Text - markus huber, christian seiler
  

Das Verlagswesen
"Man soll nur bei Großverlagen veröffentlichen."  

Fleisch: Wer liest Ihre Bücher, bevor Sie sie abgeben?

Glavinic: Ich überarbeite jeden Text bestimmt zwanzigmal und öfter, bevor ihn irgendjemand anderer sieht. Dann gebe ich ihn ausgewählten Freunden zu lesen, Menschen, die lektorieren und schreiben können.

F: Zum Beispiel wem?

G: Daniel Kehlmann zum Beispiel. Die Liste meiner professionellen Privatgutachter hat sich allerdings ausgedünnt, weil ich nur mehr mit wenigen Menschen aus der Literaturwelt zu tun habe. Eigentlich ist es aus der Branche nur noch Kehlmann, von dem ich eine Art Lektorat bekomme.

F: Eine Art Grundfeedback?

G: Ja. An diesem Punkt bin ich mir bereits sicher, dass das Wesentliche stimmt. Es gibt keine offenen grundsätzlichen Fragen mehr. Dann bekommt meine Lektorin bzw. mein Lektor den Text. Deren Anregungen habe ich häufig angenommen und eingearbeitet.

F: Wir reden von einer strengen Lektorin?

G: Bei Hanser war es Lina Muzur, eine brillante Lektorin. Von ihren Anmerkungen konnte ich 80 bis 90 Prozent übernehmen. Das ist mehr als ungewöhnlich. Auf diesem Feld erlebt man so einiges. In Österreich habe ich einmal eine Kurzgeschichte für einen Sammelband gespendet, den mir der Lektor mit seinen Anmerkungen ver- sehen zurückschickte, und seine Vorschläge waren haarsträubend. Wie ist der Mann in diese Position gekommen?

F: Was konnte Lina Muzur so viel besser?

G: Lina konnte einfach ihren Job. Ohne sie würden meine Bücher anders aussehen. Wenn meine Bücher gut sind, dann sind sie es auch durch sie.

F: Aber woran hat sie gearbeitet?

G: An jedem Satz. Das Größere Wunder etwa hat sie dreimal vollständig überarbeitet. Das ist extrem viel. Normalerweise muss ein Autor froh sein, wenn sein Lektor einen einzigen ganzen Durchgang schafft. Ich schreibe meine Bücher übrigens, wenn sie fertig sind, noch einmal. Das heißt, ich drucke mir den Text aus, öffne eine neue Datei und schreibe es Wort für Wort noch einmal ab.

F: Sie schreiben es ab?

G: Ja. Die Texte, von denen ich denke, dass sie eigentlich fertig sind. Selbst bei diesem letzten Überarbeitungsdurchgang finde ich Fehler. Da und dort ein Satz. Da und dort muss ich einen Absatz umstellen. Diese große letzte ist die qualvollste Überarbeitung überhaupt und zugleich die lohnenswerteste. Da geht es um Rhythmus und Klang. Ob manche Wörter zu nahe aneinander stehen, ob die Melodie jeder Stelle stimmt. Darauf kommt es natürlich auch an. Aber erst auf einer tieferen Ebene. ...


Das vollständige Gespräch gibt es in Fleisch Nr. 39, jetzt im Zeitschriftenhandel oder über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Erschienen im Herbst 2016
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