Text - christian seiler
  

Als wir einmal Thomas Glavinic trafen
Zu Beginn haben wir ihm dabei zugeschaut, wie er große Spritzer trank. Dann haben wir seinen Schrank in seine Wohnung hochgeschleppt und auf einmal waren ein paar Wochen vergangen und wir waren bei Sex, Drogen, Haltung und Tod.  

Natürlich mussten wir uns, bevor das Gespräch mit Thomas Glavinic sozusagen offiziell beginnen konnte, sozusagen inofiziell treffen, um das Prozedere zu abzuklären. Wann, wo und vor allem warum sollte eine Reihe von Gesprächen zwischen dem Schriftsteller und den Fleisch-Repräsentanten stattfinden, die in ihrer Summe dann dieses Heft ergeben würden.

Ich war gegen das Anzengruber als Austragungsort der Vorbesprechung. Das Anzengruber ist in den Romanen von Thomas Glavinic ein literarischer Ort, in dem sich literarische Figuren bewegen, die es im richtigen Leben auch gibt. Manche dieser literarischen Figuren servieren im Anzengruber alkoholische Getränke, und ich hatte das Gefühl, dass die echte Wirkung dieser literarischen Substanzen auf den Dichter Rückkopplungen auf unser Gespräch und unseren eigenen Zustand haben könnte.
Deshalb schlug ich für die Eröffnungssitzung das Café Prückel oder das Café Engländer vor, weil dort die Hemmschwelle, ganz automatisch „einen großen Gespritzten“ zu bestellen, also eine Mischung von Wein und Sodawasser zu gleichen Teilen in einem Halb­literglas, höher sein würde als im Anzengruber, wo solchen Bestellungen mit größter Selbstverständlichkeit nachgekommen wird.

Glavinic dachte freilich gar nicht daran, seinen engeren Wirkungskreis (neben dem Anzengruber frequentiert er mit Vorliebe das italienische Lokal Otto e mezzo, ebenfalls einen literarischen Ort mit echtem Essen) zu verlassen. Anzengruber oder nix. Glavinic kam ein bisschen zu spät. Er bestellte „einen großen Gespritzten“.

Aber wer glaubt, dass jetzt der alkoholschwangere Erlebnisaufsatz beginnt, wie er in der einen oder anderen Form in zahlreichen Literaturteilen deutscher Zeitungen (österreichische Zeitungen haben ja bekanntlich keinen Literaturteil) erschienen ist, freut sich vergebens. Weil die zwei, drei Stunden, die wir zwischen dem mittleren Nachmittag und dem frühen Abend am Wirtshaustisch des Anzengruber verbrachten, verliefen zivilisiert und interessant, zwei Attribute, die ich übrigens stark mit Thomas Glavinic verbinde, auch wenn dessen Neigung zum Exzess manchmal seine übrigen Qualitäten überstrahlt.

Das wiederum war ein wesentliches Motiv, in aller Ruhe dieses Gespräch zu führen. 

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Den vollständigen Text gibt es in Fleisch Nr. 39, jetzt im Zeitschriftenhandel oder über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Erschienen im Herbst 2016
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