Zur Hölle, wer sind die Anderen?
Wir hatten lange Zeit kein großes Bedürfnis, sie kennenzulernen. Zu sehr waren wir mit uns selbst beschäftigt. Plötzlich waren sie da und nahmen uns unser Spielzeug weg – die Vorherrschaft.
Wenn Fleisch sich plötzlich um die Anderen kümmert, kann was nicht stimmen. Fleisch ist seit jeher der selbstbezüglichen Hochachtung verschrieben, anlassbezogen skeptisch selbstzweifelnd, mit Vorliebe euphorisch selbstergriffen. Das Fleisch-Selbst beinhaltet neben dem Fleisch-Ich auch die Leute um das Fleisch-Ich herum und alle, die dazu gehören, egal, ob die davon wissen oder nicht. Wir haben die alle am Radar, keine Sorge. Wir sind die Austro Control des Stückchen Himmels über uns.

Andere tauchten da nie auf. Die blieben unter unserer Wahrnehmungsschwelle, die Austro Control kümmert sich ja auch nicht um den U-Bahn-Verkehr. Das klingt überheblich, ist es auch, aber nur insofern, als Ignoranz bedeutet, die anderen nicht wahrzunehmen, weil man so sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Hm, ja, das ist aus der Nähe betrachtet vielleicht doch ganz hübsch herablassend.

Egal. Jetzt geht es – endlich mal – um die Anderen. Die drängen sich plötzlich auf. Die längste Zeit waren die Anderen zwar viele, viel mehr als wir, aber sie waren bloß eine Art Füllpersonal für uncoole Wohngegenden. Sie zählten nicht. Sie schienen keine Musik zu haben, keine Ideen, keinen Sinn für Fortschritt, stattdessen langweilige Jobs und Autos mit Garagenplätzen.

Sie waren das Gegenteil einer Hegemonialmacht und sie machten auch keine Anstalten, eine zu werden. Wir erdachten eine Welt aus Homo-Ehe, DJ-Kultur, Euro-Rettungsschirmen, Elektroautos und veganen Burgern, und errichteten ein System, das die von uns für prima befundenen Sachen für uns umsetzte. (Wie wir genau dieses System errichteten, ist gar nicht so einfach zu erklären, aber dass es existiert, können alle Gegner des Systems bestätigen.) Die Anderen kriegten die Homo-Ehe, die veganen Burger und all das per Gesetz oder Markt auch geliefert, sie mussten es ja deshalb nicht konsumieren. Manchmal ließen die Anderen deshalb ein Grummeln vernehmen, aber dann drehten wir den Volumen-Regler der DJ-Kultur etwas lauter und weg war es.

Wenn es nach uns gegangen wäre, hätte es immer so weiter laufen können.

KRACH! TRUMP! PAFF! GRENZZÄUNE! ORBAN! KAWUMM!
BREXIT! HOFER!


Irgendjemand hat unser System kaputt gemacht. Ein Beispiel: Wir wollten, dass die Flüchtlinge gerecht auf die Länder der EU aufgeteilt werden, aber daraus wurde nichts. Warum nicht? Wo wir es doch wollten und unser System auch den Beschluss dazu fasste und die Quoten festgelegt waren und die EU-Beamten ausschwärmten… Es wurde nichts. WIR sind fassungslos.

Die Anderen nicht. Sie scheinen zufrieden. Manche jubeln, manche geben sich unbeteiligt. Die haben doch was damit zu tun!

Das war bloß der Anstoß, sich die Anderen anzusehen. Wir glauben nicht, dass die Anderen notwendigerweise gleichzusetzen sind mit den Trump/Hofer/et.al.-Wählern. Der Zusammenhang könnte auch bloß annäherungsweise bestehen. Bestimmt wählen die Anderen auch Rot und Schwarz und Weiß und Lugner und Stronach, aber wen unterstützen sie im Zweifel, Blau oder Grün?

Kein Zweifel, wir müssen die Anderen begutachten. Sie wohnen ja quasi um die Ecke, und doch ist es eine uns fremde Welt. Wir wollen da hin fahren, uns ihre Behausungen ansehen, ihre Lebenswelten, ihre Gebräuche, ihre Sachen. Wie reden sie, worüber lachen sie, was essen sie, was erachten sie als geglücktes Leben?

Wir haben nicht vor, alles abzulehnen, was wir da finden werden.

Wir sind ja nicht blöd. Wir wollen nicht unseren Geschmack, unsere Werte und unsere Flausen zum Maßstab der Zivilisation erklären. Zumal die Ausdehnung unserer Zivilisation geographisch gesehen kleiner ist als ein Flächenbezirk. Da haben wir ihn schon, den ersten Fachterminus: der Flächenbezirk. Dort wohnen die Anderen, soviel wissen wir. Nicht alle, aber viele. Wir würden da nicht wohnen wollen, also ist das schon mal ein Unterschied. Was sagt er aus?

Wir finden viele solche Unterschiede, aber welche sind bedeutsam? Kann sein, dass manche von uns Trash-TV ansehen, Club-Urlaub machen, Billig-Sofas in die Sitzecke stellen, „Heute“ lesen, Bausparen, Ö3 hören, einen SUV fahren und vielleicht sogar in einem Flächenbezirk leben. Alles zusammen allerdings nicht.

Die Anderen, die all das kombinieren, oder wenigstens ziemlich viel davon, haben die komplett andere Werte? Fanatisch wirken sie ja nicht. Vielleicht ungerührt, wenn Thilo Sarrazin etwas sagt, was uns irrsinnig aufregt? Und noch mehr regt uns dann auf, dass die Anderen nicht mal bei uns auf Twitter und Facebook aus der Deckung kommen, um sich von uns die moralisch wohlverdienten Prügel abzuholen und danach geläuterte Follower zu werden.

Sind die Anderen ärmer? Nicht unbedingt.

Viele fahren dicke Autos und kaufen sich eine Glock, um… und dann schauen sie vielsagend drein.
Ganz bestimmt sind sie nicht notwendigerweise ältere weiße, heterosexuelle Männer, denn das ist etwas weniger als die Hälfte von uns selber oder aber bald selber.

Wir würden uns manchmal wünschen, dass die Anderen einen Repräsentanten wählen, damit wir ihn (oder sie, falls sie eine Repräsentantin wählen, aber das glauben wir nicht) zur Rede stellen können. Das tun sie nicht, wahrscheinlich, um uns noch mehr zu provozieren. Strache? Nö. Hofer? Ach, was. Kurz? Pfff. Nein, keiner, sie leben anders, sie sind anders, und oft wählen sie wohl auch anders, aber das bleibt für uns undurchschaubar. Derzeit finden sie wahrscheinlich Christian Kern gut, aber aus welchen Gründen?

Soviel Rätseln erschöpft.

Fahren wir am besten hin, gleiten wir durch die Straßen der Flächenbezirke wie durch die Downtown von Detroit und sehen wir uns an, wer da ist und wie die sind. Fragen wir ganz ungeniert: Was essen Sie so? Gefällt Ihnen diese Buddha-Statue in ihrem Garten wirklich? Macht Sie das glücklich? Und können Sie fürs Foto kurz still halten, unsere Leser wollen ja wissen, wie Sie aussehen? Reisejournalismus ohne Reisepass und Fahrtspesen.

Dann, am Ende, ordnen wir natürlich alles wieder ein in unseren Raster. Ha, eingefangen! Jetzt kennen wir die Anderen, haben sie kartografiert, seziert, vermessen, abgehorcht, abgebildet und veröffentlicht. Wir tun gar nicht so, als könnten wir aus unserer Haut. Ganz bestimmt täten die Anderen, wenn sie nicht ebenso scheußlich desinteressiert an uns wären wie wir an ihnen – mit dieser einen Ausnahme –, genau dasselbe.

Dabei hoffen wir insgeheim, allein unser Vorbild weckt in den Anderen den dringenden Wunsch uns nachzueifern. Altbauwohnungen! Plattenspieler! Kreativ-Projekte! Grünsympathisantengenörgel! Slack-Account! Avocado-Eis!

Aber sie wollen uns unbegreiflicherweise nicht nacheifern. Sie begegnen uns mit einer Indifferenz, die bedrohlicher ist als das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. Ihnen wohnt eine schreckliche Idee inne.

Sie glauben, wir seien die Anderen.



Erschienen im Sommer 2016
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