Text - martin staudinger
  

 

Klassenkampftreffen
Alle zehn Jahre treffen wir Menschen, die wir völlig zu Recht zehn Jahre nicht getroffen haben. Weil sie sich in der Zeit nämlich weiterentwickelt haben. Oder auch nicht.
Ein paar mussten sich entschuldigen, ein paar wollten nicht dabei sein, ein paar waren nicht mehr zu finden, zwölf sind gekommen. Bisserl grauer. Bisserl faltiger. Bisserl blader. Aber alle unverkennbar. Klassentreffen, fast drei Jahrzehnte nachher. Die Frauen wirken tendenziell weniger gealtert als die Männer. Bei manchen sind Charaktereigenschaften, die früher bloß zu erahnen waren, inzwischen aus dem Neuschnee der Jugend geapert. Bei anderen verbergen sie sich unter den Jahresringen des guten Lebens. Wie das halt so ist mit knapp über Mitte 40 (schonender lässt sich dieser Altersabschnitt nicht benennen). Viele reden über ihre Kinder. Wenige über Krankheiten. Alle über alte Geschichten.

Der M., wie er sich seinen Schwanz mit Stabilo Boss neongrün anmalt und mit UHU ein Papierhütchen oben draufpickt, und das alles während der Chemiestunde in der vorletzten Bankreihe. Die A., wie sie dem R. nach dem Heurigen auf der Wienwoche im Bus in die Jacke kotzt. Die Burschen, wie sie am Skikurs in ein Mädchenzimmer einbrechen wollen, dabei ertappt werden und sich dann in einer Reihe am Gang aufstellen müssen, und der Lehrer: Pitsch, patsch, pitsch, patsch, jedem eine Watsche. Der Pädagoge, wie er bei der mündlichen Wiederholung an der Tafel so lange mit seinen 120 Kilo Lebendgewicht auf Schülerzehen steigt, bis die Prüflinge irgendeine Antwort herauswürgen. Alles Vorfälle, von denen jeder einzelne heute für einen „Krone“-Aufmacher, einen Schulverweis oder ein Disziplinarverfahren reichen würde.

Ich sage jetzt nicht: Gute alte Zeit.

Ich sage nur: So war das damals, in den 1980er Jahren, in der oberösterreichischen Provinz. Da auf der Alm sitzen jedenfalls, nach eineinhalb Stunden Aufstieg, zwölf Leute, die eine Zeit lang intimer miteinander bekannt waren als mit ihren Eltern.
Schön: Schäfchenwolken am blauen Himmel, eine Wiese, die riesige Linde im Gastgarten – eine Szene wie auf einem Van-der-Bellen-Plakat.
Bier ab halb elf am Vormittag. Der Wirt: beflissen, freundlich. Heimat, wie sie harmloser nicht sein könnte.
Und zwei Wochen nach der Präsidentschaftswahl und dem ganzen Gerede um den Riss, der durch das Land geht, denkst du dir: Was für ein Quatsch. Dass ein paar recht rechts und ein paar andere recht links geworden sind, ist natürlich klar, aber darüber wird maximal gewitzelt werden. Mit Leuten, mit denen du den ganzen Pickel-Bravoheftl-Schulangst-Teenie-Wahnsinn zusammen durchgemacht und ausgestanden hast, kannst du ja gar nicht ernsthaft streiten.

In so einer Gymnasial-Oberstufenklasse am Land vor 30 Jahren war es ja nicht so, dass es die einen und die anderen gegeben hätte. Die wesentlichsten Unterschiede waren Kleinbürger- oder Akademikerfamilie, aber auch das spielte letztlich keine Rolle. Ebenso wenig die Frage, ob die Eltern SPÖ oder ÖVP wählten: sie wurde nicht einmal gestellt. Dort, wo wir herkommen, gingen damals schließlich auch viele Sozialisten jeden Sonntag brav in die Kirche. Wahrscheinlich, sicher, hatten ein paar FPÖ-Hintergrund, aber die Freiheitlichen waren damals noch eine kleine, verschmockte Honoratiorenpartei, Haider konnte man zwar bereits ahnen, aber noch nicht wirklich spüren.

Hainburg fand keiner gut, die Grünen galten als nett, aber komisch. Ein bisschen Bammel vor einem Atomkrieg hatten alle, im Schaukasten neben der 3c hängte der Referent für „Geistige Landesverteidigung“ seine Info-Plakate aus: Er war ein Ungarn-Flüchtling, dementsprechend furios antikommunistisch und eine freundlich belächelte Figur. Der Ostblock war noch ein Block, Flüchtlinge und ihre Schlepper galten als Helden und Zuwanderung war kein Thema, die Gastarbeiterkinder kamen ja eh nicht aufs Gymnasium.

Was in der Klasse allenfalls als Fraktionen gelten konnte, war musikalisch definiert:

Auf der einen Seite die Rustikalen, die schon als Schüler bei irgendeiner Blasmusikkapelle spielten; auf der anderen die mit der E-Gitarre. Aber auch das war höchstens ansatzweise ideologisch zu deuten.

Jetzt, um halb eins: Schweinsbraten, Schnitzel, Kaspressknödelsuppe. Kein ostentativer Vegetarismus, kein Veganertum, keine Alkoholabstinenz. Erstaunlich, wie viele noch rauchen und trotzdem flott hier oben waren.
Irgendwann zieht ein Gewitterregen über die Berge herein, man flüchtet unter das Vordach. Vis-à-vis sitzt W., rot kariertes Hemd, ironisch getragene Bermudas im Lederhosendesign, verspiegelte Sonnenbrille auf dem Kopf. Ist in der Gegend geblieben, kennt den Wirt. War in der Schule bei der Blasmusikfraktion, hat jetzt einen guten Job im Technologiebereich. Präziser, schneller, schlagfertiger Witz. Den kann man gar nicht nicht mögen.

Radler und Bier, die fünfte Runde.

Jetzt regnet es schräg, Wind ist aufgekommen, also Wechsel in die Wirtsstube. Betrunken ist niemand, aber alle sind sozusagen gut eingestellt. Am Nebentisch sitzen ein paar andere Wanderer mit dem Wirt, hören den Geschichten, die eigentlich nur lustig finden kann, wer damals dabei war, ungeniert zu und lachen mit.

Alles passt. Good vibes, nicht im Entferntesten das Gefühl, dass es da irgendwo rote Linien geben könnte, an die man besser nicht anstreift.
Aber irgendwann, keiner hat es kommen sehen, passiert es und das Wort Präsidentschaftswahl fällt. Das macht aber überhaupt nichts, denkst du dir, weil: Jetzt wird es interessant, und jetzt wird der Beweis geführt werden, dass man sich mit so einer gemeinsamen Geschichte am Buckel gar nicht zerkrachen kann.

Doch ein paar ziehen jetzt schon die Köpfe ein, dem W. friert das Gesicht ein, und der neben ihm sitzende G., der ihn öfter sieht als alle vier, fünf Jahre und daher offenbar weiß, was jetzt kommen könnte, murmelt etwas Beschwichtigendes davon, dieses Thema doch lieber gut sein zu lassen.

Der W. aber sagt etwas in die Richtung, dass er schon beim Herfahren befürchtet habe, dass es irgendwann heute so weit kommen werde, und hast du es nicht gesehen, zofft er sich mit der E., und die E. fragt sehr laut, was der W. denn eigentlich wähle, und der W. schreit jetzt: „Blau!, Blau!, damit’s ös wisst’s, und zwoa scho laung“, als ob er froh wäre, dass es endlich draußen ist. Und die E. schreit zurück, während links und rechts von den beiden fast panisch Jacken zusammengerafft und Brieftaschen zum Zahlen bereit gemacht werden. 

Es geht jetzt um den Sommer vergangenes Jahr, die Flüchtlinge, um Angela Merkel.

Grenzen offen lassen, etwas anderes wäre ja gar nicht möglich gewesen in der damaligen Situation.
Nein, absperren hätte man müssen. Um zu verhindern, dass wir überrannt werden. Bledsinn, überrennt! Wie wenn Europa wegen a poa Hunderttausend Flüchtlingen untergehn tät.
Weil ma hoid ned die ganze Wöd aufnehmen kinnan. Owa Schmoarrn, wia waun olle kommen tatn!
Na wos.
Aber geh.
Und du.
Deppad.

Dann fällt auch noch das Wort Willkommenskultur und der W. definiert jetzt, brüllend und pauschal, mit wem er da zusammensitzen müsse: „Gut!Men!Schen! Träu!Mer!Leins! Na!iv!linge!“

Jetzt plärrt der Wirt, plötzlich gar nicht mehr freundlich, vom Nebentisch: „Endddli! Endddli oana, dea wos vanünftig is!“, und die um ihn sitzenden anderen Gäste, die gerade noch bei den alten Geschichten mitgelacht haben, assistieren mit gurgelnden Zustimmungslauten.

Ein paar Minuten später stehen alle draußen vor der Hütte und machen sich zum Anstieg ins Tal bereit. Diejenigen, die sich vorher in die Haare geraten sind, schleichen umeinander herum, mit dem schneidenden Gefühl im Bauch, dass es schwierig sein wird, in den Zustand der ideologischen Unschuld zurückzukehren und ungeschehen zu machen, was gerade passiert ist: die offizielle Feststellung nämlich, dass es auch bei uns, der ehemaligen 8c, einige gibt, die einander gegenseitig als die anderen wahrnehmen.

Das ist ein Befund, der um sechs Uhr abends schnell ernüchtert, während du zuschaust, wie ein rot kariertes Hemd im regendampfenden Wald talwärts verschwindet, schnell, grußlos und auf Nimmerwiedersehen. 


Erschienen im Sommer 2016
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