Text - matthias eckkrammer
  

 

Fleisch-Tagebuch
Matthias Eckkrammer studiert Journalismus an der FH Wien, wo er irgendwie nicht so richtig auf sein Praktikum bei Fleisch vorbereitet wurde*.
1. März 2016
Liebes Tagebuch: Heute war mein erster Tag beim Fleisch. Mein Chef kickt Bälle durch die Redaktion. Zu Mittag habe ich mir Kokoskuppeln gekauft und auf meinen Platz gelegt. Dann ist Martina gekommen und hat sie unkommentiert einfach gegessen. Ich habe es amüsiert aus der Ferne beobachtet. Am Nachmittag bin ich mit Helene durch Wien gefahren, um Lego einzukaufen. Danach drei Stunden Lego bauen.

3. März 2016
Ich habe verstanden, dass Süßigkeiten hier sowohl Grundnahrungsmittel als auch Allgemeingut sind. Markus hat mir rote Balla Balla hingeworfen und mir aufgetragen, sie zu essen. Ich glaube, er meint es ernst.

8. März 2016
Die Fleisch-Redaktion ist ziemlich gaga. Gefällt mir.

10. März 2016
Pia will für die Wolfgang-Petry-Geschichte einen gestickten Petry. Ich befürchte Schlimmes.

11. März 2016
Markus hat mir Tipp-Kick gezeigt und will jetzt ständig spielen. Ich habe noch nie davon gehört, aber er spielt es seit seiner Jugend. Das erste Match hab ich 10:0 verloren. Markus hat jedes Tor kommentiert und bejubelt. Ich fühle mich erniedrigt.

15. März 2016
Wir waren im Baumarkt und haben Kunstrasen gekauft. Außerdem noch Holz und eine Säge. Ich habe damit ein Fußballtor für Spielzeugtiere gebaut. Auf den Kunstrasen habe ich ein maßstabsgetreues Fußballfeld gezeichnet. Habe außerdem Hahn-Textzeilen für die Bundeshymne gedichtet. „Vereinigt euch ihr Gockelscharen, fordert euer Recht zu garen ...“

16. März 2016
Helene hat mich losgeschickt, um Moos zu kaufen. Gibt’s bei Müller. Morgen werde ich für die Ja!Natürlich-Kampagne oben ohne auf der Mariahilfer Straße fotografiert. Es gab eine kurze Diskussion, ob ich mein Brustfell rasieren soll. Ich darf es behalten.

17. März 2016
Heute war das Oben-ohne-Shooting. Helene hat mir mit Tattoo-Stift „My Cock, My Rules“ auf den Bauch geschrieben und ich bin dann mit Gockelmaske und Protestschild auf der Mariahilfer Straße gestanden. Helene hatte Angst, dass uns irgendwelche Feministinnen verprügeln wollen, was irgendwie lustig gewesen wäre. Leider ist nichts passiert. Ein paar Passanten haben mich fotografiert, hauptsächlich Typen.

19. März 2016
Auf meinem Bauch steht seit zwei Tagen „My Cock, My Rules“. Laut Verkäufer hält der Tattoo-Stift ca. fünf Tage.

21. März 2016
Habe Markus heute zum ersten Mal in Tipp-Kick besiegt. Er ist danach ziemlich schnell aufgestanden und gegangen.

22. März 2016
Heute habe ich ein Floß geplant, skizziert und eine Anleitung geschrieben. Wie beschreibt man das Knüpfen eines Seemannsknotens? Wenn Markus beim Tipp-Kick verschießt, sagt er „Fick die Henne“. Eine Anspielung auf meinen Gig als Hahn?

23. März 2016
Ich soll Wolfgang Petry sticken. Fuck.

24. März 2016
Das Internet lässt echt keine Wünsche offen – ein Stickmuster von Wolfgang Petry zu erstellen dauert zwei Minuten. Das Bild wird knapp 16 x 18 Zentimeter groß und hat 5.460 Kreuzstiche, das heißt, die Nadel muss 21.840-mal durchs Loch. Das ist Waaaahnsinn ...

25. März 2016
Ich war im Nähladen und habe Garn gekauft. Die Verkäuferin hat mir erklärt, wie man stickt, findet mein Vorhaben aber merklich sonderbar. Danach habe ich angefangen zu sticken. Vier Stunden und ich bin noch immer bei Petrys Haaren. Ich sticke die Wolle von Wolle. Ist das eigentlich noch Journalismus? Morgen kommt sein Kinn. Besonders freue ich mich auf den Schnurrbart.

29. März 2016
Ich habe acht Stunden gestickt. Sonst nichts. Warum hat mich im Journalismus-Studium darauf niemand vorbereitet? Mittlerweile bin ich froher, bei den Pfadfindern gewesen zu sein als auf der Fachhochschule.

30. März 2016
Ein Meilenstein: Nach zwei Tagen Sticken zum ersten Mal die Farbe gewechselt. Mir ist es jedes Mal scheißpeinlich, wenn jemand kommt und fragt, was ich da mache.

31. März 2016
Habe Markus heute 5:1 in Tipp-Kick besiegt. Ich würde mein Spiel mittlerweile als passabel bezeichnen. Das Sticken geht mir auf die Nerven.

1. April 2016
Ich hasse Sticken und Wolfgang Petry.

4. April 2016
Ich pack das Sticken nicht mehr, habe heute einen Fehler gemacht und musste eine ganze Zeile wieder auftrennen. Die Verkäuferin von „Reginas Nähzubehör“ lacht schon jedes Mal, wenn sie mich sieht. Zumindest ist ein Ende in Sicht.

5. April 2016 Wolfgang Petry ist fertig. Es fühlt sich an wie das Ende eines Lebensabschnitts. Wenn mich Rainer Pariasek fragen würde, ob ich es schon realisiert habe, müsste ich mit Nein antworten. Ich sticke nie wieder.
*Macht aber nichts, denn er war sensationell gut.
Erschienen im Frühling 2016
Share