Text - Wolfgang hofbauer
 

 

Das Übliche ist das Beste!*
Und was ziehen wir heute an? Den grauen Anzug mit dem weißen Hemd oder den grauen Anzug mit dem weißen Hemd? Wolfgang Hofbauer über den Reiz der immer gleichen Kleidung.
Vorbereitend muss man eines wissen: Ein Mann, der mehr als zwei Farben an sich trägt, ist würdelos. Das sagte einmal ein Engländer in einem Buch. Welcher Engländer in welchem Buch hab ich vergessen, zumal es auch ein Amerikaner in einem Film gewesen sein könnte. Der Satz gilt zusätzlich für Frauen. Bei denen sind übrigens Dunkelblau und Weiß erlaubt, die Pumps dürfen auch braun sein, wenn die blauen gerade kaputt sind. Waldviertler Gesundheitsschuhe sind zum Beispiel verboten.

Das sind die Grundlagen, sozusagen die Rahmenbedingungen für unser Thema. Also nur zwei Farben höchstens, und weniger nicht. Denn noch mehr als Menschen, die bunt angezogen sind, sind uns Menschen verdächtig, die zum Beispiel nur schwarz angezogen sind. Die gibt’s allerdings eh kaum noch, sie wurden ersetzt von singlespeedfahrenden Fritzkolatrinkern. Denen ist wurscht, was sie anhaben, solange es scheiße aussieht und ein Bart im Gesicht ist.

Aber zum Thema. Ein Mensch mit Würde und Herkunft ist nicht nur langweilig angezogen, er ist auch jeden Tag gleich langweilig angezogen. Nein, doch, das geht, ich selbst halte es seit vielen Jahren so. Dass ich kaum sozialen Umgang habe, muss nicht zwingend darauf zurückgeführt werden.

Die Vorteile eines solchen Lebens liegen auf der Hand. Man braucht nur daran zu denken, wie viel Zeit andere Menschen mit der allmorgendlichen Auswahl der Kleidung vernichten. Das ist gleich einmal eine halbe Stunde, die ich länger unter der Dusche stehen oder am Klo das Tagebuch der Baronin Spitzemberg lesen kann, weil ich schon weiß, was ich anziehen werde.

Langweilig? Zuverlässig!

Zum Ruf des Langeweilers, der ja von Vorteil ist, weil man solchermaßen gesellschaftlich weniger belästigt wird, fügt sich der des Zuverlässigen. Wenn man sich an jemanden wenden will, auf den man sich verlassen können muss und der obendrein auch noch pünktlich erscheint, wird man sich an den wenden, der immer das Gleiche anhat. Da weiß man, was man hat (immer das Gleiche nämlich).

Ferner lässt sich mit geradlinigem Verhalten in puncto Kleidung eine charakterliche Beständigkeit verbinden, welche in wirren Zeiten wie den unseren – beziehungsweise allen anderen, denn die Zeiten sind immer wirr – besonders wichtig ist. Wer in der Früh beim Anziehen schon durchwegs orientiert ist, bewegt sich sicher durch den Tag und wird, dies eine Folge der kleiderlichen Beständigkeit, mindestens dreimal in der Woche dasselbe essen (was ich persönlich bestätigen kann). Zudem ist er krisenfester, weil er weiß: Es ist immer alles das Gleiche. Kein Grund zur Beunruhigung.

Psychologisch lässt sich ins Treffen führen, dass diese Art des Daseins gerade für eher ängstliche Naturen die ideale ist. Die wollen sich ja nicht exponieren, nicht auffallen, keine Experimente riskieren. Und die Angst davor ist weiter verbreitet, als man denkt. Mit immer das Gleiche anhaben kann man ihr ein Schnippchen schlagen.

Auch der Kleidungskauf verläuft angenehmer. Möchte man denken.

Das ist dann aber leider doch nicht so. Habe ich einen Winter lang graue Hosen, weiße Hemden und beige Pullover an (Weiß ist keine Farbe, sind also nur zwei), dann ist es keineswegs ausgemacht, dass ich genau diese nach dem Winter natürlich nicht mehr neu aussehenden und daher wegzuwerfenden Sachen im nächsten Herbst der Art nach wieder bekomme. Ich erinnere mich an ein Jahr, wo man mir in den Geschäften ungerührt mitteilte: „Einen beigen Pullover? Werden Sie heuer kaum finden.“

Die Mailänder Modemafia hatte entschieden, dass ich in jenem Jahr auf blaue Pullover umstellen musste.

Es kommt aber noch schlimmer, nämlich in der Gegenwart. Wer nicht das Geld hat, sich seine Kleidung maßanfertigen zu lassen oder wenigstens am Wiener Kohlmarkt einzukaufen, der wird früher oder später in einer Kleidergeschäftkette landen. Die Armen bei H&M, die nicht so Armen bei P&C. Und diese ändern ihre Kollektionen mittlerweile täglich. Das wiederum führt, zumindest bei mir, zu Zwangsmassenkäufen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine Hose gekauft habe. Vier sind Minimum.

Das führt wiederum zu hohen Verlusten, da ich eine Trefferquote von unter 20 Prozent habe. Acht von zehn Einkäufen kommen nicht zum Einsatz. Das heißt: Von 40 Hosen schaffen es nur acht an die Front. Das waren die Nachteile davon, wenn man immer dasselbe anziehen will.

*Das skandierte man in der TV-Serie "How I met your mother", als es darum ging, vielleicht einmal was Neues auszuprobieren.


Erschienen im Winter 2015
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