit nach der Winterpause. Bei denen, die sich bei den Keksen nicht zurückhalten konnten. Die dürfen dann ins Börserl greifen.

Es gibt das Gerücht, dass Benni McCarthy bei West Ham fünf Wochengehälter zahlen musste, weil er zu dick aus dem Urlaub kam. Das waren angeblich 190.000 Pfund.
Bumm, das ist viel. Aber auch bei uns tun die Strafen in der Regel weh. Es ist zwar von Verein zu Verein unterschiedlich, aber wenn du ausgefressen aus dem Urlaub kommst, wird das nirgends gern gesehen. Aber im Endeffekt schadest du dir da nur selbst. Dein Körper ist nämlich dein Budget, das ist im Leistungssport so.

Wenn Fußballer nach dem Match ihr Shirt hochziehen, sehen die meisten aus wie Roboter. Einige wenige haben aber anscheinend schon während ihrer Karriere die Anlagen, dick zu werden, oder?
Ja, ich hab mir in der Kabine auch öfter mal gedacht: Na bist du deppert, mein Herr, wir sind vom Leistungssport aber auch weit weg. Aber das waren dann fast immer die genialen Fußballer.

Erst unlängst ist Gonzalo Higuain, einer der besten Stürmer der Welt, mit einem richtigen Ranzen aus dem Urlaub gekommen. Das Bild ist um die Welt gegangen.
Unter dem Strich ist das nur menschlich. Der eine ist eher anfällig als der andere. Ich hab da Glück, aber ich kenne Kollegen, die ihre ganze Karriere immer viel trainiert haben, aber nie austrainiert ausgesehen haben. Die Chance, dass die dann, wenn sie mit dem Leistungssport aufhören, auseinandergehen, ist dann natürlich viel größer.

Hast du das Gefühl, dass das manche belastet?
Ja, das tut es sicher. Der aktuelle Trend im Fußball geht dahin, dass alle ausschauen wie aus einer Fitness-Zeitung. Das ist so, weil alles schneller und athletischer geworden ist. Deswegen schauen Fußballer viel fitter aus als vor 20 oder 30 Jahren. Und dann fällt es natürlich gleich auf, wenn ein „Blader“ auf dem Platz steht. Wir haben auch zwei bis drei solche Fälle in der Mannschaft. Ich weiß, das beschäftigt die brutal.

Die zählen dann ihre Kalorien oder wie kann man sich das vorstellen?
Ich habe da ein paar extreme Sachen erlebt in den vergangenen 20 Jahren. Da gab es Spieler, die hatten ihre Waagen eingesteckt, wenn wir auf Trainingslager gefahren sind, haben jeden Tag ihr Gewicht gecheckt. Da sieht man, dass es diese Angst schon gibt. Und zwar schon während der Karriere. Ich frage mich: Was ist erst, wenn sie aufhören?

Irgendwann neigt sich die Karriere, so wie bei dir jetzt, dem Ende zu. Und plötzlich, ein paar Jahre später, brauchen selbst die damals schlankesten Spieler bei einem Legendenturnier plötzlich ein XL-Trikot. Wieso ist das so?
Ich glaube, da muss man tatsächlich vom Essen wegdenken hin zum Trinken. Während der Karriere trinken die wenigsten regelmäßig Bier. Aber wenn sie dann vorbei ist, und das merke ich auch selber, denkt man sich: Ah, jetzt kann ich mir aber schon eines gönnen. Warum auch nicht? Ich glaube, dass das das große Thema bei den meisten ist.

Dass sie sich während der Karriere so zusammengerissen haben, dass sie jetzt etwas aufholen wollen?
Genau, viele leben in einer Art Askese. Und dann darf man plötzlich. Aber gleichzeitig verbrennt man weniger. Trinkt aber plötzlich ein bisschen was, isst genauso weiter wie vorher. Dann wundert einen nichts mehr. Vor allem ist man ja auch weg vom täglichen Training oder macht überhaupt nichts mehr. So kann das ganz schnell gehen.

Hat man nach vielen Jahren Profisport oft nicht mal mehr Lust, eine Runde laufen zu gehen?
Was heißt schon Lust? Ich bin jetzt in der wirklich allerallerletzten Phase meiner Karriere und mein Körper sagt mir ... Nein, ich beschreibe es so: Mein Körper ist wie ein Smartphone, das man schon länger hat, zwei Jahre plus. Dann steckst du es am Abend an, lädst auf, aber in der Früh ist es trotzdem nicht mehr auf 100 Prozent. Du lädst und lädst und lädst, aber du kommst nicht mehr auf 100 Prozent. Du kommst auf 97, das Monat drauf nur mehr auf 93. So geht es meinem Körper gerade. Ich habe ihn 20 Jahre lang ausgezuzelt, alles rausgeholt, richtig Schindluder mit ihm getrieben – schau dir meinen Knöchel an, der wird nie wieder abschwellen. Und deswegen fehlt einem dann die Lust, sich weiter zu quälen, nur damit man ausschaut, wie man immer ausgeschaut hat.

Also – und da wären wir wieder am Anfang – du hast keine Angst, ein bisschen dicker zu werden, es ist dir eher egal?
Nein, so ist es auch nicht.

Sondern?
Ich bin da entspannt, weil ich überhaupt keine Anlagen in diese Richtung habe – schau mich an. Am ehesten wird es ein kleines Bäuchlein, das weiß ich von meinem Papa und meinem Opa, wohin die Reise gehen könnte. Außerdem werde ich weiter sporteln, nur eben nicht mehr auf diesem Niveau. Weil, zugegeben, ich habe auch einen ästethischen Hang. Wenn ich mich in den Spiegel schaue und eine Wampen sehe, würde ich mich selber nicht mehr mögen. Deswegen werde ich schauen, dass alles passt. Das bin ich auch meiner Frau schuldig.

Manuel Ortlechner, Jahrgang 1980, ist ein österreichischer Fußballprofi. Er spielte neunmal für das österreichische Nationalteam und mit der Wiener Austria auch Champions League. Dort wurde er sogar einmal in das Team der Runde gewählt. Derzeit lässt er seine Karriere bei den Austria Amateuren ausklingen und schreibt nebenbei seine Master-Arbeit in Marketing-Management. Außerdem ist er begeisterter Fotograf: instagram.com/manuelortlechner.foto


Das Interview stammt aus Fleisch 40, der großen Angstnummer. Als Einzelheft nachzubestellen unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Erschienen im Winter 2016
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