Text - markus huber, christian Seiler
  

Die Gefahr
"In erster Linie interessiert mich die Todesnähe."  

Fleisch: Was liest eigentlich Thomas Glavinic?

Glavinic: Hauptsächlich Sach­bücher.

F: Gemessen an Ihrer Faszination fürs Bergsteigen, die durch viele Ihrer Bücher durch­scheint, sagen wir mal: Bergbücher, oder?

G: Ja, doch, die hatte ich schon gelesen, bevor das Bergsteigen in meine Literatur kam.

F: Den großartigen Bestseller In eisigen Höhen von Jon Krakauer?

G: Auch den. Ich empfehle in diesem Zusammenhang dringend Der Gipfel von Bukrejew. Die Lektüre dieses Buches relativiert die Darstellung Krakauers ein wenig. Der Gipfel macht deut­lich, dass Krakauer kein Höhenbergsteiger ist und das eine oder andere womöglich falsch beurteilt hat. Ich habe auch das Buch von Beck Weathers gelesen, der da oben zwei Tage lang komatös herumlag. Sogar dem esoterischen Geschwurbel von Lene Gammelgaard habe ich mich gewidmet. Lauter faszinierende Bücher, die ich lange, bevor ich wusste, dass ich ein Buch über den Everest schrei­ben werde, las. Kennen Sie Die weiße Spinne?

F: Nein.

G: Schade. Mein erstes Berg­buch, es fiel mir mit 12 oder 13 in die Hände. Von Heinrich Harrer.

F: Wir fragen nach Ihrer Lektüre, weil Sie ja Ihre Helden haben. Milan Kundera, wie wir gelernt haben, oder auch John Burnside oder Denis Johnson. Die Frage, die sich uns stellt: Wie können das Helden sein, wenn Sie deren Bücher nicht lesen?

G: Die Bücher dieser Autoren lese ich sehr wohl. Burnside und Johnson sind für mich keine Helden, sondern so etwas wie entfernte Verwandte. Das klingt großspurig, und ich würde niemals behaupten, ich wäre so großartig wie sie. Aber sie schreiben meiner Meinung nach über Ähnliches und auf ähnliche Weise wie ich. Milan Kundera ging in den sechziger Jahren nach Frankreich und fing 1970 an, auf Französisch zu schreiben. Ungeheure Leistung. Aber das liegt bald fünfzig Jahre zurück. Kundera lebt zwar noch, war jedoch im Gegensatz zu Burnside und Denis Johnson bereits in meiner Kindheit präsent. Die Bergsteiger waren für mich übrigens auch keine Helden. ...


Das vollständige Gespräch gibt es in Fleisch Nr. 39, jetzt im Zeitschriftenhandel oder über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Erschienen im Herbst 2016
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