Text - markus huber, christian seiler
  

Das Schreiben
"Ich wollte schon immer Weltliteratur machen." 

Fleisch: Wieso haben Sie sich ausgerechnet die Schriftstellerei ausgesucht?

Glavinic: Das sucht man sich nicht aus. Man merkt, dass es da ist. Ich war mit fünf Jahren schon Schriftsteller, ohne dass ich gewusst habe, was das bedeutet. Im Nachhinein gesehen war ich mit fünf Jahren der, der ich jetzt bin. Ich halte das allerdings für nichts Außergewöhnliches: Jeder von uns ist ja auch noch das Kind, das er damals war, und wenn wir wollen, können wir uns alle an dieses Kind erinnern. Ich habe bereits mit acht oder neun Jahren geschrieben, auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass das ein Beruf für mich sein könnte.

F: Sie hatten also immer schon Geschichten im Kopf?

G: Ja. Ich habe sie geschrieben und anderen gezeigt. Aber ob ich damals schon Schrift- steller werden wollte? Eher nicht. Das war mir erst mit 17 klar. Damals fiel mir der Ulysses in die Hände, und ich wusste, ich würde nie etwas anderes tun wollen, als große Bücher zu schreiben. Zwölfmal las ich den und kam mir von Mal zu Mal immer intelligenter und intellektueller vor, obwohl ich überhaupt nichts verstanden hatte. Es hat ein paar Jahre und die Lektüre des gesamten Ellmann-Sekundärwerks gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das eigentlich ein sehr aufgeblasenes Zeug ist.

F: In den Suburbs von Graz muss Schriftsteller aber wohl so ziemlich der unattraktivste Job sein, den man sich aussuchen kann.

G: Für das Kind, das ich war, oder für die anderen?

F: Für das Kind, das Sie auf gewisse Weise ja gewesen sein mussten.

G: Nein, ich hatte eigentlich immer einen recht guten Zugang zu mir selbst und wusste, was ich will und was ich bin. Und mit 17 war ich schon ein anderer. Da lebte ich in Gleisdorf, hatte mich selbst ein bisschen erzogen und war die meiste Zeit alleine. Ich wusste, ich würde Romane schreiben und davon leben. Es nannten mich zwar alle ringsum einen Trottel, weil man vom Schreiben ja nicht leben könnte, aber ich entgegnete, dass Peter Handke auch nicht als Taxifahrer arbeitet, um sich das Schreiben zu finanzieren. Und wenn dann kam, das sei eben Handke, den könne man nicht mit normalen Maßstäben messen, antwortete ich, Peter Handke war auch nicht immer Peter Handke. Was auf Unverständnis stieß. Für mich war das logisch, auch wenn mich alle ausgelacht haben. 


Das vollständige Gespräch gibt es in Fleisch Nr. 39, jetzt im Zeitschriftenhandel oder über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Erschienen im Herbst 2016
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